Jean-Louis Bauer

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Jean-Louis Bauer
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 23. Juli 2026

Jean Louis (bzw. Jean-Louis) Léon Bauer, auch „Poulouche“ genannt, wurde am 20. Juli 1930 in Bordeaux, Frankreich, geboren. Gemeinsam mit Teilen seiner Familie war er von 1940 bis 1945 in vier verschiedenen Zwangslagern im von Deutschland besetzten Frankreich interniert. Sein Vater, Antoine Bauer (1910–1944), gehörte zu einer Gruppe von 65 Sinti:ze und Rom:nja, die Anfang 1943 in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurden. Jean-Louis Bauer widmete einen großen Teil seines Lebens der Aufarbeitung der Verfolgungen, denen er und seine Familie ausgesetzt waren.

Internierung der Familie und Deportation des Vaters

Antoine Bauer, der einer Familie von Kale entstammte, und seine Frau Jeanne Ziegler (1912–2003), eine Manouche (Sinteza), hatten drei Kinder: Jean-Louis Bauer, Rose Bauer (1931–2010) und Louis Bauer (1938–1996). Vor dem Krieg reiste die Familie Bauer mit einem Wohnwagen in den Départements Gironde, Deux-Sèvres und Vienne. Die Eltern verdienten ihren Lebensunterhalt unter anderem mit Pferdehandel und Korbflechterei.

Am 17. November 1940 wurde die Familie in Langoiran (Gironde) von der Gendarmerie von La Bastide verhaftet. Anfang Dezember 1940 wurde sie auf Anordnung der deutschen Feldkommandantur von Bordeaux – ohne gerichtlichen Beschluss, mit dem angegebenen Verhaftungsgrund Nomade – in das Zwangslager Mérignac (Gironde) überstellt. Nach der vorübergehenden Schließung des Lagers Mérignac wurde die Familie am 10. Dezember 1940 in das Zwangslager Poitiers (Vienne) verlegt. Etwa zehn Mitglieder der väterlichen Familie wurden ebenfalls interniert, darunter Jean-Louis Bauers Großmutter Marie Herlemann (1875–unbekannt).

Am 13. Januar 1943 wurde Antoine Bauer zusammen mit 64 weiteren „Nomades“ in das Durchgangslager Compiègne-Royallieu (Oise) überstellt und am 24. Januar 1943 zur Zwangsarbeit in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Nach dem 29. Juni 1944 verliert sich seine Spur.

Seine Frau und seine Kinder wurden am 29. Dezember 1943 in das Zwangslager Montreuil-Bellay (Maine-et-Loire) und im Januar 1945 nach Jargeau (Loiret) überstellt. In einer Rede, die Jean-Louis Bauer im April 1996 auf dem ehemaligen Gelände des Lagers Montreuil-Bellay hielt, erinnerte er sich an die letzten Monate der Internierung: „Als der Krieg vorbei war, wurden wir nicht befreit. Im Januar 1945 waren wir noch immer in Montreuil-Bellay. Dann wurden meine Mutter, meine Geschwister und ich in ein anderes Lager gebracht, nach Jargeau im Département Loiret. Erst am Heiligabend 1945 wurden wir freigelassen. Man warf uns auf die Straße, und wir mussten zu Fuß nach Poitiers zurückkehren. Wir hatten nichts mehr; geblieben sind uns nur Krankheiten, an denen wir bis heute leiden.“1Sigot, „Un camp pour les Tsiganes à Poitiers“, 12. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier. Nach ihrer Entlassung am 24. Dezember 1945 ließ sich die Familie in Poitiers nieder, in der Hoffnung, Antoine Bauer wiederzufinden, der jedoch nie zurückkehrte.

Engagement für die Erinnerung

1984 nahm Jean-Louis Bauer Kontakt zu Jacques Sigot (1940–2024) auf, der ein Buch über das Lager Montreuil-Bellay veröffentlicht hatte. Gemeinsam finanzierten sie die erste Gedenkstele, die am 4. September 1985 auf dem ehemaligen Gelände des Lagers von Poitiers aufgestellt wurde. Jean-Louis Bauer initiierte auch die Enthüllung einer Gedenkstele am ehemaligen Standort des Lagers Montreuil-Bellay am 16. Januar 1988 sowie einer weiteren Stele am 7. Dezember 1991 auf dem Gelände des Collège Clos Ferbois in Jargeau, die auf dem ehemaligen Lagergelände errichtet wurde.

1993 gründete er die Union nationale des victimes et des familles de victimes tsiganes [Nationale Vereinigung der als „Tsiganes“ Verfolgten und ihrer Familien], für die er viele Jahre als Präsident tätig war. Im Jahr 2002 wurde Jean-Louis Bauer von der Association française pour l’hommage aux Justes parmi les Nations [Französische Vereinigung zur Ehrung der Gerechten unter den Völkern] in die Liste der Personen aufgenommen, die während der Besatzungszeit Juden:Jüdinnen geholfen hatten. Die gleiche Vereinigung ehrte Jean-Louis Bauer mit dem Titel Gardien de la vie [wörtlich übersetzt: Hüter des Lebens], der ihm stellvertretend für die romani Gemeinschaft Frankreichs verliehen wurde. Die Auszeichnung würdigte das Engagement der in Poitiers internierten „Nomades“, die den Pater Jean Fleury (1905–1982) bei der Organisation der Flucht jüdischer Internierter unterstützt hatten. Bis zu seinem Tod im Jahr 2007 legte Jean-Louis Bauer als Überlebender der Internierung und Sohn eines Deportierten unermüdlich Zeugnis ab.

Sein Sohn, Tony Maumont-Bauer (geb. 1956), übernahm 2009 den Vorsitz der Union nationale des victimes et des familles de victimes tsiganes und setzte damit die von seinem Vater begonnene Erinnerungsarbeit fort.Am 18. Juli 2010 wurde in der Nähe des Lagers an der Route de Limoges in Poitiers eine Allee zu Ehren von Jean-Louis Bauer eingeweiht.

Einzelnachweise

  • 1
    Sigot, „Un camp pour les Tsiganes à Poitiers“, 12. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier.

Zitierweise

Marie-Christine Hubert: Jean-Louis Bauer, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 23. Juli 2026.-

1985
4. September 1985

Am Ort des ehemaligen Zwangslagers in Poitiers, Frankreich, wird eine Gedenkstele eingeweiht, deren Errichtung von Jean-Louis Bauer und Jacques Sigot initiiert und finanziert wurde.

1988
16. Januar 1988Am Ort des ehemaligen Zwangslagers in Montreuil-Bellay, Frankreich, wird eine Gedenkstele eingeweiht, die u.a. auf die Initiative des Überlebenden Jean-Louis Bauer zurückgeht.
1991
7. Dezember 1991Am Ort des ehemaligen Zwangslagers in Jargeau, Frankreich, wird am Collège Clos Ferbois eine Gedenkstele eingeweiht, die unter anderem auf die Initiative des Überlebenden Jean-Louis Bauer zurückgeht.