Murru

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Murru
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 1. April 2025

Das Gefängnis in Murru in der Provinz Harju, dem Deutsch besetzten Estland, war von Februar 1943 bis Sommer 1944 ein Haftort für estnische Rom:nja.

Inhaftierungen

Murru wurde 1938 offiziell als Gefängnis eingerichtet und im Juli 1942 als Arbeitserziehungslager neben dem Zentralgefängnis Tallinn und dem Konzentrationslager Tartu ausgewiesen.

Im Jahr 1943 wurden 78 Rom:nja in Murru interniert. Acht von ihnen, die aus dem südlichen Teil Estlands stammten, kamen am 3. Februar 1943 in das Lager. Die größte Gruppe, bestehend aus 34 Personen, erreichte das Lager am 4. April 1943. Vierzehn Rom:nja kamen am 4. August, fünf am 8. September und weitere 14 am 8. November an.

Die letzten drei bekannten inhaftierten Rom:nja wurden am 23. Dezember 1943 nach Murru verlegt. Der 28-jährige Jürts Mitrovski (Lebensdaten nicht bekannt) kam ursprünglich aus Elva. Der 19-jährige Otto Koslovski (1924–unbekannt) war drei Monate zuvor in der Nähe von Haapsalu festgenommen worden. Bei Karl Mitrovski (Lebensdaten nicht bekannt) aus Võru wurden drei verschiedene Geburtsjahre zu seinem Namen vermerkt: 1896, 1897 und 1898. Nach den Aufzeichnungen des Zentralgefängnisses in Tallinn wurde er zuerst am 7. Januar 1943 und dann erneut am 4. August nach Murru gebracht.

Offene Fragen

Einer der Angeklagten in einem sowjetischen Kriegsverbrecherprozess behauptete bei seiner Vernehmung 1960, dass die überlebenden estnischen Rom:nja – zwischen 150 und 200 Personen – im Sommer 1944 in das Lager Murru gebracht worden seien. Kurz nach ihrer Ankunft, so sagte er, habe die estnische Sicherheitspolizei inhaftierte Rom:nja abgeführt und offenbar ermordet. Diese Aussage wird durch keine anderen schriftlichen Quellen gestützt. Nach den vorliegenden Dokumenten waren Ende März 1944 im Zentralgefängnis von Tallinn 31 Rom:nja inhaftiert, die möglicherweise ebenfalls nach Murru verlegt wurden. Über sie gibt es jedoch keine weiteren Informationen. Auch über die anderen Häftlinge des Lagers Murru liegen keine weiteren Informationen vor. Es besteht die Möglichkeit, dass einige von ihnen überlebt haben.

Nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und bis 1994 fungierte Murru als ‚Arbeitsstrafanstalt‘. Danach erhielt es wieder den Status eines Gefängnisses und wurde 2011 Teil einer größeren Einrichtung, des Gefängnisses Murru und Harku. Im Jahr 2013 wurde das Gefängnis in Murru geschlossen. Heute befindet es sich in Privatbesitz und es werden Führungen durch das Gebäude angeboten.

Zitierweise

Anton Weiss-Wendt: Murru, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 1. April 2025.-

1942
27. Oktober 1942Ermordung von 243 Rom:nja in Harku (deutsch besetztes Estland), unter ihnen Karl Siimann, Leontine Siimann und Richard Siimann.
1943
3. Februar 1943Acht Rom:nja aus dem südlichen Teil des deutsch besetzten Estlands werden im Arbeitserziehungslagerin Murru inhaftiert. Bis November 1943 werden weitere 67 Rom:nja in das Lager gebracht.
10. Februar 1943Massenerschießung von 110 Rom:nja, die zuvor im Zentralgefängnis von Tallinn (deutsch besetztes Estland) inhaftiert waren, durch die deutsche Sicherheitspolizei, wahrscheinlich in Kalevi-Liiva. Unter den Opfern ist Lonny Indus aus Narva, die Ehefrau von Willem Indus, zusammen mit ihren sechs Kindern.
17. Februar 1943Massenerschießung von 337 Rom:nja, die zuvor im Zentralgefängnis von Tallinn (deutsch besetztes Estland) inhaftiert waren, durch die deutsche Sicherheitspolizei, wahrscheinlich in Kalevi-Liiva. Willem Indus aus Narva ist unter den Opfern, ebenso der fünfzehnjährige Pavel Koslovski aus der Gemeinde Petseri und sein Vater, Nikolai Koslovski.
23. Dezember 1943Otto Koslovski wird in das „Arbeitserziehungslager in Murru, deutsch besetztes Estland, eingeliefert. Dies ist die letzte verfügbare Information über ihn.