Das Gefängnis in Pärnu, das offiziell als Konzentrationslager für politische Gefangene bezeichnet wurde, diente in den Jahren 1941/42 als polizeiliches Zwangslager für Juden:Jüdinnen und Rom:nja aus der Region im deutsch besetzten Estland. Das ursprünglich als Lagerhaus errichtete und genutzte Gebäude wurde 1891 von dem englischen Geschäftsmann und Exporteur Thomas Bett erworben. Infolgedessen wurde es vor Ort als Bett’s Barn [Beti Ait] bekannt.
Ermordung der jüdischen Bevölkerung
Das Gefängnis in der Vana-Sauga-Straße 2 wurde bereits am 11. Juli 1941 in Betrieb genommen. Ursprünglich wurde es von der estnischen Hilfspolizei Omakaitse betrieben und beschäftigte 27 Wachen. Die Verhaftungen von Juden:Jüdinnen begannen sofort, ebenso wie die Massentötungen. Das Sonderkommando der estnischen Sicherheitspolizei ermordete am 13. Juli 22 Juden:Jüdinnen – alle bis auf zwei Männer – und ebenso viele am 26. Juli. Der Massenmord an jüdischen Frauen begann am 25. Oktober (25 Opfer) und wurde am 2. November (33 Opfer) fortgesetzt. Am selben Tag töteten die Polizeieinheiten 28 jüdische Kinder. Die Massenmorde fanden an verschiedenen Orten in der Stadt statt: am Papiniidu-Bahnhof, im Reiu-Wald, im Rae-Wald und in einer örtlichen Synagoge. Insgesamt verloren 137 Juden:Jüdinnen (davon 18 aus Lettland) in Pärnu ihr Leben.
Inhaftierung und Ermordung von Rom:nja
Unter den Gefangenen in Bett’s Barn befanden sich auch Rom:nja. Am 29. September 1941 waren im Gefängnis von Pärnu 302 Häftlinge inhaftiert, darunter 87 Juden:Jüdinnen und 50 Rom:nja. Bis auf neun waren alle Rom:nja, die sich am Vorabend der deutschen Besetzung in der Provinz Pärnu aufhielten, inhaftiert. Diese Rom:nja waren gemäß dem Befehl des Leiters der Heeresgruppe Nord Rückwärtige Gebiet, Franz von Roques (1877–1967), vom 18. September 1941 verhaftet worden. Der Befehl verpflichtete ‚sesshafte‘ und ‚umherziehende‘ Roma zur Zwangsarbeit und stellte sie unter Polizeiaufsicht. Später gerieten weitere einzelne Rom:nja in die Hände der Polizei und wurden im Gefängnis von Pärnu interniert. So verhaftete die Polizei am 7. Februar 1942 Karl Koslovski (1905–unbekannt) aus der Gemeinde Tori.
Die Rom:nja aus Pärnu blieben bis zum Frühjahr 1942 in der Stadt inhaftiert. Nur eine Person, die 61-jährige Sophie Siimann (unbekannt–1941), starb am 6. Oktober 1941 im Gefängnis. Am 20. Januar 1942 unternahmen fünf jugendliche Rom:nja aus dem Gefängnis von Pärnu einen Ausbruchsversuch. Die Gefängniswärter nahmen drei von ihnen, Juhan Koslovski (1922–1942), Robert Mitrovski (1921–1942) und Karl-Alfred Mitrovski (1919–1942), schnell fest, während Richard Eamets (1926–unbekannt) und Karl Koslovski (geboren 1924 oder 1925–unbekannt) fliehen konnten.
Vor dem 6. März 1942 überführte die Polizei alle 48 Rom:nja aus Pärnu in das Gefängnis Harku. Dort wurden sie am 27. Oktober 1942 zusammen mit 195 anderen Rom:nja ermordet.
Der Ort heute
Im Jahr 1970 brachten engagierte Bürger:innen eine Gedenktafel zur Erinnerung an die ermordeten jüdischen Häftlinge in Bett’s Barn an. 2011 stellte die Stadtverwaltung von Pärnu den Antrag, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen. Gegenwärtig wird das ehemalige Gefängnisgebäude von einer Immobilienfirma in ein Apartmenthaus umgestaltet. Die frühere Nutzung des Gebäudes als Gefängnis wird in der öffentlichen Darstellung nicht erwähnt.