Das im Südosten Polens gelegene Dorf Zawadka Brzostecka gehörte seit dem Überfall des Deutschen Reiches zur Kreishauptmannschaft Jaslo im Distrikt Krakau des deutsch besetzten Teil Polens (Generalgouvernement). Zawadka Brzostecka ist einer von 188 dokumentierten Tatorten im Generalgouvernement, an denen in den Jahren 1939 bis 1945 Morde an polnischen Rom:nja sowie vereinzelt an zuvor dorthin deportierten deutschen Sinti:ze verübt wurden.
Untersuchungen
Laut Ermittlungen der Hauptkommission für die Erforschung nationalsozialistischer Verbrechen in Polen [Główna Komisja Badania Zbrodni Hitlerowskich w Polsce] wurden in der Kreishauptmannschaft Jaslo in den Ortschaften Brzostek, Frysztak, Gogołów, Januszkowice, Jodłowa, Kaszyce und Zawadka Brzostecka1Vor Kriegsbeginn war Zawadka Brzostecka Teil der Woiwodschaft Krakau, des Kreises Jasło und der Gemeinde Brzostek. Heute gehört der Ort zur Woiwodschaft Karpatenvorland, zum Kreis Dębica und zur Gemeinde Brzostek. durch Angehörige des Gendarmeriepostens Jaslo und anderer deutscher Besatzungsorgane Hunderte Jüdinnen:Juden, polnische Zivilist:innen und Rom:nja erschossen. Laut einer von Stanisław Zabierowski (1910–1986) verfassten Publikation der Hauptkommission ist für den gesamten Kreis Jasło eine ermittelte Opferzahl von mindestens 75 Rom:nja überliefert. Davon wurden laut Zabierowski 24 im März 1943 allein in Zawadka Brzostecka erschossen.2Zabierowski, „Die Ausrottung der Zigeuner in Südostpolen“, 2, 5. Die konkrete Ereignisgeschichte der Morde ist schwer rekonstruierbar; das derzeit vorliegende Quellenmaterial ergibt lediglich ein bruchstückhaftes Bild.
Erschießungen 1942
Nach Angaben des polnischen Historikers Piotr Kaszyca, der 1998 eine Übersicht zu an Rom:nja verübten Massakern im Generalgouvernement zusammengestellt hat, wurden in Zawadka Brzostecka neben dem örtlichen Friedhof Mitte Februar 1942 27 Personen von der Polizei aus Jasło erschossen. Es handelte sich hierbei sowohl um Jüdinnen:Juden als auch Rom:nja. Überwiegend seien unter den Ermordeten jüdische Jugendliche gewesen, die aus dem Getto in Brzostek geflohen waren. Am Ort des Massakers wurden die Leichen in insgesamt vier Gräbern, zwei davon Massengräber, begraben.3Kaszyca, „Die Morde an Sinti und Roma im Generalgouvernement 1939–1945“, 131. Weitere Informationen sind derzeit nicht vorhanden.
Erschießungen 1943
In Kaszycas Übersicht von Mordaktionen an Rom:nja im Generalgouvernement wird ein im März 1943 verübtes Massaker an 23 oder 24 Rom:nja aufgeführt. Diese seien von der SS, womöglich auch von der Gendarmerie und der Gestapo aus Jasło in einem Wald erschossen worden. Es habe sich um mindestens zwölf Frauen, drei Männer und acht Kinder gehandelt, die in einem LKW zur Hinrichtungsstelle gebracht und dort begraben worden seien. Auch diese Angaben Kaszycas basieren unter anderem auf Unterlagen der Hauptkommission.4Ebd., 131–132.
Für dieses Massaker sind mehrere Aussagen von Zeug:innen bei der Hauptkommission überliefert. Sie entstanden im Zuge von Ermittlungen gegen SS-Obersturmführer Ernst Hildebrandt (1888–1962), dem damaligen Gendarmerieposten in Jasło, sowie andere Angehörige deutscher Besatzungsorgane. Im Oktober 1979 wurden sie der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen überreicht.5StAN, StAnwNürnberg-Fürth 2004-01, Nr. 805. Zudem ist auch ein von Yahad – In Unum durchgeführtes Interview vorhanden.6Julian O., „Interview“.
Trotz Abweichungen bei den Angaben zur Opferzahl (zwischen 22 und 24), zum Täterkreis (Gendarmerie, Gestapo, SS und/oder polnische Polizisten) und des Datums (Sommer 1942, Sommer 1943 oder März 1943 – da meist Letzteres angegeben ist, wird hier von März 1943 als Tatzeitpunkt ausgegangen) ist wahrscheinlich, dass es sich bei den Angaben und Ereignissen, die Zabierowski und Kaszyca schildern und die in den Ermittlungsunterlagen und dem Interview thematisiert werden, um dieselbe Massenerschießung handelt.
Danach wurden bis zu 24 Rom:nja, darunter Männer, Frauen und Kinder, in einem LKW, der aus Richtung Jasło kam, nach Zawadka Brzostecka gebracht und dort am Waldrand erschossen. In Zawadka Brzostecka selbst lebten vor dem Krieg keine Rom:nja. Nach Angaben mancher Zeugen konnte ein kleiner Junge der Erschießung entkommen und den Krieg überleben – namentlich ist dieser jedoch nicht bekannt. Die Dorfbewohner:innen wurden angewiesen, ein Massengrab auszuheben und die Ermordeten am selben Tag an Ort und Stelle beizusetzen. An der Hinrichtungsstätte fanden sie einen Leichenberg vor; alle Ermordeten waren noch bekleidet. Am Grab wurde, vermutlich kurz nach dem Massaker, von dem damaligen Dorfvorsteher Stanisław Surder (Lebensdaten nicht bekannt) ein Kreuz angebracht. Einige der zwischen 1976 und 1979 vernommenen Zeug:innen gaben an, dass dieses Kreuz nach einer gewissen Zeit zerfiel. Da im 2014 aufgenommenen Yahad – In Unum-Interview noch ein Kreuz zu sehen ist, muss ein neues angebracht worden sein.
Die Täter
Von einem Zeugen, dem damaligen Bezirkskommandanten der polnischen Polizei in Brzostek, wurde angegeben, dass die Ermordeten aus der Umgebung von Tarnów stammten und von drei Gendarmen, ebenfalls aus Tarnów, nach Zawadka Brzostecka gebracht worden waren. Die Erschießung habe laut ihm die Gendarmerie aus Jasło durchgeführt. Namentlich als Täter wurden von dem Zeugen neben SS-Obersturmführer Ernst Hildebrandt ein Oberwachtmeister Hans Breitschneider (1905–unbekannt), ein Meister der Gendarmerie Gustav Heinemann (1898–unbekannt), ein Oberwachtmeister der Gendarmerie Bruno Kosma (1910–1944) und ein Oberleutnant der Gendarmerie Friedrich Müller (1902–1959) genannt. Weitere Täter, gegen die im Rahmen der Vorermittlungen der Zentralen Stelle verfahren wurde, sind Kreishauptmann Dr. Walter Gentz (1907–1967) und ein ehemaliger polnischer Polizist namens Janicki – Vorname, Geburtsdaten und Aufenthaltsort konnten nicht ermittelt werden. Aus weiteren Zeug:innenaussagen geht zudem hervor, dass an der Tat ein Täterkreis von etwa sieben bis zehn Personen beteiligt gewesen sei. Das von der Zentralen Stelle in Ludwigsburg an die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth weitergegebene Verfahren wurde 1983 eingestellt, weil die namentlich bekannten Täter bereits verstorben waren und die übrigen Tatbeteiligten nicht ermittelt werden konnten.




