Generalbezirk Estland

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Generalbezirk Estland
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 27. März 2025

Am 28. August 1941 hatte die Wehrmacht das estnische Festland und am 5. Dezember die estnischen Inseln eingenommen. Während dieser Zeit blieb Estland unter deutschem Militärbefehl, geführt von General Franz von Roques (1877–1967), Chef der Heeresgruppe Nord Rückwärtige Gebiete. Von Dezember 1941 bis zum Ende der deutschen Besatzung im September 1944 wurde Estland von einer Zivilverwaltung regiert. Der Generalbezirk Estland gehörte – wie Lettland, Litauen und der westliche Teil von Belarus – zum Reichskommissariat Ostland. Generalkommissar Karl-Siegmund Litzmann (1893–1945) in Tallinn berichtete an Hinrich Lohse (1895–1963) in Riga.

Parallele Strukturen

Um trotz des zahlenmäßig geringen Personals effektiv regieren zu können, richteten die deutschen Besatzungsbehörden eine Parallelstruktur ein. Die estnische Selbstverwaltung unter der Leitung von Hjalmar Mäe (1901–1978) erhielt ihre Anweisungen von Litzmann und der deutschen Zivilverwaltung. Das Gleiche galt für das Militär und die Polizei. Das Sonderkommando 1a der Einsatzgruppe A unter der Leitung von Dr. Martin Sandberger (1911–2010) wurde zur ständigen Dienststelle der deutschen Sicherheitspolizei (Sipo) in Estland (Gruppe A) umgewandelt, die ihrerseits die Tätigkeit der estnischen Sicherheitspolizei (Gruppe B) unter Ain-Ervin Mere (1903–1969) überwachte. Sandberger unterrichtete unterdessen dem Höheren SS- und Polizeiführer im Ostland, Friedrich Jeckeln (1895–1946).

Die größte und meistbeschäftigte Außenstelle der estnischen Sicherheitspolizei in Tallinn und der Provinz Harju wurde 1941/42 von Ervin Viks (1897–1983) geleitet. Anschließend war Viks Leiter der Abteilung B-IV, die für ‚politische Straftäter‘ wie Kommunisten, Juden:Jüdinnen und Rom:nja zuständig war. Die deutsche Kriminalpolizei unter Heinrich Bergmann (1902–1980) hatte ihr estnisches Pendant unter der Leitung von Ernst Hansar (1899–1979). Die estnische Abteilung der Polizei war etwa zwanzigmal so groß wie die deutsche und führte praktisch die „Endlösung der Juden-/Zigeunerfrage“ in Estland durch, wobei sie auf deutschen Befehl handelte. Jeckeln, Sandberger, Bergmann, Mere und Viks beaufsichtigten den Massenmord an Juden:Jüdinnen und Rom:nja im deutsch besetzten Estland.

Morde an Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenen

Während der dreieinhalbjährigen deutschen Besatzung kamen in Estland ca. 31 000 Zivilist:innen ums Leben. Die größte Opfergruppe, etwa 15 000, waren sowjetische Kriegsgefangene, gefolgt von Juden:Jüdinnen (8 614), ethnischen Est:innen (5 412), ethnischen Russ:innen (1 185) und Rom:nja (787–840).

Die Opfer unter den ethnischen Est:innen und Russ:innen wurden individuell zum Tode verurteilt, in der Regel als Kommunist:innen oder sowjetische Beamt:innen. Die Rassenideologie trug zweifellos auch zu den unverhältnismäßig hohen Todesraten unter den sowjetischen Kriegsgefangenen bei. Während des Feldzuges im Sommer und Herbst 1941 nahmen die Deutschen in Estland über 50 000 Soldaten der Roten Armee gefangen. Ein Großteil der Todesfälle unter den Kriegsgefangenen ereignete sich im Winter 1941/42 aufgrund von Typhusepidemien, deren Auswirkungen durch Unterernährung, schwere Arbeit und schlechte Lebensbedingungen verschlimmert wurden.

Juden:Jüdinnen und Rom:nja wurden aus rassistischen Gründen ermordet. Der Massenmord an den Juden:Jüdinnen vollzog sich in drei Etappen. Die wenigen Juden:Jüdinnen, die beim Einmarsch der Wehrmacht nicht aus Estland geflohen waren, insgesamt 963 Personen, wurden im Herbst 1941 erschossen. Im September und Oktober 1942 brachten Transporte aus Theresienstadt, Frankfurt am Main und Berlin insgesamt 2 051 Juden:Jüdinnen nach Estland, von denen 1 754 sofort ermordet wurden. Im Spätsommer und Frühherbst 1943 richteten die Verantwortlichen des nationalsozialistischen Besatzungsapparates schließlich ein System von Zwangsarbeitslagern für Juden:Jüdinnen in Estland ein. Die große Mehrheit der Juden:Jüdinnen kam aus Litauen und Lettland. Von diesen schätzungsweise 10 000 deportierten Juden:Jüdinnen kamen 5 572 ums Leben. Drei Viertel der estnischen Rom:nja wurden zwischen Ende Oktober 1942 und Anfang März 1943 ermordet.

Zitierweise

Anton Weiss-Wendt: Generalbezirk Estland, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 27. März 2025.-

1941
7. Juli 1941Die deutsche 18. Armee überschreitet die Grenze zu Estland.
28. August 1941Die Wehrmacht marschiert in die estnische Hauptstadt Tallinn ein. Das Tallinner Zentralgefängnis dient als Hauptsammelstelle für estnische Juden:Jüdinnen und Rom:nja vor ihrer Hinrichtung.
1944
24. Oktober 1944Ende der deutschen Besatzung Estlands.