Arc-et-Senans

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Arc-et-Senans
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 22. Juli 2026

Arc-et-Senans ist eine Kleinstadt im Département Doubs (Frankreich), die etwa 100 Kilometer von der Schweiz entfernt liegt. Während des Zweiten Weltkrieges lag sie in der von Deutschland besetzten Zone, nahe der Demarkationslinie zur sogenannten „Freien Zone“. Etwa 500 als Nomades kategorisierte Personen wurden zwischen dem 1. September 1941 und dem 11. September 1943 in einem Zwangslager interniert, das in der ehemaligen Saline royale d’Arc-et-Senans [Königliche Saline von Arc-et-Senans] eingerichtet wurde. Die Saline, 1779 zur Salzgewinnung erbaut, gehörte seit 1927 dem Département Doubs.

Internierung

Am 21. Mai 1941 ordnete die Feldkommandantur von Besançon die Internierung der als Tsiganes bezeichneten Personen aus den Départements Doubs, Haute-Saône, Territoire de Belfort und Jura an. Im Juni 1941 wurden in diesem Zusammenhang 50 Personen in die Forêt domaniale de la Chaux [Staatswald von Chaux] im Département Jura verlegt. Da sie nicht alle in dem ihnen zugewiesenen Forsthaus untergebracht werden konnten, lebten sie unter entsetzlichen hygienischen Bedingungen im Freien und hatten kaum Nahrung, weil sie keine Lebensmittelkarten erhielten. Die Familien beschwerten sich bei der örtlichen Kreiskommandantur, welche daraufhin ihre Evakuierung in die Wege leitete. Am 1. September 1941 wurden die Familien in das Centre de rassemblement des „Nomades“ [Sammelstelle für „Nomades“] in der ehemaligen Saline royale d’Arc-et-Senans verlegt. Zuvor hatte dieser Ort von Oktober 1939 bis Juni 1940 als Aufnahmelager für spanische Flüchtlinge gedient und war bis zum Sommer 1941 zunächst von der französischen und danach von der deutschen Armee genutzt worden.

Zusammensetzung der Internierten

Bei einer am 30. November 1942 durchgeführten Zählung wurden 253 Internierte, darunter 141 Kinder, registriert. Die Mehrheit der Internierten waren Sinti:ze (Manouches) und sogenannte Gens du voyage [Fahrende]; fast alle waren französische Staatsbürger:innen (94 %). Der Anteil der Kinder war im Zwangslager von Arc-et-Senans vergleichsweise hoch. Im Laufe des Jahres 1942 und 1943 trafen Familien aus anderen Départements der Region ein: Am 4. April 1942 wurden 25 Personen aus dem Département Moselle und 18 Personen aus den Vogesen, die von deutschen Behörden vertrieben worden waren, ins Lager überstellt. Im September 1942 wurden die im Zwangslager Moloy (Côte d’Or) internierten „Nomades“ nach Arc-et-Senans verlegt. Im Juli 1943 erfolgte die Einweisung der „Nomades“ aus dem Zwangslager von Fort de Peigney (Haute-Marne).

Das Lager

Am 8. Mai 1942 bewohnten 34 Familien die Hälfte der Räume der sieben Steinpavillons, die in einem Halbkreis angeordnet waren. Die Versorgung war nicht zentral organisiert, sodass die Familien das Lager verlassen durften, insbesondere um Arbeit zu verrichten. Der Lagerleiter, der pensionierte Capitaine der Gendarmerie Vernerey (Lebensdaten nicht bekannt), genehmigte zwar grundsätzlich Ausgänge; dennoch kam es zu zahlreichen Fluchtversuchen. Aufgrund von Beschwerden aus der Nachbarschaft änderte der Präfekt des Départements Doubs, René Linares (1899–1979), am 15. Mai 1942 den Status der Einrichtung und erklärte sie offiziell zu einem Internierungslager. Damit wurden die Ausgänge abgeschafft und die Versorgung systematisch organisiert. Die Bewachung des Lagers übernahmen Zollbeamte aus der Region. 

Die Lebensbedingungen blieben jedoch äußerst schwierig. Trotz der dicken Mauern war es in den Gebäuden kalt, da sie stark verfallen und unbeheizt waren. Geneviève Chandello-Félix (1933–2016), eine Manouche, die von 1942 bis 1943 in Arc-et-Senans interniert war, erinnerte sich 2008: „Wir wohnten im Erdgeschoss eines Gebäudes, fünf oder sechs Familien teilten sich das Erdgeschoss. Wir hatten nicht viel. Wir schliefen in einem kleinen Raum auf einem 90 Zentimeter breiten Eisenbett; wir hatten nur ein Stück Strohmatte und eine Decke. Uns war kalt. Tagsüber sammelte meine Großmutter kleine Zweige hinter dem Lager, um abends Feuer in einem kleinen Ofen zu machen.“1https://www.alaingagnieux.fr/migrations-et-itinerances/histoire-de-limmigration-dans-le-doubs/temoignages/genevieve-chandello-felix-internee-a-8-ans-au-camp-darc-et-senans-doubs/ [Zugriff: 18.03.2026]. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier.

Die Infrastruktur des Lagers war stark beschädigt: Treppen und Decken teilweise zerstört, Sanitäranlagen und Duschen außer Betrieb. Trotz einer eingerichteten Krankenstation führten die katastrophalen hygienischen Zustände zu zahlreichen Krankheiten wie Krätze. Zwischen Juli und November 1942 mussten rund sechzig Personen ins Krankenhaus eingeliefert werden. In der im Lager eingerichteten Schule, die von den Kindern besucht wurde, wurden alsbald Hygienemaßnahmen eingeführt. Geneviève Chandello-Félix berichtete: „Alle zwei Wochen kam ein Mitarbeiter, um uns aus hygienischen Gründen die Haare kurz zu schneiden, Jungen und Mädchen gleichermaßen; das diente der Läusebekämpfung.“2Ebd. Diese Maßnahmen waren jedoch nur bedingt wirksam: Im August 1943 wurden unter den 185 Internierten neben Läusen, Krätzmilben und anderem Ungeziefer 44 Fälle von Hauterkrankungen registriert.

Zwangsarbeit

Zwischen Oktober 1942 und April 1943 wurden vierzehn als „Nomades“ bezeichnete Personen von der Organisation Todt zur Zwangsarbeit eingezogen. Sie wurden dem Zementwerk in Champagnole im Jura zugewiesen. Einer von ihnen, Joseph Lagrené (1909–unbekannt), verletzte sich dabei, wodurch es ihm gelang, der Zwangsarbeit zu entkommen. Im Juli 1943 wurden weitere 46 Männer zur Zwangsarbeit eingezogen. Sie mussten in den umliegenden Wäldern arbeiten, insbesondere in der Forêt domaniale von La Joux.

Fluchtversuche und Schließung des Lagers

Die Einstufung der Saline als „Monument historique“ verhinderte die Installation von Stacheldraht an der leicht zu überwindenden Umfassungsmauer. Die Zollbeamten, die die Bewachung des Lagers übernahmen, waren unterbesetzt, unbewaffnet und für diese Aufgabe unqualifiziert, sodass sie die zahlreichen Fluchtversuche nicht verhindern konnten. Am 23. Juni 1943 betrug die Anzahl der Internierten 311 Personen, darin eingeschlossen 101 Geflohene. Viele Internierte flohen familienweise; häufig wurden sie wieder gefangen genommen, unternahmen aber erneut bis zu fünf neue Fluchtversuche. Aus diesem Grund forderten die deutschen Behörden die Schließung des Lagers, die am 11. September 1943 erfolgte. In diesem Zusammenhang wurden die verbleibenden 168 Internierten ins Zwangslager Jargeau (Loiret) überstellt.

Gedenken

Am 11. und 12. März 1999 organisierte das Institut Claude Nicolas Ledoux, Eigentümer der Anlage, ein Kolloquium zum Thema „Arc-et-Senans, camp d’internement: une étape dans le traitement discriminatoire des Tsiganes“ [Arc-et-Senans, Internierungslager: eine Etappe in der diskriminierenden Behandlung der „Tsiganes“]. Am 9. April 1999 wurde am Eingang der Saline eine Gedenktafel zu Ehren der internierten Familien enthüllt. Auch die Dauerausstellung dieses Kulturortes, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, erinnert Besucher:innen an die Geschichte des Lagers.

Einzelnachweise

Zitierweise

Marie-Christine Hubert: Arc-et-Senans, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 22. Juli 2026.-

1941
1. September 1941
Auf Anordnung des Präfekten des Départements Doubs, deutsch besetztes Frankreich, verlegen die französischen Behörden 50 „Nomades“ in ein Sammellager in Arc-et-Senans, das am 15. Mai 1942 offiziell zum Zwangslager erklärt wird. Im Laufe seines Bestehens werden dort etwa 500 Personen interniert.
1943
11. September 1943Das Zwangslager von Arc-et-Senans, deutsch besetztes Frankreich, wird geschlossen. Die 168 verbliebenen Internierten werden in das Zwangslager von Jargeau überstellt.
1999
9. April 1999Auf dem ehemaligen Gelände des Zwangslagers Arc-et-Senans in Frankreich wird eine Gedenktafel enthüllt, die an die etwa 500 Internierten erinnert.