Paneriai

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Paneriai
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 20. Mai 2026

Paneriai [Polnisch: Ponary, Jiddisch: Ponar] war die größte Mordstätte im deutsch besetzten Litauen. Von den etwa 50 000 bis 70 000 Menschen, die zwischen Juli 1941 und Juli 1944 in Paneriai ermordet wurden, waren die meisten Juden:Jüdinnen. Neuesten Forschungen zufolge wurden in Paneriai mehr als 130 Rom:nja ermordet.

Die Mordstätte und die Opfer

Zwischen 1923 und 1939, als der Bezirk Vilnius [Polnisch: Wilno] zu Polen gehörte, war der zwölf Kilometer südwestlich von Vilnius gelegene Wald von Paneriai ein beliebtes Erholungsgebiet für die lokale Bevölkerung. Während der sowjetischen Besatzung Litauens in den Jahren 1940/1941 wurde in Paneriai ein Flüssigtreibstofflager eingerichtet. Als Deutschland am 24. Juni 1941 Vilnius besetzte, entdeckte die Sicherheitspolizei (SiPo) das unfertige Depot in Paneriai, wo bereits ein Dutzend Gruben ausgehoben worden waren. Der Ort wurde gezielt als Mordstätte ausgewählt: Zu den Gründen gehörten die bereits vorhandene Infrastruktur sowie die abgeschiedene, aber zugleich gut erreichbare Lage, die einen einfachen Transport der Opfer per Lastwagen oder zu Fuß ermöglichte.

Die größte Opfergruppe stellten Juden:Jüdinnen aus Vilnius und der umliegenden Region dar. Zu den Opfern zählten zudem Angehörige der polnischen Intelligenz, Priester, Angehörige der Widerstandsbewegung „Armia Krajowa“ sowie Soldaten der Litauischen Territorialverteidigungskräfte (LVR) [Lietuvos vietinė rinktinė] unter General Povilas Plechavičius (1890–1973), die sich geweigert hatten, deutsche Befehle zu befolgen. Zu den Opfern gehörten auch sowjetische Kriegsgefangene, Rom:nja sowie einheimische Russ:innen und Litauer:innen, die vom nationalsozialistischen Besatzungsregime als illoyal eingestuft wurden.

Täter

Das Sonderkommando von Vilnius war für die Erschießung von mindestens 50 000 und möglicherweise mehr als 70 000 Menschen in Paneriai verantwortlich.1Arad, Ghetto in Flames; Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen; Snyder, Bloodlands; Minczeles, Vilna, Wilno, Vilnius. Die offiziellen Statistiken der Sowjetunion gaben die Zahl der Opfer mit 100 000 an, aber diese Angabe gilt als überhöht. Es wurde 1941 von den deutschen Besatzungsbehörden aufgestellt und war bis 1944 tätig. Die Einheit, die auch als Ypatingasis būrys [Sonderabteilung] bezeichnet wurde, bestand aus zunächst 100 litauischen Polizisten in Zivilkleidung, die sich alle freiwillig gemeldet hatten.2Bubnys, „Vokiečių saugumo policijos“ (1995) und Bubnys, „Vokiečių saugumo policijos“ (2019). Sie unterstand anfangs dem Einsatzkommando 9, später der Sicherheitspolizei. Erstmals erwähnt wird die Einheit in Dokumenten vom 15. Juli 1941, in denen es um die Ausgabe von Munition geht. Die ersten Organisatoren der Einheit waren die Leutnants Petras Jakubka (Lebensdaten nicht bekannt) und Mečys Butkus (Lebensdaten nicht bekannt). Ab dem 23. Juli 1941 übernahm Offizier Juozas Šidlauskas (1906–unbekannt) das Kommando. Im November 1941 folgte ihm Leutnant Balys Norvaiša (1908–unbekannt) als Kommandant, während Leutnant Balys Lukošius (1908–2006) zu seinem Stellvertreter ernannt wurde.

In dieser Zeit verringerte sich die Zahl der Mitglieder der Einheit auf etwa 40 bis 50. Anfangs gab es keine formellen Aufnahmebedingungen; erst später mussten die Mitglieder einen Treueeid leisten und strikte Geheimhaltung wahren. Verstöße gegen die Geheimhaltung wurden mit Kriegsgericht und Hinrichtung geahndet. Für den Dienst im Sonderkommando erhielten die Mitglieder einige Dutzend Mark sowie Lebensmittel. Ende 1943 wurden Norvaiša und Lukošius in das litauische Selbstverteidigungsbataillon versetzt, während Unteroffizier Jonas Tumas (Lebensdaten nicht bekannt) das Kommando über die Einheit übernahm.

Zunächst hatten die Mitglieder der Einheit keine einheitliche Uniform; einige von ihnen trugen litauische Armeeuniformen. Ab 1942 wurden sie in den grünen Uniformen des Sicherheitsdienstes (SD) ausgestattet, mit Hakenkreuz und Totenkopf auf der Mütze, und erhielten SD-Dienstausweise. Obwohl die Mehrheit Litauer waren, gehörten auch Russen und Polen zu den Mitgliedern der Einheit. Die litauischen SS-Männer des Sonderkommandos unterstanden ausschließlich der deutschen Sicherheitspolizei und folgten den Anweisungen ihrer Offiziere. Der am längsten amtierende Kommandant der Einheit war SS-Hauptscharführer Martin Weiss (auch Weiß geschrieben) (1903–1984). Er befehligte nicht nur die Erschießung von Menschen in Paneriai, sondern erschoss verwundete Opfer häufig selbst mit einer Pistole. 1943 wurde Weiss mit der Leitung eines Frauenlagers in der Rasų-Straße in Vilnius beauftragt; seine Nachfolge trat ein Mann namens Fiedler3Bubnys, Vokiečių okupuota Lietuva, 272–274. (Lebensdaten nicht bekannt) an.

Das Sonderkommando wurde eigens zur Durchführung von Morden gegründet und beging während seiner gesamten Existenz Verbrechen. Den Großteil der Opfer erschoss die Einheit 1941, als in Paneriai nahezu täglich Erschießungen stattfanden. Ab Dezember 1943 wurde das Gelände von einer speziellen SS-Einheit bewacht, und 1944 war das Sonderkommando nicht mehr an den Massakern in Paneriai beteiligt. Die Morde wurden fortan von deutschen Polizeieinheiten verübt.

Ablauf der Morde

Die Opfer wurden zu Fuß, per Lastwagen und teils mit dem Zug nach Paneriai gebracht, vor allem aus dem Lukiškės-Gefängnis, dem Ghetto von Vilnius und anderen Haftstätten im Osten Litauens. Bei den Erschießungen waren in der Regel 20 bis 30 SS-Angehörige anwesend; einige gehörten den Erschießungskommandos an, andere leisteten Wachdienst oder begleiteten die Opfer zu den Gruben. Unter den Mitgliedern des Sonderkommandos wurde der Massakerort in Paneriai als „die Basis“ bezeichnet und streng bewacht, um Fluchtversuche von Überlebenden zu verhindern. Nach den Massakern eigneten sich die Mitglieder des Kommandos häufig nicht nur die Kleidung der Opfer an, sondern verkauften sie auch an Einheimische, die sich vor den Toren des umzäunten Geländes der Mordstätte versammelten.

Vertuschung der Spuren der Verbrechen

Im Frühjahr 1943 begannen die nationalsozialistischen Institutionen mit den Maßnahmen zur Beseitigung der Spuren der Massenmorde.4Angrick, „Aktion 1005“, 717. SS-Standartenführer Paul Blobel (1894–1951), der Befehlshaber der gesamten Aktion 1005, besuchte Litauen regelmäßig, um sich über den Fortschritt der Operation zu informieren und spezifischen Problemen wie unhygienische Zustände, Aasfresser, Grabräuberei und die Verbreitung von Gerüchten zu widmen.

Von November 1943 bis April 1944 war das Sonderkommando 1005A, das aus 80 überwiegend jüdischen Häftlingen und mehreren Frauen bestand, in Paneriai inhaftiert. Ihre Aufgabe bestand darin, die Leichen der Opfer auszugraben und zu verbrennen.5Šuras, Vilniaus geto kronika, 160; GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, Aussage von Konstantin Potanin vor der Außerordentlichen Staatskommission des Zentralkomitees der Partei, 13.08.1944, l. 12. Mit fingerbreiten Fußfesseln versehen, gruben männliche Häftlinge die Leichen aus und luden sie auf speziell vorbereitete pyramidenförmige Scheiterhaufen, die drei bis sieben Tage lang brannten. Überlebende Mitglieder des Sonderkommandos 1005A berichteten, dass zwischen Dezember 1943 und dem 15. April 1944 schätzungsweise 56 000 bis 70 000 Leichen, die aus acht Gruben ausgegraben worden waren, auf zehn bis 19 Scheiterhaufen verbrannt wurden.6Latvytė, „Paneriai,“ 49.

Ermittlungen nach der Befreiung

Die „Außerordentliche Staatliche Kommission zur Feststellung und Untersuchung der von den deutsch-faschistischen Eindringlingen und ihren Komplizen begangenen Gräueltaten sowie des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, gesellschaftlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben“ wurde durch einen Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) am 2. November 1942 gebildet. Die Kommission, die mit der Untersuchung der Massengräber von Paneriai beauftragt wurde, wurde am 13. Juli 1944 eingesetzt und führte ihre Arbeit zwischen dem 15. und 26. August desselben Jahres durch. Sie untersuchte sieben Gruben, drei Gräben und zehn Verbrennungsstätten. Der Bericht der Kommission verzeichnete auf der Grundlage von Aussagen 62 500 Opfer in den Gruben und analysierte 515 noch vorgefundene Leichname.7Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen, 1323.

Die Kommission stellte fest, dass die Mehrheit der Opfer der systematischen Massenmorde Zivilist:innen waren, auch wenn vereinzelt Leichname von Soldaten gefunden wurden. Die überwiegende Zahl der Opfer waren Juden:Jüdinnen, während die Zahl der ermordeten Rom:nja, nichtjüdischen Russ:innen, Pol:innen und Litauer:innen deutlich geringer ausfiel. Fast alle Opfer starben an Schuss- oder Stichwunden. Anhand von Dokumenten und persönlichen Gegenständen, die in der Kleidung der Opfer gefunden wurden, konnte nachvollzogen werden, dass in Paneriai Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, Berufe, Altersgruppen und Geschlechter ermordet wurden.8GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, I. 35. Die Exhumierung der Überreste der Opfer gehörte zu den wichtigsten Leistungen der Außerordentlichen Staatskommission in Paneriai.

Romani Opfer

Mehrere Überlebende der deutschen Besatzung Litauens und der nationalsozialistischen Verbrechen gegen Juden:Jüdinnen berichteten auch über Morde an Rom:nja in Paneriai. So schrieb Abraham Sutzkever (1913–2010) über Martin Weiss: „Er beteiligte sich persönlich an allen Mordaktionen und tötete mit eigenen Händen Tausende Menschen. Wie ein Sperber, der bei seinem Raub keinen Unterschied macht, unterschied er auch nicht zwischen Menschen, sobald es darum ging, sie zu töten. In seiner Sammlung fehlten ihm noch Zigeuner. Deshalb ließ er eine Razzia im Wald durchführen, sammelte Zigeuner samt Pferden und Wagen ein und überführte sie in sein Königreich…”9Sutzkever, Wilner Getto, 93.

Jüngste Archivauswertungen deuten darauf hin, dass mindestens 134 Rom:nja (fast zehn Prozent der litauischen Rom:nja)10Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 1.500 Roma in Litauen, siehe Lietuvių enciklopedija, 184. in Paneriai getötet wurden. Die ersten vier romani Opfer in Paneriai wurden bereits 1942 erwähnt.11Erslavaitė, Masinės žudynės Lietuvoje, 40. Zeugenaussagen von Überlebenden des Sonderkommandos 1005A und von Juozas Baltramonaitis (1907–1967), einem litauischen Priester und Seelsorger im Lukiškės-Gefängnis von 1942 bis 1944, belegen zwei weitere Massenerschießungen von Rom:nja im März und April 1944 in Paneriai.

Der Überlebende Konstantin Potanin (Lebensdaten nicht bekannt) sagte am 13. August 1944 vor der sowjetischen Sonderkommission aus, dass Ende März 1944 „84 Roma und 15 polnische Eisenbahnarbeiter, darunter zwei Mädchen, mit dem Zug zum Massakerort gebracht wurden“. Er gibt weiter an, dass sie „alle nacheinander in der Nähe des Lagerfeuers erschossen wurden. […] Ein Schuss und ein Schrei waren zu hören. Und wieder ein Schuss und ein Schrei“.12GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, l. 35; Petrauskas, J. „Paneriuose.“ Tiesa, 23. August 1944, 3. Diese Aussage wird durch die Tatsache bestätigt, dass die Opfer laut Angaben von Anwohner:innen in der Regel zu Fuß in Kolonnen zum Ort ihrer Ermordung gebracht wurden.13Sakowicz, Panerių dienoraštis. Lietuvos ypatingasis archyvas [Litauisches Sonderarchiv] (LYA), Vilnius: f. K-1, Inv. 58, Akte 47746/3, Protokoll der Gerichtsverhandlung des Woiwodschaftsgerichts in Olsztyn, Aussage des Zeugen Viktor Ivanovsky, 17.05.1977, l. 208; Ebd., Bestand K-1, Inv. 46, Akte 4913, Aussage der Zeugin Sofija Kovalskaja, S. 153. Nur in zwei Fällen wurden die Opfer mit dem Zug überstellt: am 4. April 1943,14Ebd., F. K-1, Inv. 58, Akte 47746/3, l. 206; ebd., F. K-1, Inv. 46, Akte 4913, l. 153. als 5 000 Juden:Jüdinnen aus den liquidierten Ghettos des Bezirks Vilnius nach Paneriai gebracht wurden, und Ende März 1944, als 15 polnische Eisenbahnarbeiter:innen zusammen mit 84 Rom:nja nach Paneriai transportiert wurden.

Andere Überlebende berichteten, dass die 84 romani Opfer an der sogenannten „Kaunas-Grube“ erschossen wurden. Laut einer Zeichnung des Lageplans des Massakerortes Paneriai, die 1946 von Zdrojevski (Lebensdaten nicht bekannt), einem Mitglied der Außerordentlichen Staatlichen Kommission,15Ebd., Akte 4911, Plan des Lagers Paneriai, wo die Deutschen die Zivilbevölkerung auslöschten, 31.08.1946, ll. 14–18. angefertigt wurde, wurden die Gruben Nr. 7 (560 Kubikmeter) und Nr. 8 (628 Kubikmeter) von den Mitgliedern der Exhumierungs- und Einäscherungsbrigade als „Kaunas-Grube“ bezeichnet. Am 23. August 1944 erwähnte ein Journalist namens Petrauskas die „Kaunas-Grube“ in der lokalen sowjetischen Tageszeitung Tiesa [Wahrheit] und berichtete von „Dutzenden von Zigeunern und Dutzenden litauischen Soldaten“, die 1944 nach Paneriai gebracht und dort erschossen wurden: „Von diesen Truppen erhielt die Einäscherungsbrigade 37 brandneue grüne Mützen sowie ebenso viele Hosen, Uniformen und Mäntel.“16Petrauskas, „Paneriuose,“ 3.

Auf das dritte Massaker an Rom:nja in Paneriai Anfang April 1944 wird in den Memoiren des Überlebenden Yuri Farber (Lebensdaten nicht bekannt) Bezug genommen. Er berichtete: „Um elf Uhr war eine Salve aus Maschinengewehren zu hören. Am nächsten Tag wurden wir vor das Tor geführt, zum Ende einer Eisenbahnnebenstrecke, wo 50 Zigeuner lagen, wahrscheinlich die ganze Gemeinschaft, höchstwahrscheinlich direkt nach ihrer Ankunft erschossen. Anscheinend waren sie in verschiedene Richtungen geflohen, und die Soldaten mit den Maschinengewehren hatten wahllos das Feuer eröffnet. Einige schafften es, 60 Schritte zu laufen. Und ein Mädchen, wie wir feststellten, lebte noch … FrauenKinder … Man befahl uns, sie auszuziehen. Die Männer trugen kurze Pelzmäntel. Man befahl uns, die Leichen einzusammeln, auf einen bereits vorbereiteten Leichenhaufen zu legen und in Brand zu setzen. All dies hinterließ einen sehr starken, bedrückenden Eindruck. Jemand schlug mir sogar vor, wir sollten die Wachen angreifen, ihnen die Waffen wegnehmen und wenigstens einen SS-Mann töten.“17Rozin, Farber, „Yama“.

Der Überlebende Zalman Matzkin (Lebensdaten nicht bekannt), der am 26. August 1944 befragt wurde, erwähnt gegenüber der Sonderkommission der Sowjetunion ebenfalls Morde an Rom:nja: „Am 5. April [1944] wurden Juden aus Estland gebracht, etwa 450 Menschen. Hier wurden sie an Ort und Stelle in einer Grube erschossen, in der zuvor etwa 40 Zigeuner und 15 Polen erschossen worden waren.“18LYA, f. K-1, Inv. 46, Akte 4913, Kopie des Verhörprotokolls von Z. Matzkin, I. 153.

46 Rom:nja, wahrscheinlich dieselbe Gruppe, die Farber beschreibt, und möglicherweise dieselben, die Matzkin erwähnt, erscheinen auch im Tagebuch des litauischen Priesters Juozas Baltramonaitis. Am 12. April 1944 notierte er: „Am Karsamstag [8. April 1944] wurden 175 Menschen ins Gefängnis von Kaunas gebracht, und 46 Zigeuner [čigonai] sowie eine russische Frau wurden zur Entlassung geführt, was die Stimmung am Karsamstag völlig ruinierte. Die Zigeuner wurden mit ihren Kindern weggebracht. Sechsundzwanzig Zigeuner (alles Erwachsene) legten ihre Beichte ab und empfingen die Heilige Kommunion; ich taufte drei kleine Zigeuner.“19Aliulis, „Kalėjimo kapeliono Juozo Baltramonaičio dienoraštį,“ 590.

Auf Grundlage aller Zeugenaussagen und des Tagebuchs von Baltramonaitis wird geschätzt, dass in Paneriai mindestens 134 bis 138 Rom:nja ermordet wurden.

Gedenkstätte

Der Ort Paneriai war der erste Ort eines Massakers großen Ausmaßes, der von den sowjetischen Behörden entdeckt wurde, als die Rote Armee am 13. Juli 1944 in Vilnius einmarschierte. Es war auch der erste Ort, an dem die sowjetische Sonderkommission mit der Exhumierung der Opfer begann und ihre Erkenntnisse im Lichte der sowjetischen Ideologie interpretierte.20Lietuvos centrinis valstybės archyvas [Litauisches Zentralstaatsarchiv] (LCVA), Vilnius: f. K-181, Inv. 1, Akte 10, Schreiben vom 16. März 1946 des Kommissars des Rates für religiöse Angelegenheiten beim Rat der Volkskommissare der UdSSR an den stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Litauischen SSR, Genosse Gregorauskas, 16.03.1944, I. 39. Am 23. August 1944 organisierten Holocaust-Überlebende gemeinsam mit den kommunistischen Parteibehörden des sowjetischen Litauens eine Kundgebung, um den Ort als den größten Massakerort sowjetischer Bürger:innen und als „Brüdergrabstätte“ zu kennzeichnen.21LYA, f. 17541, Inv. 1, Akte 33, Justas Paleckis: Kelkime aikštėn vokiškųjų fašistų nusikaltimus [Lasst uns die Verbrechen der deutschen Faschisten ans Licht bringen] [Typoskript], ll. 6–7A; Venclova, Antanas. „Žudynių laukai Paneriuose.“ Tiesa 42 (103), 25. August 1944, 3; J. Dovydaitis, „Kerštas žmonių žudikams hitlerininkams!“. Tiesa 41 (102), 24. August 1944, 3; Fotosammlung des Vilna Gaon Museums für Jüdische Geschichte (VGMJH). Bis 1947 erlaubten es litauische Sowjetbehörden offiziell Holocaust-Überlebenden, der jüdischen Opfer zu gedenken, jedoch nur nach vorheriger Genehmigung.22LYA, f. K-1, Inv. 46, Akte 4911/8, Beschluss der Sonderkommission, 26.08.1944, I. 21.

Im Jahr 1948 wurde in der Nähe der größten Grube, dank der Bemühungen und der finanziellen Unterstützung der jüdischen Gemeinde von Vilnius, eines der ersten Denkmale in der Sowjetunion für die vom Nazi-Regime ermordeten Juden:Jüdinnen errichtet. Im Zuge einer antisemitischen Kampagne in Moskau zwischen 1948 und 1952 wurde das Denkmal jedoch abgerissen und durch einen Obelisken mit einem fünfzackigen Stern und der üblichen Inschrift „Zum Gedenken an die Opfer des faschistischen Terrors. 1941–1944“ in litauischer und russischer Sprache ersetzt. Neben dem Denkmal für die ermordeten Juden:Jüdinnen errichteten polnische Einwohner:innen von Vilnius ein Holzkreuz mit einem Medaillon, das eine trauernde Jungfrau Maria darstellte, zum Gedenken an ihre ermordeten Landsleute; auch dieses Holzkreuz wurde nach 1952 von den sowjetischen Behörden entfernt.23Sosnowski, Henryk. „Pomnik Ponarski.“ Kurier Wilenski, Nr. 226 (1990): 3.

Im Jahr 1960 richteten die sowjetisch-litauischen Behörden auf dem Gelände des Massakerortes in Paneriai ein Museum für die Opfer des faschistischen Terrors ein, zunächst als Zweigstelle des Regionalen Forschungsmuseums Vilnius, ab 1962 als eine Zweigstelle des Historisch-Revolutionären Museums der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Im Jahr 1977 erhielt der Gedenkpark offiziell den Namen „Paneriai Memorial“. 1985 wurde die Anlage nach einem Entwurf des Architekten Jaunutis Makariūnas (1934–2021) neu gestaltet und erhielt ihre heutige Form.

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens 1991 wurden das Museumsgebäude und die Ausstellung an das Vilna-Gaon-Museum für jüdische Geschichte übergeben; im Jahr 2014 folgte die gesamte Übergabe der Gedenkstätte an das Museum. Von 2015 bis 2017 führte das Museum in Zusammenarbeit mit dem Litauischen Institut für Geschichte und anderen Institutionen ein dreistufiges archivisches und nicht-invasives archäologisches Forschungsprojekt durch. Die Untersuchungen erbrachten eine Reihe neuer Erkenntnisse über das Gelände und identifizierten Tötungsstätten, Gräben für Häftlinge und Standorte ehemaliger Gebäude. Sie zeigten auch, dass das Gelände weitaus größer war als bisher angenommen und sich möglicherweise über eine Fläche von 72 Hektar erstreckt hatte. Im Jahr 2018 wurde das Gedenkmuseum Paneriai in „Besucherinformationszentrum der Gedenkstätte Paneriai“ umbenannt und eine neue Ausstellung erarbeitet. Heute hat die Gedenkstätte Paneriai eine doppelte Funktion in der Gedenkkultur Litauens: Sie ist sowohl ein Symbol für den Holocaust in Litauen als auch eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Gedenken an die romani Opfer

Elf Denkmäler auf dem Gelände der Gedenkstätte Paneriai erinnern an verschiedene Opfergruppen. Das jüngste Denkmal ist den romani Opfern gewidmet. Dieses wurde am 2. August 2015 im Rahmen einer Basisinitiative errichtet: Kinder der romani Gemeinschaft von Vilnius legten mit Unterstützung des Romų visuomenės centras [Roma Community Zentrum] und von Historiker:innen des Museums für jüdische Geschichte „Vilna Gaon“ einen symbolischen Steinkreis anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktages für Sinti und Roma an. Dieser symbolische Kreis wurde im Oktober 2023 wieder abgebaut.

Am 2. August 2023 errichtete die lokale romani Gemeinschaft mit Unterstützung der litauischen Behörde für ethnische Minderheiten ein provisorisches Denkmal an der „Kaunas-Grube“, wo die meisten romani Opfer ermordet wurden. Das Denkmal besteht aus einer Metallkonstruktion, die das symbolische Rad eines Wohnwagens sowie die Inschrift „Te javen erte“ [Seid erlöst] auf Romanes enthält. Eine Tafel in Litauisch, Englisch, Polnisch und Hebräisch weist darauf hin, dass „in Paneriai möglicherweise fast 100 Roma getötet wurden“.

Jedes Jahr veranstalten litauische und ausländische Institutionen, darunter auch Nichtregierungsorganisationen, mehrere große Gedenkveranstaltungen in Paneriai, insbesondere am 2. August, dem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma.

Einzelnachweise

  • 1
    Arad, Ghetto in Flames; Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen; Snyder, Bloodlands; Minczeles, Vilna, Wilno, Vilnius. Die offiziellen Statistiken der Sowjetunion gaben die Zahl der Opfer mit 100 000 an, aber diese Angabe gilt als überhöht.
  • 2
    Bubnys, „Vokiečių saugumo policijos“ (1995) und Bubnys, „Vokiečių saugumo policijos“ (2019).
  • 3
    Bubnys, Vokiečių okupuota Lietuva, 272–274.
  • 4
    Angrick, „Aktion 1005“, 717.
  • 5
    Šuras, Vilniaus geto kronika, 160; GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, Aussage von Konstantin Potanin vor der Außerordentlichen Staatskommission des Zentralkomitees der Partei, 13.08.1944, l. 12.
  • 6
    Latvytė, „Paneriai,“ 49.
  • 7
    Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen, 1323.
  • 8
    GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, I. 35.
  • 9
    Sutzkever, Wilner Getto, 93.
  • 10
    Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 1.500 Roma in Litauen, siehe Lietuvių enciklopedija, 184.
  • 11
    Erslavaitė, Masinės žudynės Lietuvoje, 40.
  • 12
    GARF, f. 7021, op. 94, d. 1, l. 35; Petrauskas, J. „Paneriuose.“ Tiesa, 23. August 1944, 3.
  • 13
    Sakowicz, Panerių dienoraštis. Lietuvos ypatingasis archyvas [Litauisches Sonderarchiv] (LYA), Vilnius: f. K-1, Inv. 58, Akte 47746/3, Protokoll der Gerichtsverhandlung des Woiwodschaftsgerichts in Olsztyn, Aussage des Zeugen Viktor Ivanovsky, 17.05.1977, l. 208; Ebd., Bestand K-1, Inv. 46, Akte 4913, Aussage der Zeugin Sofija Kovalskaja, S. 153.
  • 14
    Ebd., F. K-1, Inv. 58, Akte 47746/3, l. 206; ebd., F. K-1, Inv. 46, Akte 4913, l. 153.
  • 15
    Ebd., Akte 4911, Plan des Lagers Paneriai, wo die Deutschen die Zivilbevölkerung auslöschten, 31.08.1946, ll. 14–18.
  • 16
    Petrauskas, „Paneriuose,“ 3.
  • 17
    Rozin, Farber, „Yama“.
  • 18
    LYA, f. K-1, Inv. 46, Akte 4913, Kopie des Verhörprotokolls von Z. Matzkin, I. 153.
  • 19
    Aliulis, „Kalėjimo kapeliono Juozo Baltramonaičio dienoraštį,“ 590.
  • 20
    Lietuvos centrinis valstybės archyvas [Litauisches Zentralstaatsarchiv] (LCVA), Vilnius: f. K-181, Inv. 1, Akte 10, Schreiben vom 16. März 1946 des Kommissars des Rates für religiöse Angelegenheiten beim Rat der Volkskommissare der UdSSR an den stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Litauischen SSR, Genosse Gregorauskas, 16.03.1944, I. 39.
  • 21
    LYA, f. 17541, Inv. 1, Akte 33, Justas Paleckis: Kelkime aikštėn vokiškųjų fašistų nusikaltimus [Lasst uns die Verbrechen der deutschen Faschisten ans Licht bringen] [Typoskript], ll. 6–7A; Venclova, Antanas. „Žudynių laukai Paneriuose.“ Tiesa 42 (103), 25. August 1944, 3; J. Dovydaitis, „Kerštas žmonių žudikams hitlerininkams!“. Tiesa 41 (102), 24. August 1944, 3; Fotosammlung des Vilna Gaon Museums für Jüdische Geschichte (VGMJH).
  • 22
    LYA, f. K-1, Inv. 46, Akte 4911/8, Beschluss der Sonderkommission, 26.08.1944, I. 21.
  • 23
    Sosnowski, Henryk. „Pomnik Ponarski.“ Kurier Wilenski, Nr. 226 (1990): 3.

Zitierweise

Neringa Latvytė: Paneriai, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 20. Mai 2026.-

1944
Ende März 194484 Rom:nja und 15 polnische Eisenbahnarbeiter werden nach Paneriai, deutsch besetztes Litauen, überstellt und in der Nähe der „Kaunas-Grube“ ermordet, einem Ort, der bereits für Massenhinrichtungen von Juden:Jüdinnen genutzt wurde.
Anfang April 1944Eine Gruppe von etwa 50 Rom:nja wird vermutlich nach einem Fluchtversuch gefasst und nach kurzer Haft im Gefängnis Lukiškės in Vilnius nach Paneriai, deutsch besetztes Litauen, überstellt und dort ermordet.
2023
2. August 2023Auf dem Gelände der Gedenkstätte Paneriai in Litauen wird auf Initiative der romani Community und mit Unterstützung des litauischen Amtes für ethnische Minderheiten ein temporäres Denkmal errichtet. Die Metallkonstruktion zeigt das symbolische Rad eines Wohnwagens und kennzeichnet die „Kaunas-Grube“, den Ort, an dem die Mehrheit der romani Opfer getötet wurde.