Reichenberg ist der Name der Stadt Liberec in Nordböhmen, Tschechische Republik, den die Nationalsozialist:innen ihr im April 1939 gaben, als die Stadt zur Hauptstadt des neu gegründeten Reichsgaues Sudetenland im Deutschen Reich ernannt wurde. Das Gebiet um die Stadt entwickelte sich zu einem Zentrum der Rüstungsindustrie, was zu einem umfangreichen Einsatz von Zwangsarbeiter:innen in den örtlichen Fabriken und Unternehmen führte.
Die ersten Zwangsarbeitslager, die in Reichenberg errichtet wurden, waren vier Zwangslager für Sinti:ze und Rom:nja; sie wurden von der Stadtverwaltung zwischen 1939 und 1943 betrieben. Das Wissen über den Alltag in diesen Lagern ist äußerst lückenhaft. Auf der Grundlage einer Zeugenaussage und der Datenbank des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau kann davon ausgegangen werden, dass die überwiegende Mehrheit der Sinti:ze und Rom:nja die späteren Deportationen in Konzentrationslager nicht überlebte.
Zwangsarbeit und Zwangslager
Das erste Lager in Reichenberg wurde von der örtlichen Firma J.W. Roth betrieben und befand sich wahrscheinlich in den beiden heute noch erhaltenen Holzbaracken in der Nähe der Kunratická-Straße, unweit eines später eröffneten Steinbruches. Das Lager war offenbar nur im Herbst 1939 in Betrieb. Die romani Insass:innen wurden zu Bauarbeiten für J.W. Roth gezwungen und errichteten zwischen 1939 und 1941 in Reichenberg eine Siedlung mit fünfzehn Wohnhäusern.
Das zweite Lager wurde Ende 1939 in der Nádražní-Straße eingerichtet, wiederum auf Initiative von J.W. Roth. Es befand sich in einem verlassenen, bis heute existierenden Gebäude einer alten Fabrik, die der Firma Textilana gehörte. Dort mietete die Reichenberger Stadtverwaltung einen großen Saal im Erdgeschoss an, der Platz für 80 Personen bot. Die Unterbringung war vollkommen unzureichend, da sich das Gebäude in einem baufälligen Zustand befand.
Bislang sind nur zwei Quellen zu den Lebensbedingungen im Lager bekannt, bei beiden handelt es sich um Beschwerden. Die erste Beschwerde wurde im Januar 1940 von Oberbaurat Funke (Lebensdaten nicht bekannt) eingereicht, der die Unterbringung der Rom:nja und Sinti:ze als unmenschlich bezeichnete. Die zweite Beschwerde schrieb am 14. August 1940 Franz Bernhardt (1888–1943), der später im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau starb, an die örtliche Polizeistation. Er schilderte den katastrophalen Zustand des Gebäudes, das Stück für Stück einstürzte, sodass die Insass:innen aufgrund des Lärms nicht schlafen konnten und an Leib und Leben bedroht waren. In Reaktion auf diese Beschwerde begab sich eine Untersuchungskommission zum Ort des Geschehens und kam zu dem Ergebnis, dass die Fabrik zwar einstürzte, aber nur die benachbarten Gebäude bedrohte, nicht aber die dort untergebrachten Sinti:ze und Rom:nja. Unter diesen Umständen war niemand bereit, in die baufällige Fabrik zu investieren. Das Lager wurde zwischen Juni und August 1941 aufgelöst, und die Insass:innen wurden in ein neu errichtetes Lager in der Kunratická-Straße verlegt.
Zur gleichen Zeit wurde ein drittes Lager für Rom:nja und Sinti:ze im Bezirk Horní Růžodol betrieben. Es soll in einem baufälligen Privathaus untergebracht gewesen sein, nähere Informationen wurden bislang nicht aufgefunden.
Das vierte Lager (in zeitgenössischen offiziellen Dokumenten als „Konzentrationslager“ bezeichnet) in der Nähe der Kunratická-Straße bestand aus einem gemauerten Barackenblock und wurde eigens zur Einweisung von Sinti:ze und Rom:nja errichtet. Den Bauplänen zufolge war der Block in einen Aufenthaltsraum mit einer Fläche von 96 Quadratmetern, einen Schlafbereich von 338 qm und einen Waschraum mit einer Fläche von 10,2 qm unterteilt. Etwa 130 Männer, Frauen und Kinder wurden dort ab August 1941 zwangsweise untergebracht, bevor sie im Laufe des Jahres 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Einige Sinti:ze und Rom:nja wurden am 14. März 1943 deportiert, aber Einzelheiten über die erfolgten Deportationen sind derzeit nicht bekannt.
Nach 1945
Am 25. Juni 2018 wurden auf Initiative des Verbands der romani Vertreter:innen der Region Liberec und des Historikers Ivan Rous (geb. 1978) vom Nordböhmischen Museum in Liberec, der Pionierarbeit bei der historischen Erforschung der Lager geleistet hat, sieben Holzkreuze auf dem Gelände des vierten Lagers aufgestellt. Das Gebäude selbst war in den 1960er-Jahren abgerissen worden. Die Kreuze stehen stellvertretend für sieben Jungen, die in dem Lager geboren wurden und später in Auschwitz starben: Anton Bamberger, Max Bamberger, Raimund Bamberger, Adolf Bernhardt, Fritz Richter, Johann Richter und Rudolf Richter.
Zwischen September und November 2020 wurden auf dem Gelände archäologische Untersuchungen durchgeführt und die Überreste des Lagergebäudes freigelegt. Die Gemeinde Liberec errichtete dort eine Gedenkstätte, die am 22. Februar 2024 eingeweiht wurde. Auf Initiative des Verbands der romani Vertreter:innen der Region Liberec wurden auf dem zentralen Platz von Liberec Stolpersteine für drei Sinti aus der Stadt verlegt, die in Auschwitz umgekommen sind: am 19. November 2018 für Alfred Kraus und am 13. September 2019 für Adolf Bernhardt und Franz Bernhardt.




