Das Gefängnis in Murru in der Provinz Harju, dem Deutsch besetzten Estland, war von Februar 1943 bis Sommer 1944 ein Haftort für estnische Rom:nja.
Inhaftierungen
Murru wurde 1938 offiziell als Gefängnis eingerichtet und im Juli 1942 als Arbeitserziehungslager neben dem Zentralgefängnis Tallinn und dem Konzentrationslager Tartu ausgewiesen.
Im Jahr 1943 wurden 78 Rom:nja in Murru interniert. Acht von ihnen, die aus dem südlichen Teil Estlands stammten, kamen am 3. Februar 1943 in das Lager. Die größte Gruppe, bestehend aus 34 Personen, erreichte das Lager am 4. April 1943. Vierzehn Rom:nja kamen am 4. August, fünf am 8. September und weitere 14 am 8. November an.
Die letzten drei bekannten inhaftierten Rom:nja wurden am 23. Dezember 1943 nach Murru verlegt. Der 28-jährige Jürts Mitrovski (Lebensdaten nicht bekannt) kam ursprünglich aus Elva. Der 19-jährige Otto Koslovski (1924–unbekannt) war drei Monate zuvor in der Nähe von Haapsalu festgenommen worden. Bei Karl Mitrovski (Lebensdaten nicht bekannt) aus Võru wurden drei verschiedene Geburtsjahre zu seinem Namen vermerkt: 1896, 1897 und 1898. Nach den Aufzeichnungen des Zentralgefängnisses in Tallinn wurde er zuerst am 7. Januar 1943 und dann erneut am 4. August nach Murru gebracht.
Offene Fragen
Einer der Angeklagten in einem sowjetischen Kriegsverbrecherprozess behauptete bei seiner Vernehmung 1960, dass die überlebenden estnischen Rom:nja – zwischen 150 und 200 Personen – im Sommer 1944 in das Lager Murru gebracht worden seien. Kurz nach ihrer Ankunft, so sagte er, habe die estnische Sicherheitspolizei inhaftierte Rom:nja abgeführt und offenbar ermordet. Diese Aussage wird durch keine anderen schriftlichen Quellen gestützt. Nach den vorliegenden Dokumenten waren Ende März 1944 im Zentralgefängnis von Tallinn 31 Rom:nja inhaftiert, die möglicherweise ebenfalls nach Murru verlegt wurden. Über sie gibt es jedoch keine weiteren Informationen. Auch über die anderen Häftlinge des Lagers Murru liegen keine weiteren Informationen vor. Es besteht die Möglichkeit, dass einige von ihnen überlebt haben.
Nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und bis 1994 fungierte Murru als ‚Arbeitsstrafanstalt‘. Danach erhielt es wieder den Status eines Gefängnisses und wurde 2011 Teil einer größeren Einrichtung, des Gefängnisses Murru und Harku. Im Jahr 2013 wurde das Gefängnis in Murru geschlossen. Heute befindet es sich in Privatbesitz und es werden Führungen durch das Gebäude angeboten.