Die Republik Moldau ist seit dem 27. August 1991 unabhängig. Ihre westliche Grenze zu Rumänien verläuft entlang des Flusses Prut; im Norden, Osten und Süden grenzt das Land an die Ukraine. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der größte Teil des heutigen Staatsgebiets der Republik Moldau bis Juni 1940 sowie zwischen Juni 1941 und August 1944 von Rumänien als „Bessarabien“ verwaltet und unterstand in der übrigen Zeit der Kontrolle der Sowjetunion. Zwischen 1942 und 1944 wurden Rom:nja aus Bessarabien erfasst und nach Transnistrien deportiert, wo viele von ihnen starben.
Fürstentum Moldau und Bessarabien (1812–1918)
Der Name Moldau kann sich auch auf das Fürstentum Moldau beziehen, das in nationalen Darstellungen als das „historische Moldau“ bezeichnet wird. Im Jahr 1812 wurden dessen östliche Teile vom Russischen Reich annektiert und in Bessarabien umbenannt – ein Name, der zuvor nur für die südliche Region verwendet worden war, die heute als Budschak bekannt ist. Der westliche Teil des Fürstentums wurde 1859 zu einer Region Rumäniens, die den Namen Moldau erhielt. Budschak gehört heute zusammen mit der Nordbukowina und der Region Herza, zwei weiteren Regionen des Fürstentums Moldau, zur Ukraine.
Im Fürstentum Moldau lebte die überwiegende Mehrheit der Rom:nja in einem Zustand persönlicher Abhängigkeit; sie hatten den rechtlichen Status von Sklaven und waren dem Fürsten, Klöstern oder Bojaren zugehörig. Nach der Annexion von Bessarabien durch das Russische Reich im Jahr 1812 wurde dieser Status neu definiert: Aus Sklaven wurden Leibeigene, die entweder dem Staat oder einem Grundbesitzer gehörten. Im Fürstentum Moldau wurden die versklavten Rom:nja je nach Zugehörigkeit nacheinander durch eine Reihe von Gesetzen befreit, die zwischen 1844 und 1856 erlassen wurden. In dem russischen Gouvernement Bessarabien gehörten die Rom:nja zu den letzten Leibeigenen; ihre Befreiung erfolgte nach der Verlesung des Emanzipationsmanifests vom 19. Februar 1861 in der Kathedrale von Chișinău.
Bessarabien (1918–1940)
Laut der allgemeinen Volkszählung vom 29. Dezember 1930 betrug die Anzahl der Rom:nja in Bessarabien, das vom 27. März 1918 bis zum 28. Juni 1940 zu Rumänien gehörte, 13 518 Personen. Ihre Lage war in der Zwischenkriegszeit dieselbe wie die der Rom:nja im übrigen Rumänien. Während sich in Bukarest und anderen großen rumänischen Städten zu dieser Zeit eine rege intellektuelle romani Bewegung entwickelte, finden sich keine Belege dafür, dass diese bei den bessarabischen Rom:nja Resonanz fand.
Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (1940–1941)
Im Anschluss an die im August 1939 zwischen Deutschland und der Sowjetunion unterzeichneten Geheimprotokolle des Ribbentrop-Molotow-Paktes erklärte Deutschland, dass es kein politisches Interesse an Bessarabien habe, und akzeptierte damit implizit die territorialen Ansprüche der UdSSR. Weniger als ein Jahr später gerieten Bessarabien und die Nordbukowina auf ein 24-Stunden-Ultimatum hin am 28. Juni 1940 unter sowjetische Kontrolle. Am 2. August 1940 wurde das sowjetische Bessarabien, in das die 1924 gegründete Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (MASSR) eingegliedert worden war, in Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik (MSSR) umbenannt. Sechs der neun Kreise Bessarabiens und sechs der dreizehn Bezirke der ehemaligen MASSR gingen in der MSSR auf, der Rest wurde der Ukrainischen SSR angegliedert.1Casu, „Patterns of Succession“, 72.
Einigen Schätzungen zufolge forderte der Rückzug der rumänischen Evakuierungskräfte und die Etablierung der sowjetischen Kontrolle in Bessarabien mehrere hundert Opfer. Bis heute ist die Frage nach den Opfern dieses Regimewechsels außerhalb der nationalen Narrative unerforscht und führt zu heiklen öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten in der Region. Bei der Verfolgung von ehemals loyalen Beamten der rumänischen Verwaltung in Bessarabien sowie von Personen, die entweder als Verräter an Rumänien oder als illoyal gegenüber dem neuen sowjetischen Regime galten, kam es auf beiden Seiten zu Repressalien gegen verschiedene Bevölkerungsgruppen; dabei wurde die ethnische Zugehörigkeit jeder Person genau unter die Lupe genommen und konnte von entscheidender Bedeutung sein.
Was die Rom:nja betrifft, liegen kaum Daten über ihre Präsenz unter den Opfern zum Zeitpunkt des Regimewechsels und der Repressionen vor, die diese erste sowjetische Besatzung prägten. Eine Hypothese, die sich auf die Deportationslisten stützt, legt jedoch nahe, dass sich unter den Personen oder Familien, die in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1941 bei der ersten stalinistischen Massendeportation in der MSSR ins Visier genommen wurden, auch romani Familien befanden. Insgesamt belief sich die Anzahl der Opfer unter dem sowjetischen Regime in der MSSR zwischen Juni 1940 und Juni 1941 auf mehr als 90 000 Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft.
Rumänische Verwaltung (1941–1944)
Am 22. Juni 1941, dem Tag, an dem Deutschland in die Sowjetunion einmarschierte, änderte sich die Lage für die MSSR erneut: Sie nahm wieder den alten Namen Bessarabien an und wurde wieder unter rumänische Verwaltung gestellt. Rumänien trat unter dem Regime von Marschall Ion Antonescu (1882–1946) an der Seite Deutschlands in den Krieg ein.
Den Protokollen der Sitzungen des Ministerrats der Antonescu-Regierung zufolge war für Bessarabien und die Nordbukowina ein neues Verwaltungsmodell geplant. Durch die Gewährung von mehr Freiheit und Autonomie sollte sich dieses neue Modell von demjenigen unterscheiden, das die rumänische Verwaltung zwischen 1918 und 1940 in Bessarabien praktiziert hatte. Zudem sollten alle Spuren des sowjetischen Regimes wirksam beseitigt werden. General Constantin Voiculescu (1890–1955) fungierte als erster Militärgouverneur von Bessarabien, und General Olimpiu Stavrat (1888–1968) wurde im Mai 1943 zum zweiten Militärgouverneur ernannt.
Das neue Modell war von Beginn an mit ethnischen Säuberungen verbunden, nicht nur gegenüber Juden:Jüdinnen, sondern gegenüber allen „fremden Elementen“. So erklärte Mihai Antonescu (1904–1946), Staatsminister und Vorsitzender der Sitzungen des Ministerrats während der Abwesenheit von Ion Antonescu, am 17. Juni 1941, dass in Bessarabien und der Nordbukowina eine „Politik der vollständigen und gewaltsamen Beseitigung fremder Elemente“ verfolgt werde.2Ciucă, Stenogramele şedinţelor Consiliului de Miniştri, Bd. III, 570.
Am 6. April 1941 wurde in Rumänien eine Volkszählung durchgeführt, bei der auch die ethnische Zugehörigkeit erfasst wurde. In Bessarabien und der Nordbukowina fand die Volkszählung im Juli 1941 statt, unmittelbar nachdem beide Provinzen zurückerobert worden waren. Die nach ethnischer Herkunft gegliederte Bevölkerungstabelle weist 8 204 in Bessarabien ansässige Rom:nja aus. Von den elf in dieser Tabelle aufgeführten ethnischen Gruppen wurden nur Juden:Jüdinnen nicht explizit gezählt; anstelle einer Zahlenangabe wurde ein Bindestrich eingetragen. Bessarabien und die Nordbukowina wiesen eine vergleichsweise große jüdische Bevölkerung auf, die zudem in beiden Regionen eine wichtige wirtschaftliche Rolle einnahm3Alʹtman, Holokost na territorii SSSR, 613; Solonari, Purifying the Nation, 222.: Laut der Volkszählung von 1930 und den Daten des Zentralen Statistikinstituts aus demselben Jahr lebten 204 858 Juden:Jüdinnen in Bessarabien.4Institutul Central de Statistică. Anuarul statistic al României, 1937 și 1938, 60 f. Die Entscheidung, Juden:Jüdinnen in der Volkszählung in Bessarabien und der Bukowina nicht zu erfassen, ging auf Marschall Ion Antonescu zurück und wurde über Mihai Antonescu in der Sitzung des Ministerrats am 23. Juni 1941 übermittelt; dabei erklärte er, dass es eine separate Volkszählung der Juden:Jüdinnen geben werde.5Ciucă, Stenogramele şedinţelor Consiliului de Miniştri, Bd. III, 616 f.
Bestimmten Schätzungen zufolge wurden zwischen Ende Juni und Anfang September 1941 im Zuge des Vormarsches der rumänischen und deutschen Truppen nach Bessarabien mehrere Zehntausend Juden:Jüdinnen ermordet, während andere unter unterschiedlichen Bedingungen in Ghettos in Bessarabien interniert und anschließend im Herbst 1941 nach Transnistrien deportiert wurden. Nur eine kleine Zahl von Juden:Jüdinnen entging der Deportation und Ermordung und blieb in Bessarabien. Dazu gehörten Personen in „Mischehen“ und deren Kinder sowie einige Dutzend Fachkräfte, auf deren Fähigkeiten die Verwaltung angewiesen war.6Alʹtman, Holokost na territorii SSSR, 88.
Rom:nja erwähnen in ihren Oral-History-Zeugnissen über die Zeit des Zweiten Weltkriegs häufig Gewalttaten gegen Juden:Jüdinnen in verschiedenen ländlichen und städtischen Gebieten. Ein befragter Rom aus dem Dorf Parcani berichtete unter anderem: „Die Gendarmen erschossen die Juden aus Răciula […] das heißt, einen Juden aus Răciula, Haima, und noch heute ist der Ort, an dem er erschossen wurde, ein verfluchter Ort […]“.7Mihail (Pseudonym), geboren in den 1930er Jahren. Interviewt von der Autorin. Parcani, 18. Juli 2007. Ein anderer Rom aus dem Bezirk Drochia erzählte: „[…] die Juden wurden von Hitler und Antonescu weggebracht […] in Petreni wurden Hunderte von Juden am Teich erschossen; der Teich stöhnte […]“.8Gheorghe (Pseudonym), geboren in den 1920er Jahren. Interviewt von der Autorin. Chetrosu, 30. Juli 2008.
Deportationen
Die Kriterien zur Feststellung der „rumänischen ethnischen Herkunft“ wurden den für die Deportationen zuständigen Verwaltungsbehörden nicht klar dargelegt. Das dafür zuständige Justizministerium der Antonescu-Regierung arbeitete daher an verschiedenen Gesetzen, um die zahlreichen Nachfragen lokaler Verwaltungen, welcher „Kategorie von Zigeunern“ eine Bescheinigung über die „rumänische ethnische Herkunft“ ausgestellt werden könne, zu beantworten. Diese Bescheinigung war ein unverzichtbares Dokument für alle, die unter dem Antonescu-Regime ein Gewerbe oder einen Beruf ausüben wollten. Ihr Fehlen konnte nicht nur den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern auch die Deportation zur Folge haben. Trotz des Vorschlags von Beamten des Justizministeriums, die Formulierung „rumänischer Zigeuner“ in die Bescheinigungen über die ethnische Herkunft aufzunehmen, blieb die Lage der Rom:nja äußerst prekär.
Die bessarabischen Rom:nja waren ab Mai 1942 von der Deportationspolitik des Antonescu-Regimes betroffen, als auf dem gesamten Gebiet Rumäniens einschließlich Bessarabiens ein geheimer Volkszählungserlass umgesetzt wurde. In mehreren Etappen wurden in den Monaten Juli bis November 1942 von den 8 204 während der Volkszählung in Bessarabien erfassten Rom:nja 2 237 Rom:nja nach Transnistrien deportiert; 135 waren dabei als „țiganii nomazi“ [„nomadische Zigeuner”] und 2 102 als „țiganii nenomazi“ [„nicht-nomadische Zigeuner”] erfasst worden.
Die Deportation der als „nomadisch“ eingestuften Rom:nja erfolgte im Sommer 1942 zu Fuß und in Konvois, mit einem letzten Kontrollpunkt in dem Gebiet, das von den rumänischen Behörden als „Sammelzone für die Überquerung des Dnister“ bezeichnet wurde und sich entlang des Flusses Dnister [Rumänisch: Nistru, Ukrainisch: Dnister] auf der bessarabischen Seite befand. In dieser Zone gab es vier Grenzübergänge: Tighina (der wichtigste), Criuleni, Cosăuți und Otaci.
Eine unbekannte Anzahl von Rom:nja starb auf bessarabischem Gebiet auf dem Weg nach Transnistrien. Familien versuchten auf verschiedene Weise zu fliehen. Der Fall der Bewohner:innen des Dorfes Parcani (die heute von Nachbar:innen aus umliegenden Dörfern als Rom:nja identifiziert werden, sich selbst jedoch als Nicht-Rom:nja bezeichnen) zeigt, dass sie unter ständiger Gefahr der Deportation standen. Um der Deportation zu entgehen, versteckten sich alle Familien dieses Dorfes den ganzen Sommer über im nahegelegenen Wald.9Elena (Pseudonym), geboren in den 1930er Jahren. Interviewt von der Autorin. Parcani, Juli 2007.
Die deportierten Rom:nja wurden Tag und Nacht von Gendarmen in Konvois von einem Posten zum nächsten eskortiert, wobei Zwischenstopps außerhalb besiedelter Gebiete eingelegt wurden. Der letzte Posten vor der Weiterbeförderung nach Transnistrien war für viele deportierte Rom:nja Tighina, der wichtigste Kontrollpunkt zwischen Bessarabien und Transnistrien. Der Nachkomme eines Überlebenden berichtet in einem Interview von einer älteren romani Partisanin, die in der Umgebung dieses Kontrollpunkts aktiv war und der es gelang, der Deportation zu entgehen.10Nina (Pseudonym), geboren in den 1940er Jahren. Interviewt von der Autorin. Bălăbănești, 24. Oktober 2014.
Für die 2 102 Rom:nja, die in den Deportationsunterlagen als „nicht-nomadisch“ aufgeführt sind, wurden im September 1942 verschiedene, oft improvisierte Transportmittel eingesetzt. Nur ein Teil von ihnen wurde in einem der Sonderzüge befördert: mit dem Zug mit der Nummer E11 am 16. September 1942.
Wie viele Rom:nja aus Bessarabien ihr Leben verloren und wie vielen die Flucht gelang, lässt sich nur schwer ermitteln. Viele Rom:nja starben jedoch in den Lagern und Ghettos in Transnistrien an Hunger, Kälte und Misshandlung. Das am häufigsten wiederkehrende Thema in den Verwaltungsberichten über deportierte Rom:nja in Transnistrien ist der Mangel an Kleidung. Dies war die Folge der von der Verwaltung durchgeführten „hygienischen Maßnahmen“ zur „Entseuchung“ der Rom:nja, die mit der vermeintlich hohen Zahl an Typhusinfektionen unter ihnen begründet wurden.
Aglaia Arap (geb. 1935) aus dem romani Dorf Ursari in Bessarabien behielt als eindrücklichstes Erlebnis an ihre Deportation den Morgen in Erinnerung, als ein Offizier auf einem weißen Pferd kam, um sie aus dem Lager in Transnistrien abzuholen. Zunächst glaubten sie und ihre gesamte Familie, dass sie zu einem Hinrichtungsort gebracht würden, und waren daher überrascht, als sie feststellten, dass ein öffentliches Bad vorbereitet worden war. Sie ließen ihre Kleidung vor dem Eingang des Bades zurück. Als sie jedoch fertig waren, stellten sie fest, dass ihre Kleidung vom Eingang verschwunden war. An diesem Tag, so erinnert sich die Überlebende, starben viele Menschen aufgrund der winterlichen Kälte.11Arap, Aglaia, geboren 1935. Interviewt von der Autorin. Ursari, Frühjahr–Sommer 2007; Duminică, „Comunitatea romilor ursari din satul Ursari“, 263.
Die Frage nach einer Rückkehr nach Bessarabien stellte sich, sobald die ersten Deportierten in Transnistrien ankamen. Die Gendarmerie meldete etwa 700 Anträge bessarabischer Rom:nja auf Rückführung. Die meisten Anträge wurden abgelehnt. Die Entscheidung konnte einerseits auf Kategorisierungs- und Identifizierungssystemen beruhen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichten; etwa wenn der versklavte Großvater als Koch im Haushalt eines Bojaren gedient hatte; andererseits konnten auch politische Erwägungen eine Rolle spielen, die mit den ursprünglichen Gründen für die Deportation nichts zu tun hatten, etwa eine frühere Tätigkeit als Vertrauensperson der Bolschewiki.
Moldauische SSR (1944–1991)
Die Wiedererlangung der sowjetischen Kontrolle über Bessarabien im August 1944 und die Wiederherstellung der MSSR markierten einen politischen Wendepunkt, der fast fünf Jahrzehnte andauerte und 1991 mit der Auflösung der UdSSR und der Ausrufung der Unabhängigkeit der Republik Moldau endete.
Von den ersten Tagen der sowjetischen Machtübernahme an richteten die sowjetischen Behörden Kontrollmechanismen für vertriebene oder repatriierte Bevölkerungsgruppen ein. Zwischen 1944 und 1947 betrieb das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten der UdSSR [Narodnyj komissariat vnutrennich del SSSR, NKWD/MWD SSSR] eine Überprüfungs- und Verifizierungsstelle in Chișinău. Unter den zwischen Januar 1946 und Februar 1947 überprüften Personen befanden sich 36 Rom:nja, die in eine separate Liste aufgenommen wurden. Ihr Schicksal nach dem Durchlaufen der Kontrollstelle bleibt unbekannt. Wie der Rest der Bevölkerung der MSSR, litten auch die Rom:nja unter der menschengemachten Hungersnot von 1946–1947.
In der MSSR blieb die Deportation von Rom:nja und Juden:Jüdinnen aus Bessarabien nach Transnistrien und ihre Ermordung unter dem Regime von Ion Antonescu während der gesamten Sowjetzeit ein Tabuthema. Während die „Nationalität“ (wie Moldawier:in, Bulgare:Bulgarin, Gagause:Gagausin, „Zigeuner”) jedes sowjetischen Bürgers bzw. jeder sowjetischen Bürgerin im Pass vermerkt war, wurden alle Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der UdSSR unterschiedslos als „sowjetische Bürger“ klassifiziert.
Eine Ausnahme bilden die beiden Bände einer zwischen 1975 und 1976 erschienenen Dokumentensammlung über die Moldauische SSR während des Zweiten Weltkriegs, in der die ethnische Zugehörigkeit der Rom:nja ausdrücklich erwähnt wird. Von den 1 102 Dokumenten in diesen beiden Bänden befasst sich ein fünfzeiliges Dokument – ein Auszug aus einem Bericht des Büros für die rumänische zivil-militärische Verwaltung von Bessarabien, der Bukowina und Transnistrien aus dem Jahr 1943 – mit den bessarabischen Rom:nja: „5. Gouverneur Professor Alexianu (1897–1946) berichtet dem Marschall, dass die nach Transnistrien evakuierten Roma hinsichtlich ihrer Versorgung mit Kleidung ein erbärmliches Bild bieten: Tausende von Männern, Frauen und Kindern sind völlig ohne Kleidung…“.12Moldavskaia SSR v Velikoi Otechestvennoi voine Sovetskogo Soiuza, Bd. 2, 153. Abgesehen von dieser Erwähnung blieben die Deportation und Ermordung der Rom:nja unsichtbar.
Das einzige Gesetzgebungsdokument der Nachkriegszeit, das sich auf Rom:nja in der UdSSR, einschließlich derjenigen in der MSSR, bezog, war ein Dekret vom 5. Oktober 1956. Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Eingliederung von Zigeunern, die ein Vagabundenleben führen, in die Arbeit“ [„Ukaz Prezidiuma Verchovnogo Soveta SSSR o priobščenii k trudu cygan, zanimajuščichsja brodjažničestvom“] war sehr kurz und formulierte klare Vorgaben. Wer sich nicht an die Anweisungen des Dekrets hielt, riskierte eine Verbannung von bis zu fünf Jahren, verbunden mit Zwangsarbeit. Getreu der Politik von Zuckerbrot und Peitsche setzten die sowjetischen Behörden die Bestimmungen des Dekrets in den 1960er- und 1970er-Jahren um. Eine der Folgen dieses Dekrets war die Umsiedlung von mehreren hundert Rom:nja (die genaue Zahl lässt sich nach wie vor nur schwer bestimmen) aus der Sowjetukraine und bestimmten Regionen Russlands in die MSSR zwischen 1966 und 1969.
Republik Moldau (seit 1991)
Die ersten öffentlichen Diskussionen und Veröffentlichungen über die Deportation von Rom:nja aus Bessarabien nach Transnistrien unter dem Regime von Ion Antonescu wurden nach der Auflösung der UdSSR und der Unabhängigkeitserklärung der Republik Moldau von einer kleinen Gruppe von romani und nicht-romani Aktivist:innen sowie Forscher:innen angestoßen, insbesondere in den 2000er-Jahren.
Am 22. Juli 2016 verabschiedete das moldauische Parlament den Abschlussbericht der Internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien unter dem Vorsitz von Elie Wiesel (1928–2016). Seitdem wird anlässlich des 27. Januar, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, eine Woche lang in der Hauptstadt Chișinău sowie in anderen Städten und Dörfern der Republik Moldau mit Gedenkveranstaltungen an Juden:Jüdinnen und Rom:nja, die beide als Opfer des Holocaust betrachtet werden, erinnert.




