Während des Zweiten Weltkrieges lag Rennes, eine Stadt mit fast 100 000 Einwohner:innen, Präfektur des Departements Ille-et-Vilaine (Frankreich) und Hauptstadt der Bretagne, in der von Deutschland besetzten Zone. Unter der deutschen Besatzung befanden sich in Rennes mindestens fünf Internierungslager für unterschiedliche Personengruppen. Zwischen November 1940 und Dezember 1944 internierte die Präfektur auf Grundlage der deutschen Verordnung vom 4. Oktober 1940 etwa 400 Sinti:ze und Rom:nja im Camp départemental des nomades [Departementslager für „Nomades“] im Ortsteil Haute-Salmonière, an der Kreuzung der Straßen Rue Le Guen de Kérangal und Boulevard Albert 1er.
Das Lager
Das 100 mal 80 Meter große Lagergelände lag am südwestlichen Rand der Stadt, fünf Kilometer vom Zentrum entfernt, in einem zu dieser Zeit nur wenig bebauten Gebiet. Bei seiner Eröffnung am 2. November 1940 bestand das Lager aus zwei großen, aus Betonsteinen und Ziegeln gefertigten Gebäuden. Dieser Standort war dem Gefängnis von Vitré vorgezogen worden, weil er Platz für Wohnwagen bot. 75 Prozent derjenigen, die als „Nomades” klassifiziert wurden, lebten in ihren eigenen Wohnwagen. Das mit Stacheldraht umzäunte Gelände war eben, feucht und lehmig und aufgrund des bretonischen Klimas während der meisten Zeit des Jahres von Schlamm bedeckt.
Das Lager unterstand der Aufsicht des Präfekten und wurde von einem ehemaligen Polizeikommissar geleitet. Sechs zivile Wachleute und zwei Gendarmen waren für die Bewachung zuständig. Ein Arzt, eine Krankenschwester und ein Priester kamen regelmäßig ins Lager, um die internierten Familien medizinisch und seelsorgerisch zu betreuen.
Zusammensetzung der Internierten
Unter den Internierten befanden sich Personen, die von den Behörden als „Nomades”, „Forains“ [Schausteller:innen] oder „Clochards“ [„Landstreicher“] kategorisiert und festgenommen worden waren. Nach ihrer Festnahme, die im Rahmen polizeilicher Kontrollen oder aufgrund von Beschwerden aus der Bevölkerung erfolgte, wurden sie ins Lager eingewiesen. So gelangten am 31. Dezember 1941 61 sogenannte „Nomades ou indésirables“ [„Nomades oder Unerwünschte“] ins Lager, nachdem die Bewohner:innen des Stadtviertels Francisco Ferrer dem Präfekten eine Petition geschickt hatten, in der sie den Betroffenen Raub und Lärmbelästigung vorwarfen. Dreizehn in Wohnwagen lebende Familien wurden daraufhin interniert. Die Gesamtzahl der „Nomades” im Lager stieg nie über 200 Personen an.
Zwischen dem 1. Oktober 1941 und dem 2. Juli 1942 wurden zudem Lebensmittelschmuggler, Prostituierte und Kommunist:innen als sogenannte internés administratifs [Verwaltungsinternierte] ins Lager überstellt und in von den „Nomades” getrennten Schlafsälen untergebracht. Die Gesamtzahl der nach dieser Kategorie Internierten wird auf etwa fünfzig geschätzt. Das Lager trug nun offiziell den Namen Camp départemental des nomades et des internés administratifs.
Alltag und Lebensbedingungen
Im Gegensatz zu den Verwaltungsinternierten durften Korbflechter:innen, Straßenhändler:innen und alle Personen mit einer Arbeitsbescheinigung das Lager bis 18 Uhr verlassen. Haushalte ohne erwerbstätiges Familienoberhaupt wurden von der Verwaltung mit Lebensmitteln versorgt, während arbeitende Männer und Frauen ihre Familien selbst versorgten. Die Lagerverwaltung betrachtete die Ausgangsgenehmigungen sowie die Unterbringung in Wohnwagen als eine Möglichkeit, Kosten zu reduzieren. Den Familien bot sich dadurch eine Gelegenheit, ihre Situation zu verbessern, wie der Bericht des Überlebenden Paul Caséach (1929–unbekannt) zeigt: „Meine Mutter hat sich irgendwie durchgeschlagen, damit wir etwas zu essen hatten. Das Essen im Lager war immer dasselbe und es war nie genug… Meine Mutter war Händlerin, sie hatte die Erlaubnis, ihrem Kleinhandel nachzugehen, und brachte uns Essen mit.“1MRAP et al., „Histoire et mémoire,“ 21. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier.
Insgesamt waren die Lebensbedingungen prekär und die hygienischen Verhältnisse katastrophal: Es gab keine Duschen, und den Familien fehlte es an sauberer Kleidung zum Wechseln. Ungeziefer war weit verbreitet, wie Suzanne Josse (1896–1991), eine Widerstandskämpferin und zwischen dem 12. Mai und dem 12. Juni 1942 im Lager interniert, in ihrem Tagebuch bezeugte.
Aufgrund der generell lückenhaften Quellenlage bliebt auch die Situation der Kinder nur unzureichend dokumentiert: So gibt es unterschiedliche Aussagen über die Beschulung der Kinder, die im Lager oder in einer Schule in der Stadt stattgefunden haben soll.
Das Lager in Rennes war eines der wenigen Zwangslager für „Nomades“, in das nach seiner Schließung und nach der Umstrukturierung anderer Lager keine weiteren Internierten mehr aufgenommen wurden. Einige Familien wurden im Zuge disziplinarischer Maßnahmen in die Zwangslager Moisdon-la-Rivière (Loire-Inférieure; heute Loire-Atlantique) und Montreuil-Bellay (Maine-et-Loire) verlegt. Im August 1944 wurden außerdem etwa fünfzig Internierte angesichts der bevorstehenden Befreiung des Lagers nach Jargeau (Loiret) verlegt.
Laut verfügbarer Quellen wurden die letzten „Nomades“ vermutlich im Dezember 1944 befreit, ein genaues Datum ist jedoch nicht überliefert.
Nach dem Krieg
Die Baracken wurden von August 1944 bis Mitte 1945 zur Unterbringung von russischen, ukrainischen und baltischen Kriegsgefangenen genutzt, die in der Region von der Organisation Todt zur Zwangsarbeit eingesetzt worden waren. In der späteren Nachkriegszeit boten sie anschließend mittellosen Menschen eine Unterkunft, bevor sie zwischen 1968 und 1970 abgerissen wurden, um Platz für den Neubau eines Wohngebäudes zu schaffen.
Auf Initiative der Vereine Mouvement contre le Racisme et pour l’Amitié entre les Peuples (MRAP) und des Vereins Accueil des Gens du Voyage en Ille-et-Vilaine (AGV35) ließ die Stadt Rennes am 23. Mai 2013 in der Rue des Frères Louis et René Moine 12, nur wenige Straßen vom Standort des Lagers entfernt, eine Gedenktafel enthüllen.




