Das Requiem für Auschwitz ist ein klassisches Musikstück, das der schweizerisch-niederländische Sinto Roger „Moreno“ Rathgeb (geb. 1956) zum Gedenken an alle Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und Ermordung komponiert hat. Das Requiem besteht aus acht Teilen und ist für vier Solisten, einen sechsstimmigen Chor und ein Sinfonieorchester geschrieben. Wie viele Sinti:ze und Rom:nja ist auch Roger „Moreno“ Rathgeb ein autodidaktischer Musiker und Komponist, der sich erst spät die Notenschrift angeeignet hat.
1998 besuchte Rathgeb, der in Südlimburg lebt, zum ersten Mal die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Dies hat ihn so tief beeindruckt, dass er beschloss, ein Requiem zu komponieren. Als musikalisches Denkmal für alle Opfer, aber auch als Reflexion über den Sinn des Lebens: Wie war (und ist) es möglich, dass Menschen sich gegenseitig diese beispiellosen Grausamkeiten zufügten? Was können wir daraus lernen? Wie kann es uns als Menschen vereinen?1Noordzij, Een reflectie op het Requiem voor Auschwitz, 5.
Nach seiner Rückkehr in die Niederlande begann Rathgeb mit der Komposition. Innerhalb von drei Wochen hatte er sechs der acht Teile des Requiems fertiggestellt. Dann geriet die Arbeit ins Stocken. In der Hoffnung, neue Inspiration zu finden, beschloss er, das ehemalige Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau erneut zu besuchen. Das hatte jedoch einen gegenteiligen Effekt. Tatsächlich konnte Rathgeb fast zehn Jahre lang nicht an dem Requiem arbeiten. Ende 2007 bat ihn Albert Siebelink (1950–2015), Leiter des International Gipsy Festivals, seine Komposition zu vollenden, um sie anschließend in verschiedenen europäischen Städten aufzuführen. Über diese Anfrage erfreut, fand Rathgeb neue Inspiration. Das Requiem wurde Mitte 2009 fertiggestellt.
Am 3. Mai 2012 fand die Uraufführung des Requiems für Auschwitz in der Nieuwe Kerk in Amsterdam statt. Verantwortlich für die Aufführung waren die Roma und Sinti Philharmoniker aus Frankfurt am Main unter der Leitung des Dirigenten Riccardo M. Sahiti (geb. 1961). Dieses Orchester wurde 2002 mit dem Ziel gegründet, Werke aufzuführen, die in der Kultur der Sinti:ze und Rom:nja verwurzelt sind. Das Orchester setzt sich aus professionellen Musiker:innen der Sinti:ze und Rom:nja aus den Ländern Deutschland, Rumänien, Tschechische Republik und Ungarn zusammen.
Das Requiem wurde inzwischen unter anderem in Berlin, Budapest, Frankfurt am Main, Krakau und Prag sowie in verschiedenen Provinzen der Niederlande aufgeführt. Viele der Aufführungen wurden von einem breiten Rahmenprogramm begleitet, das Ausstellungen vor Ort und online, Filme, Bildungsveranstaltungen und wissenschaftliche Konferenzen umfasste. Es wurden auch Fernsehaufnahmen gemacht, die seither mehrmals im niederländischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, und es wurde ein Dokumentarfilm über das Requiem produziert.