Harku war eine Haft- und Mordstätte für Juden:Jüdinnen und Rom:nja im deutsch besetzten Estland. Das Gefängnis in Harku war eine Zweigstelle des Tallinner Zentralgefängnisses und befand sich in der Provinz Harju, ca. 13 km südöstlich der estnischen Hauptstadt. Ursprünglich fungierte die Strafanstalt in Harku als Erziehungslager für junge Menschen. In der Zwischenkriegszeit diente sie abwechselnd als Gefängnis für jugendliche Straftäter:innen und als Arbeitslager für sogenannte ‚Arbeitsscheue‘. Die erste Funktion wurde mit der Einrichtung einer separaten Jugendstrafanstalt im nahe gelegenen Laitse im Jahr 1938 aufgegeben.
Inhaftierungen, Deportationen, Morde
Am Tag nach dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion, dem 23. Juni 1941, verhaftete das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten [NKVD, Narodnyi Komissariat Vnutrennykh Del] etwa 150 ‚feindliche Ausländer‘ (d. h. Neueinwanderer mit deutschem, österreichischem oder tschechoslowakischem Pass). Fast die Hälfte von ihnen waren jüdische Flüchtlinge. Am 3. Juli verließ ein Güterzug mit den Verhafteten an Bord Estland in Richtung Russland.
Laut dem Bericht der Einsatzgruppe vom 12. Oktober 1941 wurde Harku zum Zielort für jüdische Frauen und Kinder aus Tallinn und Umgebung, wo die für arbeitsfähig befundenen Personen zum Torfstechen eingesetzt wurden. Mütter mit Kindern wurden über das Tallinner Zentralgefängnis nach Harku gebracht. Der Leiter der deutschen Sicherheitspolizei (Sipo) in Estland, Dr. Martin Sandberger (1911–2010), erwähnte eine bestimmte jüdische Begräbnisstätte in der Nähe von Harku, aber es ist nicht gänzlich geklärt, ob die ca. 450 dort begrabenen Juden:Jüdinnen in einer separaten Aktion am gleichen Ort wie die übrigen Tallinner Juden:Jüdinnen (d. h. im Panzergraben Valdeku in der Nähe des Ülemiste-Sees) oder in Harku selbst ermordet wurden. Im letzteren Fall fanden die Massentötungen höchstwahrscheinlich auf dem Friedhof des Gefängnisses statt (der 1964 auf Anordnung des Innenministeriums von Sowjetestland zerstört wurde).
Inhaftierungen und Massaker an Rom:nja
Nach Angaben des estnischen Statistikamtes lebten am Vorabend der deutschen Besatzung lediglich acht Rom:nja in der Provinz Harju, vier davon in der Gemeinde Harku. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 trieb die Polizei mehrere Hundert Rom:nja zusammen und schickte sie in das Gefängnis von Harku (das nun gelegentlich als ‚Zigeuner–Konzentrationslager‘ bezeichnet wurde). Unter ihnen befanden sich 47 Rom:nja, die Mitte März aus dem Gefängnis von Pärnu dorthin verlegt worden waren. Mindestens drei inhaftierte Rom:nja versuchten in den Frühlings- und Sommermonaten, aus Harku zu fliehen, doch nur einem gelang dies offenbar.
Am 18. Juli 1942 waren im Gefängnis in Harku 1 133 Häftlinge untergebracht, darunter 328 Rom:nja (189 von ihnen Kinder). Es überrascht daher nicht, dass nach Angaben des Gefängnisdirektors nur 42 Rom:nja arbeitsfähig waren. Doch selbst diese konnten keine Zwangsarbeit leisten, da sie durch Infektionskrankheiten geschwächt waren.
Harku wurde zum Schauplatz des ersten, am besten dokumentierten Massakers an estnischen Rom:nja. Am 27. Oktober 1942 informierte der Leiter der Abteilung B-IV der estnischen Sicherheitspolizei, Ervin Viks (1897–1983), die deutsche Sipo über die Massentötung von 243 Rom:nja. Weitere Einzelheiten zu dieser Hinrichtung sind nicht überliefert. Nach diesem Datum wird Harku in den Dokumenten nicht mehr als Stätte eines Massenmords erwähnt.
Nachkriegszeit
Nach dem Abzug der deutschen Truppen aus Estland im Herbst 1944 diente Harku kurzzeitig als Lager für deutsche Kriegsgefangene und danach als Frauengefängnis. Im Jahr 1990 wurde es zu einer Arbeitskolonie und später zu einem gewöhnlichen Gefängnis. Endgültig wurde das Gefängnis in Harku 2012 geschlossen. 2016 erwarb eine Immobiliengesellschaft das Grundstück.