Infolge der nationalsozialistischen Eroberungspläne für Europa und des Münchner Abkommens vom September 1938 wurde die Erste Tschechoslowakische Republik zerschlagen. Zunächst annektierte Deutschland die Grenzgebiete der Tschechoslowakei (das Sudetenland), anschließend wurden Teile Schlesiens an Polen abgetreten.
Das Grenzgebiet war jahrhundertelang überwiegend von einer deutschsprachigen Bevölkerung besiedelt worden und litt stark unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Dies führte in den 1930er-Jahren zum Aufstieg der Sudetendeutschen Partei (SdP), die gegründet wurde, um die Interessen der deutschsprachigen Minderheit zu vertreten und die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage für Angriffe auf den tschechoslowakischen Staat zu nutzen. Der Aufstieg und der politische Erfolg der SdP wurden auch durch das Erstarken der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in Deutschland beeinflusst, von der sie ideologisch und organisatorisch unterstützt wurde.
Annexion im Jahr 1938
Unmittelbar nach dem Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland im Jahr 1938 begann in dem Gebiet die Einführung deutscher Rechtsnormen und die Nazifizierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens. In diese Zeit fallen auch die Vertreibung und Flucht der tschechischen und jüdischen Bevölkerung sowie der deutschen Antifaschist:innen in die übrigen Teile der Tschechoslowakei. Zu den ersten, die von der neuen politischen Situation betroffen waren, gehörten auch die in den Grenzgebieten lebenden Rom:nja und Sinti:ze.
Die deutschen Behörden begannen sofort mit der Anwendung der nationalsozialistischen Gesetze, einschließlich aller bestehenden Maßnahmen gegen „Zigeuner“ (vor allem die Festsetzung und die Anwendung des Erlasses zur ‚Bekämpfung der Zigeunerplage‘). Familien von Sinti:ze und Rom:nja, die keinen Wohnsitz in den annektierten Gebieten nachweisen konnten, wurden den tschechoslowakischen Behörden gemeldet und über die Grenze abgeschoben. Die tschechoslowakischen Polizeibehörden schickten einen Teil der Abgeschobenen jedoch wieder zurück nach Deutschland, sodass einige von ihnen die Staatsgrenze mehrfach überquerten – legal und illegal.
Zwangslager und Zwangsarbeit
Die romani Bevölkerung wurde nach und nach in verschiedenen Zwangslagern interniert, oft zum Zweck der Zwangsarbeit. In Reichenberg (Liberec) in Nordböhmen, das 1939 Hauptstadt des Reichsgaues Sudetenland wurde, wurden zwischen 1939 und 1943 vier Lager für „Zigeuner“ aus der Region Liberec eingerichtet. Auch in Schlesien wurden Rom:nja und Sinti:ze eingesperrt, zum Beispiel in Zwangslagern in Osoblaha (damals Hotzenplotz, heute Bezirk Bruntál) und Dolní Marklovice (damals Nieder Marklowitz, heute Bezirk Karviná).
Etwa tausend Männer, Frauen und Kinder aus dem zum Deutschen Reich gehörenden tschechischen und mährischen Grenzgebiet wurden anschließend auf der Grundlage des Auschwitz-Erlasses in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten von ihnen wurden im März und April 1943 in Massentransporten zusammen mit deutschen und österreichischen Sinti:ze und Rom:nja deportiert. Nur sehr wenige überlebten.
Die Namen der tschechischen, mährischen und schlesischen Rom:nja und Sint:ze erscheinen in den Aufzeichnungen des Lagerabschnitts BIIe in Auschwitz-Birkenau, aufgelistet nach Ort und Datum der Abfahrt des Transports. Die meisten von ihnen wurden als deutsche Staatsangehörige registriert. Am 17. März 1943 waren beispielsweise 658 Sinti:ze und Rom:nja aus dem Sudetenland im Lager registriert. Rom:nja und Sinti:ze aus Mikulov (deutsch Nikolsburg, heute Bezirk Břeclav) und Umgebung wurden am 8. April 1943 mit einem Massentransport aus dem österreichischen Burgenland deportiert.
Detaillierte Forschungen zum Schicksal der Rom:nja und Sinti:ze aus dem tschechoslowakischen Grenzgebiet stehen noch aus. Das Thema wurde von dem Historiker Ctibor Nečas (1933–2017) in seinem 1981 erschienenen Buch „Nad osudem českých a slovenských Cikánů 1939-1945“ über die Geschichte der tschechischen und slowakischen Rom:nja während des Zweiten Weltkrieges knapp behandelt. Die Namen der Männer, Frauen und Kinder aus dem Sudetenland, die in Auschwitz-Birkenau inhaftiert waren, sind überdies in seinem Buch „Aušvicate hi khér báro. Čeští vězňové cikánského tábora v Osvětimi II-Brzezince“ publiziert, das 1992 veröffentlicht wurde und Listen von Häftlingen aus dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik enthält. Regionale Forschungen über die Zwangslager für Rom:nja und Sinti:ze in Reichenberg wurden von dem Historiker Ivan Rous (geb. 1978) durchgeführt.
Seit 1989 findet in einigen Gemeinden auch ein regelmäßiges Gedenken an die Opfer statt, das hauptsächlich von verschiedenen lokalen romani Vereinen initiiert wird. Die Verlegung von Stolpersteinen in Liberec stellt eine Ausnahme dar.




