Hrušky

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Hrušky
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 11. Mai 2026

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließen sich die ersten Rom:nja in dem überwiegend landwirtschaftlich geprägten Dorf Hrušky (Bezirk Břeclav, heutige Tschechische Republik) nieder. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Schmiede, Handwerker und Tagelöhner:innen auf dem örtlichen Gutshof.

Familie Dycha

Im Jahr 1910 ließ sich der 1877 in Tvarožná Lhota, Bezirk Hodonín, geborene Josef Dycha in Hrušky (damals ca. 1 500 meist tschechische Einwohner:innen) nieder und baute dort später auf städtischem Grund ein neues Haus. Im Jahr 1929 heiratete er Estera Danihelová, die 1902 im nahe gelegenen Dorf Čáry (Bezirk Senica, heute Slowakei) geboren wurde. Sie hatten drei Söhne (Jaroslav, geb. 1927, Josef, geb. 1934, Jan, geb. 1939) und fünf Töchter (Rozálie, geb. 1929, Anna, geb. 1930, Josefa, geb. 1932, Marie, geb. 1936, Helena, geb. 1942). Außerdem zogen die Eheleute auch Esteras unehelichen Sohn Damián Danihel auf, der im Dorf als Damián Malík bekannt war (geb. 1921 in Čáry).

In der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit waren die Mitglieder der Familie Dycha die einzigen Rom:nja, die im Dorf lebten. Zeitgenoss:innen erinnern sich an eine arbeitsame und vorbildliche Familie, die trotz materieller Not stark in das lokale soziale Gefüge eingebunden gewesen sei. Josef Dycha war Schmied und arbeitete zudem als Tagelöhner für die Bauern des Ortes, ebenso wie seine Frau Estera und ihr Sohn Damián. Darüber hinaus war Josef Dycha gelegentlich für die Gemeinde tätig. Ungefähr zu Beginn des Zweiten Weltkrieges begann Estera Dychová, in der örtlichen Volksschule als Hausmeisterin zu arbeiten.

Verfolgung und Deportation

Nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren im März 1939 waren die Dychas zusammen mit anderen Personen und Familien, die als Zigeuner bezeichnet wurden, der damit verbundenen Verfolgung ausgesetzt. Die Familie stand unter ständiger Überwachung durch Mitarbeitende der örtlichen Behörden (Gendarmerie, Schule), die ihren Vorgesetzten regelmäßig Bericht erstatteten.

Der Auschwitz-Erlass vom Dezember 1942 betraf auch die Familie Dycha. Die Eheleute wurden zusammen mit allen ihren Kindern zunächst in den Massentransport der Rom:nja und Sinti:ze aus dem Protektorat aufgenommen, der am 19. März 1943 in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau abging. In der Stadt Strážnice, dem örtlichen Sammelpunkt für die Deportation, wurde jedoch – vermutlich am 15. März 1943 – beschlossen, die Dychas aus dem Transport zu nehmen und nach Hause zurückkehren zu lassen. Die genauen Gründe dafür sind unklar, aber die guten sozialen Beziehungen der Dychas in Hrušky könnten eine Rolle gespielt haben; ebenso könnte es eine Intervention lokaler Behörden oder Funktionsträger, wie des Bürgermeisters und/oder seines Vorgängers, gegeben haben.

Familie Dycha wurden jedoch von der Kriminalpolizei für den vierten Massentransport von Rom:nja und Sinti:ze aus dem Protektorat Böhmen und Mähren bestimmt, der am 7. Mai 1943 mit mehr als 860 Männern, Frauen und Kindern in Auschwitz-Birkenau eintraf. Alle Mitglieder der Familie Dycha fielen den katastrophalen Bedingungen im Lagerabschnitt BIIe zum Opfer. Vater Josef Dycha starb am 2. Juli 1943, Mutter Estera Dychová am 30. Oktober 1943. Auch die Kinder verstarben innerhalb kurzer Zeit: Helena am 26. Mai 1943, Josef am 1. Juli 1943, Jaroslav am 13. Juli 1943, Jan am 2. November 1943, Josefa am 11. Dezember 1943, Rozálie am 4. Januar 1944, Marie am 9. Januar 1944 und Anna am 11. Februar 1944.

Der einzige Rom aus Hrušky, der nicht von den Deportationen betroffen war, war Damián Danihel, der uneheliche Sohn von Estera Dychová. Zeitgenössischen Dokumenten zufolge wurde er dank seiner slowakischen Staatsangehörigkeit gerettet, die ihn auf dem Gebiet des Protektorats als Ausländer klassifizierte. Zeugenaussagen zufolge trugen auch der damalige Bürgermeister Metoděj Hrabě (1886–unbekannt) und sein Vorgänger, Danihels Arbeitgeber und Beschützer Vojtěch Hřebačka (1888–unbekannt), zu seiner Rettung bei. Nach 1945 zog Damián Danihel in die Slowakei, wo er eine Familie gründete und vier Söhne und eine Tochter hatte. Er starb 1985 und wurde an seinem Wohnort in der Slowakei begraben.

Gedenken

Die Erinnerung an die Familie Dycha ist in Hrušky nach wie vor lebendig, vor allem bei Zeitgenoss:innen. Die Familie wird in mehreren Publikationen zur Geschichte des Dorfes erwähnt, die nach 1989 veröffentlicht wurden. Ein offizielles Gedenken an sie existiert im Dorf jedoch bislang nicht, obwohl dort nach 1945 mehrere Gedenktafeln und ein Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges errichtet wurden.

Zitierweise

Michal Schuster: Hrušky, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 11. Mai 2026.-

1942
16. Dezember 1942„Auschwitz-Erlass“: Heinrich Himmler, Chef der Schutzstaffel („Reichsführer-SS“), des Reichssicherheitshauptamtes und des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, ordnet die Deportation von Sinti:ze und Rom:nja aus dem Deutschen Reich in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an.
1943
15. März 1943Vermutlich an diesem Tag wird die zehnköpfige Familie Dycha in Hrušky zur Deportation in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (deutsch annektiertes Polen) verhaftet. Dank der Unterstützung der örtlichen Behörden werden sie freigelassen. Später werden sie jedoch mit dem vierten Transport aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (deutsch besetzte böhmische Länder) in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Niemand überlebt.
7. Mai 1943Etwa 860 Männer, Frauen und Kinder, hauptsächlich Gefangene des Zwangslagers Lety bei Pisek, werden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (deutsch annektiertes Polen) registriert. Sie wurden mit dem vierten Deportationszug aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (deutsch besetzte tschechische Länder) auf der Grundlage des „Auschwitz-Erlasses“ deportiert.