Das Gebiet des heutigen Kosovo war im Laufe der Jahrhunderte Teil verschiedener Staatsgebilde (Serbien, Osmanisches Reich, Jugoslawien). 2008 erklärte Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien und ist heute als Republik teilweise diplomatisch anerkannt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Land von Deutschland, Italien und Bulgarien besetzt. Schätzungen zufolge wurden während dieser Zeit 1 000 Rom:nja getötet.
Rom:nja im Kosovo vor dem Zweiten Weltkrieg
Rom:nja auf dem Gebiet Kosovos werden erstmals im 14. Jahrhundert in Prizren und Dečani [Albanisch: Deçan] in den Quellen erwähnt. Als Kosovo 1459 Teil des Osmanischen Reiches wurde, gehörte die Minderheit der Rom:nja zu denjenigen Bevölkerungsgruppen, die gegenüber den osmanischen Behörden besondere steuerliche und anderweitige Verpflichtungen hatten. Rom:nja lebten hauptsächlich in den Ballungsgebieten von Prizren, Pristina und Kosovska Mitrovica [Albanisch: Mitrovica]. Osmanischen Dokumenten zufolge verdienten sie ihren Lebensunterhalt vor allem als Schmiede, waren aber auch als Pferdehändler, Wahrsagerinnen und in anderen Berufen tätig. Roma dienten auch als Soldaten in bewaffneten Hilfstruppen der osmanischen Armee. Im 19. Jahrhundert war die Mehrheit der kosovarischen Rom:nja fest ansässig, nur ein kleiner Teil war mobil in Handel und Handwerk oder als Saisonarbeiter:innen tätig. 1853 waren allein in Prizren 603 romani Haushalte registriert.1Crowe, A History of the Gypsies of Eastern Europe, 195–196, 199, 209, 268.
Nach dem Ende des Ersten Balkankrieges (1912) wurde der Großteil Kosovos durch das Königreich Serbien (die Gebiete Kosovo und Prizren) sowie das Königreich Montenegro (Teile der Region Metochien [Albanisch: Dukagjini], die Gebiete rund um Peć [Albanisch: Peja] und Đakovica [Albanisch: Gjakova]) annektiert. Während des Ersten Weltkrieges besetzten dann österreichisch-ungarische und bulgarische Truppen das Gebiet. Nach dem Krieg wurde Kosovo Teil des jugoslawischen Staates (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen; ab 1929 Königreich Jugoslawien) und war in die administrativen Einheiten der Banschaften Zeta, Morava und Vardar unterteilt.
Im Zuge der Volkszählung von 1931 wurden auf dem Gebiet des heutigen Kosovo 12 792 Rom:nja registriert, darunter 5 514 in der Banschaft Zeta (Đakovica: 1 812; Istok: 830; Kosovska Mitrovica: 1 274; Peć: 1 598), 887 in der Banschaft Morava (Vučitrn: 656; Podujevo: 231) und 6 391 in der Banschaft Vardar (Gnjilane: 3 368; Gračanica: 2 191; Kačanik: 97; Prizrenski Podgor: 26; Šar Planina: 709). Die kosovarischen Rom:nja waren mehrheitlich muslimischen Glaubens (rund 98 %); nur ein kleiner Teil war orthodox (2 %) oder römisch-katholisch (> 1 %).2Publikationsstelle Wien, Die Gliederung, 177–217, 307–351, 379–411.
Unter italienischer und deutscher Besatzung
Im April 1941 besetzten die Achsenmächte unter der Führung des nationalsozialistischen Deutschlands das Königreich Jugoslawien. Teile Kosovos kamen unter die Kontrolle Italiens (angegliedert an das sogenannte Großalbanien), die nördlichen Teile mit Kosovska Mitrovica [Albanisch: Mitrovica] wurden Teil des deutsch besetzten Serbiens und Bulgarien besetzte etwa acht Prozent der östlichen kosovarischen Gebiete. Anfang 1943 intensivierten die antifaschistischen Partisan:innen unter der Führung von Josip Broz Tito (1892–1980) ihre Aktivitäten im Kosovo und entwickelten sich damit zunehmend zu einer ernsthaften Herausforderung für die Besatzungsbehörden.
Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 besetzte die Wehrmacht die ehemalige italienische Zone. Ab Mai 1944 war die neu gegründete 21. Waffen-Gebirgsdivision der SS (Schutzstaffel) „Skanderbeg“ in diesem Gebiet aktiv und beging zahlreiche Verbrechen. Sie setzte sich überwiegend aus Albanern zusammen, die unter deutschem Kommando agierten. Im Oktober 1944 begann die Wehrmacht mit dem Rückzug aus dem Kosovo, während die Ballisten (Einheiten der albanischen nationalistischen und antikommunistischen Bewegung Balli Kombëtar) weiterhin Widerstand gegen die Partisan:innen leisteten. Erst im März 1945 gelang es den Partisan:innen, die Kontrolle über das gesamte kosovarische Gebiet zu erlangen. Nach dem Krieg wurde Kosovo zu einer autonomen Provinz innerhalb der Teilrepublik Serbien in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien.
Verfolgung der Rom:nja
Der aktuelle Stand der historischen Forschung erlaubt keine verlässlichen Aussagen über das Ausmaß der Verfolgung der Rom:nja im Kosovo durch die verschiedenen Besatzungsbehörden. Im deutsch besetzten Norden Kosovos unterlagen Rom:nja zwar de jure den repressiven Vorschriften des Militärkommandanten in Serbien. Es ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht, inwieweit diese Vorschriften in dieser Region tatsächlich umgesetzt wurden. Für das weitaus größere, italienisch besetzte Gebiet (Teil Großalbaniens) deutet nichts auf eine gezielte Politik gegen Rom:nja hin. Es ist anzunehmen, dass die meisten Opfer unter den kosovarischen Rom:nja auf die intensivierten deutschen Maßnahmen gegen Partisan:innen und die Vergeltungsmaßnahmen nach der italienischen Kapitulation zurückzuführen sind. Die von den jugoslawischen sozialistischen Behörden nach dem Krieg erstellten Listen der Kriegsopfer, wie beispielsweise die von 1964, enthalten jedoch keine Personen, die als kosovarische Rom:nja identifiziert wurden. Gleiches gilt für die Schätzungen des Museums der Genozidopfer in Belgrad.3Muzej žrtava genocida. „Stradali Jugoslavije.“ Die ungefähre Gesamtzahl der Opfer lässt sich jedoch unter gewissen Vorbehalten mithilfe alternativer Methoden grob schätzen. Auf der Grundlage demografischer Vergleiche der Volkszählungen vor und nach dem Krieg gehen der Statistiker Bogoljub Kočović (1920–2013) und der Demograf Vladimir Žerjavić (1912–2001) davon aus, dass im Kosovo während des Zweiten Weltkrieges etwa 1 000 Rom:nja getötet wurden.4Kočović, Žrtve, 67–71; Žerjavić, Population Losses, 150–158.
Alle historischen Erkenntnisse über die Situation der romani Bevölkerung im besetzten Kosovo stammen bislang ausschließlich aus persönlichen Berichten von romani Überlebenden und ihren Nachkommen. Donald Kenrick (1929–2015) und Grattan Puxon (geb. 1939) zitierten in ihren wegweisenden Studien aus persönlicher Korrespondenz mit den kosovarischen Roma Raif Maljoku (Lebensdaten unbekannt) und Kuna Cevcet (Lebensdaten unbekannt).5Kenrick und Puxon, The Destiny, 120–123; dies., Gypsies under the Swastika, 74–76. In den 1990er- und 2000er-Jahren wurden zwei Interviewprojekte durchgeführt.6Fings et al., „… einziges Land“, 78–82; Polansky, One Blood, Bd. III, 149–289. Deren Ergebnisse können jedoch für die Rekonstruktion einer historischen Darstellung der Erfahrungen von Rom:nja im Kosovo nur begrenzt herangezogen werden, da viele der Beschreibungen von Verbrechenskontexten insbesondere in Bezug auf Täter:innen sowie Tatorte und -zeitpunkte vage oder sogar fehlerhaft sind. Dies gilt insbesondere für das umfangreiche Interviewmaterial von Paul Polansky (1942–2021).
Nichtsdestotrotz bietet das Material einen Einblick in die Kriegserfahrungen einzelner Rom:nja, die etwa von Hunger, Zwangsarbeit, Plünderung und Brandstiftung, Vergewaltigung, Folter und Mord betroffen waren. Zudem wurden kosovarische Rom:nja auch in verschiedene Lager im besetzten Jugoslawien – wie das Lager in Berane in Montenegro oder in Merdare im Kosovo – sowie das Gefängnis in Pristina und das Konzentrationslager Jasenovac im Unabhängigen Staat Kroatien verschleppt. Ebenso gehörten kosovarische Rom:nja zu den Personen, die in Lager im nationalsozialistischen Deutschland deportiert wurden (Buchenwald, Mauthausen und verschiedene Zwangsarbeitslager).
In den Interviews werden drei große Massaker erwähnt: in Preševo [Albanisch: Preshevë], Bivoljak [Bivolak] und Prizren, doch diese Informationen müssen noch durch Archivdokumente überprüft werden. Sicher ist, dass in allen drei Fällen nicht ausschließlich Rom:nja betroffen waren, sondern auch ihre Nachbar:innen. Dies deutet darauf hin, dass es sich vermutlich um keine gezielten Maßnahmen gegen Rom:nja handelte, sondern um allgemeine Antipartisanenaktionen oder Vergeltungsmaßnahmen, die wahllos Zivilist:innen trafen.7Fings et al., „… einziges Land“, 80; Polansky, One Blood, Bd. III, 238 f. und 244 f. Der Themenkomplex bedarf weiterer Forschungen.
Widerstand und Rom:nja als Partisan:innen
Während der Besetzung des Kosovo leisteten Rom:nja den Besatzern und ihren lokalen Unterstützer:innen auf verschiedene Weise Widerstand: Sie versteckten sich, flohen in die Wälder oder Berge, nahmen neue Identitäten an, setzten sich für die Rettung anderer ein oder schlossen sich bewaffneten Partisaneneinheiten an. Die Erforschung dieses Themas unterliegt denselben methodischen Problemen wie im Fall der Verfolgung kosovarischer Rom:nja: Der Forschungsstand ist unzureichend und das bestehende Wissen basiert ausschließlich auf persönlichen Erinnerungen und mündlichen Überlieferungen.
Zu den besser erforschten und offiziell anerkannten Beispielen von romani Widerstand zählt der Fall der kosovarischen Romni Hajrija Imeri Mihaljić (Lebensdaten nicht bekannt), die ein jüdisches Kind bei sich aufnahm, dadurch rettete und dafür 1991 von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurde. Der Rom Ljatif Sucuri (1915–1945) soll dank seiner persönlichen Bekanntschaft mit dem albanischen Polizeichef von Kosovska Mitrovica zweimal Rom:nja der Stadt vor einer Deportation gerettet haben. Nach der Befreiung der Gebiete wurde er aufgrund dieser Verbindung denunziert und von Partisan:innen erschossen.
Kosovarische Rom:nja waren auch in der antifaschistischen Partisanenbewegung aktiv. Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 und bevor die deutsche Militärbesatzung begann, wurde das Gebiet kurzzeitig durch Partisan:innen befreit. Danach schlossen sich immer mehr Rom:nja Partisanenverbänden wie der Einheit „Emin Duraku“ der Volksbefreiungsarmee an. Unter den bewaffneten Partisanenkämpfer:innen war auch der Rom Durmish Aslano (unbekannt–1944). Die Erinnerung an ihn wurde nach dem Krieg zu einem festen Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses der kosovarischen Rom:nja.
Laut einer Interviewaussage der Romni Djemilja Alija (geb. 1927) aus Donja Dubnica [Albanisch: Dumnica e Poshtme] in der Gemeinde Podujevo [Albanisch: Besianë] war auch mindestens eine Romni unter den kosovarischen Partisanenkämpfer:innen: Die Schwester von Alijas Schwiegervater, Nada (um 1923–unbekannt), soll sich im Alter von 18 Jahren den Partisan:innen angeschlossen und fast vier Jahre lang in ihren Reihen gekämpft haben. Sie soll dann von den deutschen Besatzer:innen gefangen genommen und gefoltert worden sein. Sie überlebte den Krieg, trug jedoch dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigungen davon.8Polansky, One Blood, Bd. III, 261.
Neben der Teilnahme an bewaffneten Kämpfen waren kosovarische Rom:nja auch als zivile Informant:innen und geheime Kollaborateur:innen für die Partisan:innen tätig. Der Rom Hasan Ibrahim (in älterer Literatur auch Hasani Brahim genannt) (um 1907–unbekannt), der von den Besatzern offensichtlich nicht als „Zigeuner“ registriert worden war, arbeitete im deutsch besetzten Kosovska Mitrovica als Mechaniker in einer Werkstatt, in der die Wehrmacht ihre Militärfahrzeuge reparieren ließ und Treibstoff lagerte. Laut den Erinnerungen eines Überlebenden begann Ibrahim 1943, die Partisan:innen heimlich zu unterstützen, indem er sie mit Benzinversorgte und Benzinbomben für sie herstellte. Außerdem soll er zweimal Feuer in der Werkstatt gelegt haben, was zu erheblichen Schäden führte. 1944 floh Hasan Ibrahim in die Berge und schloss sich einer Partisaneneinheit an, in der er bis zum Ende des Krieges kämpfte. Danach kehrte er an seinen früheren Arbeitsplatz zurück.9Kenrick und Puxon, The Destiny, 121 f.; dies., Gypsies under the Swastika, 75 f.
Im Januar 1945 erfolgte in den bereits befreiten Teilen Kosovos eine allgemeine Mobilmachung und es wurden drei Brigaden gebildet, die für die Befreiung der noch besetzten Teile Jugoslawiens eingesetzt wurden. Unter den Hunderten kosovarischen Wehrpflichtigen, die in den letzten Kriegsmonaten bei diesem Einsatz ums Leben kamen, befand sich auch mindestens ein Rom.10Antonijević, „Ratni zločini,“ 602–606.
Nach 1945
Bei der ersten Volkszählung nach dem Krieg im Jahre 1948 wurden im autonomen Verwaltungsbezirk Kosovo und in Metohija (Teil der Volksrepublik Serbien) 11 230 Rom:nja erfasst.11Konačni rezultati popisa, XIV, 343–347. Im sozialistischen Jugoslawien waren die kosovarischen Rom:nja weder als Opfer des Faschismus noch als Mitglieder der Partisanenbewegung Teil der offiziellen Erinnerungsdiskurse.
Ab den 1960er-Jahren entwickelte sich jedoch im Kosovo eine ausgeprägte kulturelle und bildungspolitische Bewegung der Rom:nja. Am 18. April 1969 gründeten kosovarische romani Aktivist:innen in Prizren den „Kultur- und Kunstverein ‚Durmiš Aslano‘“ [Kulturno-umetničko društvo „Durmiš Aslano“], dessen Mitglieder neben der Organisation von Kulturveranstaltungen und dem Erstellen von Bildungsprogrammen ein Alphabet des Romanes entwickelten und die Zeitschrift Romano alav [Romani Wort] herausgaben.12Lichnofsky, Ethnienbildung, 104 f.; Abercrombie, Mixing, 33 f. Der Verein ehrte mit seinem Namen den bereits erwähnten romani Partisanen Durmish Aslano. Im heutigen Prizren sind zudem eine Straße und eine Schule nach Aslano benannt.
In der jüngeren Geschichte gerieten kosovarische Rom:nja dann während der politischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Albaner:innen und Serb:innen, insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren sowie im Jahr 2004, zwischen die Fronten der Konfliktparteien. Dies führte zu massiven Gewalttaten gegen sie sowie zu Flucht und Vertreibung aus der Region, insbesondere im Zusammenhang mit dem Kosovokrieg von 1998 bis 1999. In der Folge wurden romani kulturelle Belange, darunter auch das Gedenken an das Leid während des Zweiten Weltkrieges, aus dem offiziellen Diskurs vollständig verdrängt.
Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 2008 änderte sich die Situation langsam, und es kam zu einer schrittweisen Wiederbelebung des romani Aktivismus im Kosovo. Der romani Intellektuelle Kujtim Paçaku (1959–2018) initiierte eine Kampagne für die Anerkennung und das Gedenken an den Völkermord an den Rom:nja durch die kosovarischen Behörden und brachte das Thema regelmäßig in öffentlichen Debatten zur Sprache.
Seit einigen Jahren setzen sich romani Organisationen wie „Opre Roma Kosovo“ [Deutsch: Steht auf, Roma des Kosovo] wiederholt mit Kampagnen für eine offizielle Anerkennung des 2. August als Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma durch die Republik Kosovo ein. Nationale und internationale Institutionen (wie die Botschaft des Kosovo in Ungarn oder das European Roma Institute for Arts and Culture (ERIAC)) unterstützen sie in diesem Anliegen.13„Opre Roma Kosovo“ und „Joint Statement“.




