Sonderzüge (Rumänien)

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Sonderzüge (Rumänien)
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 26. Januar 2026

Die Deportation der Rom:nja aus Rumänien in das Gebiet des Gouvernements Transnistrien erfolgte in mehreren Phasen. Die erste Deportationsphase begann am 1. Juni 1942 und betraf Roma, die als „țiganii nomazi” [nomadische Zigeuner] eingestuft wurden. Diese Deportation erfolgte nicht mit Zügen, sondern zu Fuß mit Wagen und Pferden über mehrere Wochen hinweg.1Cousin, „Déporter à pas d’hommes“. Züge wurden wahrscheinlich nicht eingesetzt, weil man davon ausging, dass die betroffenen Rom:nja ausreichend mobil waren.

Die Logistik dieser ersten Deportation erwies sich für die Polizeibehörden als komplex. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass das Innenministerium ähnlich gelagerte Schwierigkeiten vermeiden wollte, als es mit der Planung der zweiten Phase der Deportation begann. Das Ministerium prüfte verschiedene Transportmöglichkeiten, beispielsweise per Schiff,2ANIC, Fond IRJ, Akte 259, f. 146–48, Schreiben Nr. 36.140, Generalinspektion der Gendarmerie an das Verteidigungsministerium, Unterstaatssekretariat für die Marine, 22. Juni 1942, veröffentlicht in Achim, Documente privind deportarea ţiganilor în Transnistria, Band I, 42 f. bevor es sich für einen Transport mit speziell gecharterten Zügen entschied.

Planung der Deportation

Am 22. Juli 1942 ordnete Ion Antonescu (1882–1946) die Deportation von Rom:nja an, die gemäß dem geheimen Volkszählungserlass vom Mai 1942 als „sesshaft” oder „țiganii nenomazi” [„nicht nomadische Zigeuner”] mit „Vorstrafen oder ohne Lebensunterhalt”3ANIC, Bestand IRJ, Akte 258, f. 6–6v, Schreiben Nr. 33.911, Kabinett des Innenministeriums an die Generalinspektion der Gendarmerie, 17. Mai 1942, veröffentlicht in Achim, Documente privind deportarea ţiganilor în Transnistria, Band I, 5 f. registriert worden waren und die außerdem für eine Mobilisierung in die Armee als nicht tauglich galten. Ab dem 25. Juli legten die Gendarmerie-Legionen und die Polizei der Generalinspektion der Gendarmerie Listen mit Angaben zu 12 497 Personen vor. Auf dieser Grundlage erstellte die Generalinspektion einen Plan für den Einsatz von Zügen zur Deportation. Die Namen der Rom:nja wurden aus 31 438 Personen ausgewählt, die im Mai während der Volkszählung unter der Kategorie „țiganii nenomazi” erfasst worden waren.

Nachdem die rumänische Eisenbahngesellschaft die Strecke überprüft und korrigiert hatte, wurde beschlossen, neun Sonderzüge mit den Nummern E.3 bis E.11 für die Deportation der Rom:nja einzusetzen. Die Züge E.1 und E.2 waren für die Deportation von Juden:Jüdinnen vorgesehen. Die Strecken der neun Züge wurden mit den regionalen Gendarmerieinspektionen abgestimmt. Die Eisenbahnwaggons mit den Deportierten fuhren auf Nebenstrecken zu Stationen, an denen die Deportierten in die Hauptzüge umsteigen sollten. Die Umstiege wurden zeitlich abgestimmt und Verpflegung bereitgestellt – in der Erwartung, dass die Deportationen innerhalb von drei Tagen abgeschlossen sein würden, obschon die kurzen Stopps der Züge auf den Hauptstrecken ein effizientes Einsteigen und Ankuppeln der Waggons erschwerten.

Die Generalinspektion der Gendarmerie legte auf der Grundlage der Juli-Berichte und der Transportlogistik Festnahmequoten für jede Region fest. Die regionalen Inspektorate erstellten neue Namenslisten, um diese Ziele zu erreichen, und wählten die Deportierten vor dem Hintergrund der räumlichen Lage, der vorhandenen Logistik und der verfügbaren Informationen aus.

Durchführung

Die Deportationen fanden vom 12. bis zum 22. September 1942 statt. Nach Angaben der Generalinspektion der Gendarmerie wurden 13 176 Rom:nja deportiert. 12 967 Menschen wurden mit den oben genannten neun Sonderzügen nach Transnistrien verschleppt. 209 Menschen aus den Bezirken Ismail, Tighina und Hotin wurden zu Fuß direkt nach Tiraspol geführt.

Die Gesamtzahl der Deportierten in dieser zweiten Phase war wahrscheinlich etwas höher. Eine Zusammenstellung der einzelnen Listen der Deportierten umfasst die Namen von 13 322 Personen, aber im Dezember 1942 wurden in den Lagern 13 700 Personen gezählt. Neben möglichen Rechenfehlern lassen sich die Diskrepanzen auch dadurch erklären, dass es undokumentierte Deportationen aus transnistrischen Städten gab. So befanden sich beispielsweise Rom:nja aus Tiraspol unter den Deportierten in transnistrischen Lagern und Gettos, obwohl kein Transport aus dieser Stadt dokumentiert ist.

Die Deportationslisten vom September stimmten nicht mit denen vom Juli überein; mehr als die Hälfte der Deportierten war in den Juli-Listen nicht aufgeführt. Mehrere Faktoren beeinflussten die Selektion der zu Deportierenden, etwa die Priorisierung großer Familien oder die gezielte Auswahl von Bevölkerungsgruppen aus Dörfern, die näher an den Einsteigestationen lagen, statt aus weit entfernten Gemeinden.

Eine räumliche Analyse zeigt, dass im Juli 1942 600 Wohnorte aufgelistet wurden, Deportationen jedoch nur aus 382 Orten stattfanden, von denen lediglich 319 mit den ursprünglichen Orten übereinstimmten. Diese Diskrepanz verdeutlicht den großen Ermessensspielraum, den die örtliche Gendarmerie und Polizei bei der Durchführung der Deportationen hatten. Sie richteten ihr Vorgehen oft an eigenen Prioritäten aus und gingen dabei über Vorgaben der Zentralregierung hinaus.

Die Abfahrts- und Einstiegspunkte befanden sich in den wichtigsten Städten und Eisenbahnknotenpunkten des Landes. Die Menschen wurden von anderen Bahnhöfen aus in Eisenbahnwaggons, die an reguläre Züge angehängt waren, oder auch zu Fuß zu diesen zentralen Bahnhöfen gebracht. Alle Züge fuhren schließlich nach Tighina, einer Stadt an der Grenze zum Gouvernement Transnistrien. Eine kartografische Darstellung4Vgl. Cousin, „Deporting and Persecuting Romanian Roma”. der Deportationen ermöglicht es, die Razzien an den verschiedenen Orten, an denen Rom:nja verhaftet und zu den Deportationszügen gebracht wurden, sowie die zugrunde liegende administrative Logik zu dokumentieren.

Erstens lässt sich feststellen, dass besonders intensive Razzien in den Gebieten um die Verladestationen herum stattfanden, mit entsprechend hohen Zahlen von Festnahmen. Zweitens scheinen die regionale Zuständigkeit der Verwaltungseinheiten und die Territorialität der regionalen Inspektionen strikt eingehalten worden zu sein, auch wenn dies zu einem weniger zweckmäßigen Vorgehen führte. So mussten die Menschen beispielsweise lange Strecken zurücklegen, um den Verladebahnhof zu erreichen, der dem Verwaltungssitz der zuständigen regionalen Inspektion zugeordnet war, selbst wenn sich in einem anderen Zuständigkeitsbereich ein näher gelegener Bahnhof befand.

Auch die Trennung zwischen Polizei und Gendarmerie scheint einen großen Einfluss auf die Organisation gehabt zu haben, da einige Orte je nach der für die Deportation zuständigen Polizeibehörde von unterschiedlichen Zügen angefahren wurden. Schließlich stechen drei Verladestationen aufgrund ihrer zahlenmäßigen Bedeutung hervor: Craiova, Piteşti und Bukarest. Die meisten der in Piteşti und Bukarest verladenen Deportierten waren Einwohner:innen dieser Städte, während die Deportationsopfer in Craiova zu gleichen Teilen aus dieser Stadt und den ländlichen Gebieten des Kreises stammten.

Tagelange Reisen

Die Berichte der Gendarmerieoffiziere enthalten nur indirekte Beschreibungen der Transportbedingungen.5USHMM, Bestand RG-25-050M, Rolle 009, Bl. 729, Bericht der Gendarmerielegion Iași, 15. September 1942. Die Behörden stellten 362 Eisenbahnwaggons zur Verfügung, um eine maximale Kapazität von 40 Personen pro Waggon einzuhalten. Diese Vorgabe wurde bei Abfahrten aus Bukarest sowie generell bei Deportationen von größeren Bahnhöfen entlang der Hauptstrecken eingehalten. Umgekehrt waren die Züge, die über Nebenstrecken eintrafen, gelegentlich überbelegt. So beförderten beispielsweise acht Waggons, die aus Turnu Măgurele kamen, um in Piteşti an den Zug E.4 angekoppelt zu werden, insgesamt 570 Personen, durchschnittlich 71 Personen pro Waggon.

In allen Fällen handelte es sich um Viehwaggons ohne sanitäre Einrichtungen, Schlafplätze oder Decken. 6Ebd., Bl. 740–42, Bericht der Gendarmerie-Legion Arges, nach dem 12. September 1942. Jeder Zug verfügte auch über einen Personenwagen, der für die Wachleute reserviert war. Die Behörden kalkulierten die Lebensmittelrationen entsprechend der voraussichtlichen Anzahl von Reisetagen und Deportierten. In einigen seltenen Fällen, wie z. B. in Pitești, forderten die Polizeibehörden die Deportierten auch dazu auf, Proviant mitzunehmen (in diesem Fall für fünf Tage).

Aufgrund logistischer Schwierigkeiten waren viele Deportationszüge länger unterwegs als geplant, was für die deportierten Rom:nja eine zusätzliche Belastung bedeutete. Mehrere Züge hatten erhebliche Verspätungen, manchmal waren es mehrere Tage. So fuhren beispielsweise die Deportierten im Sonderzug E.3, der am 12. September tagsüber in Bukarest beladen wurde, mit drei Portionen Brot pro Person für insgesamt 1 922 Personen ab. Der Zug erreichte mit 24-stündiger Verspätung auf der geplanten Strecke in der Nacht vom 14. auf den 15. September sein Ziel, ohne dass weitere Lebensmittel ausgegeben worden wären, obwohl sich zudem tatsächlich 2 188 Personen im Zug befanden. Der Sonderzug E.7 kam mit fünf Tagen Verspätung an. Die Behörden versorgten die Deportierten in diesem Zug in den Städten Chișinău und Mereni mit Lebensmitteln, indem sie aus den Reihen der Deportierten Personen bestimmten, um in den Städten Nahrungsmittel und Mehl einzukaufen. Ein Eisenbahnwaggon mit 58 Personen aus dem Kreis Teleorman wurde fälschlicherweise statt nach Ploiești nach Bukarest gefahren, um dann erneut nach Ploiești geschickt zu werden, wodurch der Sonderzug E.9 sein Ziel mit dreitägiger Verspätung erreichte.

Es gibt Hinweise darauf, dass es während der tagelangen Reisen zu Todesfällen unter den Rom:nja gekommen ist. Ihre Anzahl ist kaum zu bestimmen, da in den Quellen, wenn überhaupt, nur beiläufig davon berichtet wird.

Ankunft

Die neun Sonderzüge trafen zwischen dem 14. und dem 20. September 1942 in Tighina ein. Alle Züge hielten dort an, um die Drehgestelle auszutauschen und sie an die Spurweite des sowjetischen Eisenbahnnetzes anzupassen. In Tighina übergaben die jeweiligen Zugkommandanten die Deportierten und die entsprechenden Deportationslisten an die Gendarmerie-Legion von Tiraspol. Die Deportierten wurden nach rumänischem Bargeld (Lei) durchsucht, das zusammen mit Wertgegenständen zugunsten des rumänischen Staates beschlagnahmt wurde. Der mehrtägige Aufenthalt am Bahnhof von Tighina scheint sich in das Gedächtnis von Überlebenden besonders eingeprägt zu haben, denn mehrere berichten davon in ihren Zeugnissen.

Nach ihrer Umrüstung wurden die Sonderzüge dann in zwei Konvois organisiert, wobei der erste die Züge E.3, E.4 und E.6 und der zweite die Züge E.7 und E.11 umfasste. Die Züge E.5, E.9 und E.10 setzten ihre Reise eigenständig fort. Der Rest der Reise verlief für alle Züge gleich, die über Tighina nach Grigorești im Bezirk Oceacov [Ukrainisch: Очаків] fuhren, das am rechten Ufer des südlichen Bug gegenüber der Stadt Mykolajiw (damals Nikolajew in der deutsch besetzten Ukraine) liegt. Der erste Konvoi verließ Tighina am 15. September und erreichte Grigorești am 17. September, während der letzte Zug mit der Nummer E.10 erst am 20. September in Tighina eintraf, dort am 22. September abfuhr und am 25. September in Grigorești ankam.

In Grigorești wurden die Deportierten auf die Kaserne Alexandrodar und die Lager Balșoi Caranica [Ukrainisch: Велика Коренихa] und Covalvevca [Ukrainisch: Ковалівка] im Bezirk Oceacov verteilt.

Einzelnachweise

  • 1
    Cousin, „Déporter à pas d’hommes“.
  • 2
    ANIC, Fond IRJ, Akte 259, f. 146–48, Schreiben Nr. 36.140, Generalinspektion der Gendarmerie an das Verteidigungsministerium, Unterstaatssekretariat für die Marine, 22. Juni 1942, veröffentlicht in Achim, Documente privind deportarea ţiganilor în Transnistria, Band I, 42 f.
  • 3
    ANIC, Bestand IRJ, Akte 258, f. 6–6v, Schreiben Nr. 33.911, Kabinett des Innenministeriums an die Generalinspektion der Gendarmerie, 17. Mai 1942, veröffentlicht in Achim, Documente privind deportarea ţiganilor în Transnistria, Band I, 5 f.
  • 4
    Vgl. Cousin, „Deporting and Persecuting Romanian Roma”.
  • 5
    USHMM, Bestand RG-25-050M, Rolle 009, Bl. 729, Bericht der Gendarmerielegion Iași, 15. September 1942.
  • 6
    Ebd., Bl. 740–42, Bericht der Gendarmerie-Legion Arges, nach dem 12. September 1942.

Zitierweise

Grégoire Cousin: Sonderzüge (Rumänien), in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 26. Januar 2026.-

1942
1. Mai 1942Das Militärkabinett der rumänischen Präsidentschaft des Ministerrats ordnet die Vorbereitung der Deportation der Rom:nja nach Transnistrien an.
25. Mai 1942In Rumänien wird eine unter Geheimhaltung vorbereitete Volkszählung durchgeführt, auf deren Grundlage Rom:nja von der Gendarmerie nach bestimmten Kriterien erfasst werden, um sie kurz darauf nach Transnistrien zu deportieren. Registriert werden 9 471 Rom:nja, die als „nomadisch”, und 31 438 Rom:nja, die als „nicht nomadisch” kategorisiert werden. Einige Familien werden am Tag der Volkszählung selbst in Gewahrsam genommen und bis zur Durchführung der Deportation festgehalten.
1. Juni 1942In Rumänien beginnt die Deportation der von der Gendarmerie als „țiganii nomazi” [„nomadische Zigeuner”] kategorisierten Rom:nja nach Transnistrien. Im Rahmen dieser Maßnahme werden etwa 11 500 Menschen deportiert. Die Deportation erfolgt zu Fuß und mit den Transportmitteln (Pferdewagen) der Deportierten. Die Verschleppungen dauern bis Mitte August 1942 an. Die Deportierten bleiben bis Februar/März 1944 in den Lagern des Bezirks Golta.
22. Juli 1942Ion Antonescu, Präsident des Ministerrats von Rumänien, ordnet die Deportation der Rom:nja nach Transnistrien an, die von der Gendarmerie als „țiganii nenomazi” [„nicht-nomadische Zigeuner”] eingestuft wurden.
12. September 1942In Rumänien beginnt die Deportation von Rom:nja nach Transnistrien, die von der Gendarmerie als „țiganii nenomazi” [„nicht-nomadische Zigeuner”] eingestuft wurden. Die Transporte erfolgen mit dem Zug. Der letzte Zug trifft am 20. September 1942 im Landkreis Oceacov ein. Im Oktober 1942 werden dort etwa 14 000 Deportierte gezählt. Die Deportierten werden dann auf die Landkreise Oceacov und Berezovca verteilt, wo sie bis Februar/März 1944 bleiben müssen. Die Maßnahme führt zu zahlreichen Beschwerden gegenüber rumänischen Behörden, die Deportationen zu stoppen oder die Rückführung der Deportierten zu beschließen.
22. September 1942Der letzte von neun Deportationszügen aus Rumänien mit Rom:nja, die als „țiganii nenomazi” [„nicht-nomadische Zigeuner”] eingestuft wurden, trifft im Grenzbahnhof Tighina ein. Damit ist die Deportation dieser Gruppe nach Transnistrien offiziell beendet.