Josip Familić, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Todor Familić, war ein bedeutender romani Musiker aus Molovin (heutiges Serbien), dessen gesamte Familie während des Zweiten Weltkriegs deportiert und ermordet wurde.
Kindheit und musikalische Laufbahn
Todor Familić wurde 1908 in Molovin als Sohn von Stevan (1860–1924) und Persa Familić (1865–1922) geboren; das genaue Geburtsdatum ist in den Quellen nicht eindeutig überliefert.1Höchstwahrscheinlich wurde er am 28. April 1908 geboren. Molovin ist eine ländliche Siedlung in der Region Srem nahe der Stadt Šid, gelegen zwischen den Flüssen Donau und Save. Zum Zeitpunkt von Todor Familićs Geburt gehörte das Dorf zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie; nach dem Ersten Weltkrieg wurde es Teil des neugegründeten „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“ (seit 1929 Königreich Jugoslawien).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Molovin etwa 700 Einwohner:innen, wie Schätzungen aus der Zwischenkriegszeit belegen. Die Bevölkerung setzte sich überwiegend aus Rom:nja und Serb:innen zusammen. Ein bedeutender Teil der romani Bevölkerung gehörte zur Familie Familić. Besonders bekannt war das Dorf wegen seiner zahlreichen begabten romani Musiker:innen und der dort ansässigen Orchester. Neben dem musikalischen Gewerbe waren viele Rom:nja auch im Pferdehandel sowie in anderen Erwerbszweigen tätig.
Da bereits sein Vater Stevan Familić ein Musiker war, begann Todor Familić mit dem Spiel der Basprim und trat dem Orchester seines Vaters bei. Später besuchte er eine Musikschule in Zagreb. Nachdem er in verschiedenen Orchestern der Region gespielt hatte, zog er 1936 nach Belgrad, um dort eine professionelle Musikkarriere zu verfolgen. In Belgrad wurde er gemeinsam mit einem weiteren Familienmitglied, Boško Familić (1908–1981), Teil des Tamburitza-Orchesters von Radio Belgrad, einem der bedeutendsten Ensembles des Landes für Volks- und Tamburitza-Musik. Das Orchester, gegründet 1936 unter der Leitung von Aleksandar Aranicki (1892–1977), spielte eine zentrale Rolle bei der Gestaltung und Standardisierung der Tamburitza-Aufführungspraxis. Es bestand überwiegend aus ausgebildeten Musikern, von denen viele aus der breiteren mitteleuropäischen und voivodinischen Tamburitza-Tradition stammten. Trotz der weitreichenden Bedeutung von romani Musiker:innen in der Tamburitza-Praxis gehörten die meisten Orchestermitglieder nicht der romani Community an. Radio Belgrad war in den späten 1930er-Jahren eines der einflussreichsten Massenmedien im Königreich Jugoslawien und prägte maßgeblich den öffentlichen Musikgeschmack.
Nach den deutschen Luftangriffen auf Belgrad im Jahr 1941 wurden die Einrichtungen des Radiosenders schwer beschädigt; der Sendebetrieb wurde daraufhin verlegt und unter deutsche Kontrolle gestellt.
Überleben in Belgrad
Nach dem Einmarsch der Achsenmächte im April 1941 wurde das Königreich Jugoslawien aufgelöst und zwischen Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien aufgeteilt. Serbien – und mit ihm Belgrad – stand unter direkter deutscher Militärbesatzung. Die Region Srem, die sich entlang der Save bis an die Außenbezirke von Belgrad erstreckte, wurde einschließlich des Dorfes Molovin dem neu gegründeten Unabhängigen Staat Kroatien (USK) [Nezavisna Država Hrvatska] angeschlossen, einem Marionettenstaat unter dem Regime der Ustaša.
In Belgrad führten die deutschen Behörden bereits im April 1941 rassistische Gesetze ein, die Juden:Jüdinnen und Rom:nja kategorisierten und systematisch entrechteten. Dennoch trat Todor Familić weiterhin sowohl mit dem Tamburitza-Orchester von Radio Belgrad als auch in lokalen Ensembles auf. Er war von den Massenverschleppungen jüdischer und romani Männer in das Konzentrationslager in Topovske Šupe, die die deutschen Truppen in Zusammenarbeit mit den kollaborierenden serbischen Behörden und der Polizei durchführten, nicht betroffen. Dadurch entging er der Hinrichtung an den Vernichtungsstätten in Jabuka und Jajinci bei Belgrad. Todor Familić und seine Frau Ankica „Ana“ Familić (1909–1978) überlebten in Belgrad vor allem deshalb, weil er dank seiner Festanstellung über gültige Ausweispapiere verfügte, die ihn vor einer Verhaftung schützten.
Verbrechen der Ustaša an Rom:nja in Srem
Im Sommer 1942, während sich Todor Familić in Belgrad aufhielt, lösten die Ustaše-Behörden eine Welle massiver Gewalt in der Region Srem aus. Der Ustaša-Offizier Viktor Tomić (1907–1947) wurde als Sonderkommissar in die Region entsandt – offiziell zur Unterdrückung des Widerstands von Partisan:innen, tatsächlich jedoch zur Durchführung von gewaltsamen Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung.
Im Jahr 1942 führte die Ustaša in Šid und den umliegenden Ortschaften, darunter Molovin, Adaševci, Višnjićevo und Jamena, groß angelegte Verhaftungen durch. Rom:nja wurden in der ersten Terrorwelle im Juni 1942 verhaftet, gefolgt von Juden:Jüdinnen im Juli und Serb:innen im August desselben Jahres.
Molovin, dessen Bevölkerung zu einem großen Teil aus Rom:nja bestand, gehörte zu den ersten betroffenen Orten. Einheiten der Ustaša trieben die romani Bevölkerung von Molovin – darunter auch Frauen und Kinder – zusammen, brannten ihre Häuser nieder und zwangen sie, zu Fuß nach Šid zu marschieren.
In lokalen mündlichen Überlieferungen wird berichtet, dass die Ustaša die Rom:nja aus Molovin zwangen, ihre Instrumente zu tragen und Musik zu spielen, während sie in Formation durch Šid marschierten, mit den Geigern an der Spitze, gefolgt von den Tamburitza-Spielern und den Frauen und Kindern am Ende. Berichten zufolge spielten die Musiker bis zum Bahnhof, wo sie in Waggons gezwungen wurden. Auch wenn diese Details nicht eindeutig durch schriftliche Quellen belegt sind, verweist ihre Überlieferung auf ein anhaltendes lokales Bewusstsein für die Gewaltverbrechen an der romani Bevölkerung.
Die Stadt Šid diente als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und zentraler Durchgangsort für Deportationen. Von dort aus wurden die Rom:nja aus Molovin vor allem in das Konzentrationslager Jasenovac überstellt. Unter ihnen befand sich auch die Familie Familić. Das jüngste Familienmitglied, Dragica Familić (1940–1942), war erst zwei Jahre alt. Keiner der Deportierten kehrte zurück. Die Folgen für die Familie waren verheerend: 97 ihrer Angehörigen wurden laut Aufzeichnungen deportiert und 1942 in Jasenovac ermordet, sodass Todor Familić als einer von nur drei Überlebenden zurückblieb. Die anderen Überlebenden waren Branko Familić (1893–1978), dem die Flucht vor der Deportation gelang, sowie Boško Familić.2Lazić-Gojko, Sremsko krvavo leto 1942, 51.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach 1945 setzte Todor Familić seine musikalische Karriere fort. Er wurde Mitglied des Janika-Balaž-Orchesters, eines der renommiertesten Tamburitza-Ensembles der Nachkriegszeit, das in ganz Jugoslawien große Popularität erlangte. Als Basprim-Spieler prägte er den unverwechselbaren Klang des Ensembles und blieb bis ins hohe Alter musikalisch aktiv. Todor Familić starb am 25. Juli 1978 in Novi Sad, wo er auch begraben wurde.
Gedenken
An der Vorderwand des Gemeindehauses in Molovin erinnern zwei Gedenktafeln an die Geschichte des Ortes im Zweiten Weltkrieg. Die erste, die bereits 1951 angebracht wurde, erinnert an 21 Dorfbewohner:innen, die während des Zweiten Weltkriegs als Widerstandskämpfer:innen und Partisan:innen ums Leben kamen. Die zweite Tafel, die 2008 auf Initiative der Anwohner:innen angebracht wurde, trägt die Namen der romani Bewohner:innen von Molovin, die von der Ustaša ermordet wurden.
Graphic Novel
Todor Familić ist die zentrale Figur der Graphic Novel „Breaking into a Gallop“ [Zum Galopp ansetzen]. Der Comic entstand im Rahmen der pädagogischen „Ester“-Reihe3https://ester.rs. [Zugriff: 30.04.2026]. von Terraforming, einer in Serbien ansässigen Nichtregierungsorganisation, die sich auf Holocaust Education sowie die Bekämpfung von Antisemitismus, Antiziganismus und Geschichtsverfälschung spezialisiert hat. Die Graphic Novel verbindet historische Forschung mit interaktivem, grafischem Erzählen. Als digitale Lernressource konzipiert, umfasst sie Archivdokumente, Fotografien, Karten und Rechercheaufgaben für Schüler:innen und integriert zudem Elemente der romani Kultur wie Poesie, Musik und traditionelle Erzählungen. Der Titel geht auf ein Gedicht des serbischen romani Dichters Trifun Dimić (1956–2001) zurück. Die Handlung setzt kurz vor Todor Familićs Tod ein und entfaltet sich in einer retrospektiven Struktur, die sein Leben bis in die 1930er-Jahre zurückverfolgt. Aus der Perspektive Todor Familićs werden die romani Gemeinschaften von Molovin und im Belgrad der Vorkriegszeit dargestellt. Zugleich thematisiert die Graphic Novel die Verfolgung der Rom:nja und die Massengewalt während des Zweiten Weltkriegs.4Stanišić, „Breaking Into a Gallop“, 53.




