SS-Sondereinheit Dirlewanger

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SS-Sondereinheit Dirlewanger
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 1. Februar 2026

Unter den Sinti, die ab Frühjahr 1943 aus Deutschland in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, befanden sich einige Männer, die zuvor in der Wehrmacht als Soldaten gedient hatten. Zum Teil waren sie seit 1941 aus rassischen Gründen aus der Wehrmacht entlassen, zum Teil direkt von der Front in das Lager eingeliefert worden. Im Zuge der Auflösung des Lagerbereichs BIIe in Auschwitz-Birkenau wurden ehemalige Wehrmachtangehörige, teils mit ihren Angehörigen, selektiert und in das Konzentrationslager Ravensbrück überführt. Nach Zwangssterilisation und Verlegung nach Sachsenhausen gelangten etwa 150 von ihnen noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges zu einem Einsatz an der Front. Eine unbekannt hohe Anzahl starb dabei oder geriet in Kriegsgefangenschaft.

Geschichte der SS-Sondereinheit

In der Fach- und Erinnerungsliteratur wird die Truppe, der die Sinti zugeführt wurden, zumeist als „Einheit Dirlewanger“ erwähnt. Diese Bezeichnung ist falsch, denn tatsächlich handelte es sich dabei um die 36. Waffen-Grenadier-Division der Schutzstaffel (SS). Diese SS-Sondereinheit war allerdings eng mit der Person ihres Kommandeurs, SS-Oberführer Oskar Paul Dirlewanger (1895–1945), verbunden.

Dirlewanger wurde am 26. September 1895 in Würzburg geboren. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg hatte er sich verschiedenen Freikorps angeschlossen und war 1922 der NSDAP beigetreten. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Mannheim und Frankfurt am Main und wurde dort 1922 zum Doktor der Staatswissenschaften promoviert. Promotion und militärische Ränge wurden ihm 1934 aufgrund einer Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs eines minderjährigen Mädchens aberkannt. Nach dreijährigem Einsatz in der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg erstritt er eine Aufhebung des Urteils. Im Mai 1940 wurde er in die SS aufgenommen.

Im gleichen Monat stellte Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945) ein aus rechtskräftig verurteilten Wilderern bestehendes „Wilddiebkommando Oranienburg“ auf, dessen Führung Oskar Dirlewanger übertragen wurde. Das „Sonderkommando Dirlewanger“ war ab September 1940 an Kriegsverbrechen in Polen und Belarus beteiligt. In Regimentsstärke nahm die Einheit ab August 1944 an der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes teil. Zwei Monate später wurde die inzwischen zur „Sturmbrigade“ erweiterte Sondereinheit zur Bekämpfung des Slowakischen Nationalaufstandes eingesetzt. Nach Kämpfen bei Budapest im Dezember 1944 wurde die Truppe im Februar 1945 in „36. Waffen-Grenadier-Division der SS“ umbenannt und an die Neiße, einem Fluss in der Lausitz an der heutigen deutsch-polnischen Grenze, verlegt. Mitte Februar 1945 wurde Dirlewanger aufgrund der Folgen einer Verwundung während eines Kriegseinsatzes als Kommandeur abgelöst.

Zwangsweiser Fronteinsatz von Sinti

Die aus Auschwitz-Birkenau nach Ravensbrück verlegten Sinti wurden in das dortige Männerlager eingeliefert. Viele von ihnen wurden mit dem Versprechen, aus der KZ-Haft entlassen zu werden, zu einer Sterilisation genötigt. Am 3. März 1945 wurden in einer Gruppe von etwa 2 000 Häftlingen mindestens 183 Sinti (nach bisherigen Kenntnissen befanden sich keine Roma in dieser Gruppe) in das KZ Sachsenhausen überstellt.1Berechnungen des Autors anhand des Nummernbuches des Männerlagers des KZ Ravensbrück, das online zur Verfügung steht unter https://collections.arolsen-archives.org/de/archive/1-1-35-1_2492000 [Zugriff: 10.12.2025].

Mit der sich für das Deutsche Reich dramatisch verschlechternden Kriegslage war der Bedarf an personellem Nachschub für die deutschen Streitkräfte im Frühjahr 1945 enorm gestiegen. Am 12. April 1945 mussten sich daher auf Befehl der Lagerleitung in Sachsenhausen alle Sinti melden, die bereits über militärische Erfahrung verfügten. Diese Personen wurden in Uniformen eingekleidet und von ihren Familienangehörigen getrennt. Angaben zu der Anzahl der Zwangsrekrutierten schwanken in der Fach- und Erinnerungsliteratur zwischen 100 und 200.2Awosusi, Vater, 56; Klausch, Antifaschisten, 311; Winter, WinterZeit, 79; Neander, Deutsche als Opfer, 346. Nicht alle zwangsrekrutierten Sinti hatten zuvor in der Wehrmacht gedient oder waren in Auschwitz-Birkenau inhaftiert gewesen.

Am Tag darauf erfolgte der Abtransport der Sinti in Richtung Neiße. Seit Ende 1944 war es innerhalb der Wehrmacht verstärkt zu Desertionen von Soldaten gekommen, die als politische KZ-Häftlinge ebenfalls zum Fronteinsatz rekrutiert worden waren. Um vor Desertionsversuchen abzuschrecken, wurden die Sinti gezwungen, auf einem Zwischenstopp der Exekution eines Fahnenflüchtigen beizuwohnen. Am 13. April trafen sie in den Stellungen bei Forst (Lausitz) ein und wurden auf verschiedene Kompanien aufgeteilt.

Kriegsende und Kriegsgefangenschaft

Am Morgen des 16. April 1945 begann die Rote Armee ihre letzte Offensive zur Einnahme von Berlin. Sowjetische Truppen überquerten die Neiße und überrannten die Stellungen der Division. Vermutlich kamen dabei mehrere der für den Fronteinsatz zwangsrekrutierten Sinti ums Leben. Weitere Personen wurden bei Kampfhandlungen verwundet. Diese Verwundeten gelangten in Lazarette oder begaben sich nach dem Kriegsende in ihre Heimatregionen.

Zahlreiche Sinti gerieten in sowjetisches Gewahrsam. Obwohl sie sich zumeist als ehemalige KZ-Häftlinge zu erkennen gaben, wurden sie nur in Einzelfällen nach wenigen Tagen aus der Gefangenschaft entlassen.3Awosusi, Vater, 57–69; Engbring-Romang, Verfolgung, 233; Klausch, Antifaschisten, 314. Diejenigen, die vor dem 16. April 1945 über die Neiße desertiert oder unmittelbar bei Beginn der sowjetischen Offensive gegen Berlin gefangengenommen wurden, gelangten in ein sowjetisches Sammellager in Elsterwerda. Ein Sinto, der Ende April 1945 im „Kessel von Halbe“ in das Gewahrsam der Roten Armee geriet, wurde in das Gefangenenlager Posen abtransportiert. Als Kriegsgefangene wurden die Sinti in Lager in der Sowjetunion überstellt und verblieben dort in der Regel für mehrere Jahre.

Tod Dirlewangers

Oskar Dirlewanger versuchte bei Kriegsende, unterzutauchen, geriet jedoch in französische Kriegsgefangenschaft. Er wurde von Überlebenden, über deren Identität es verschiedene Versionen gibt, so schwer misshandelt, dass er am 7. Juni 1945 in Altshausen, Landkreis Ravensburg, starb.

Aufarbeitung und Erinnerung

Die Geschichte der in die SS-Division gezwungenen Sinti ist bislang nicht eingehend erforscht worden. Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen in dem beim Kampf um Berlin entstandenen „Kessel von Halbe“ eingeschlossen und die dabei gestorbenen Sinti, wie andere Soldaten auch, auf der Kriegsgräberstätte in Halbe4Zum Friedhof siehe https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/halbe [Zugriff: 10.12.2025]. beigesetzt wurden. Berichte über den Kriegseinsatz in den letzten Kriegstagen sind unter anderem von Walter „Stanoski“ Winter (1919–2012), Hermann Weiß (1925–2010) und Gustav Steinbach (1916–2004) erschienen. Am ausführlichsten beschrieb Walter „Stanoski“ Winter den Zynismus, in die Uniform der SS-Mörder gezwungen und nahezu ohne Ausrüstung als Kanonenfutter für ein Land an die Front geworfen zu werden, welches die Vernichtung der Minderheit betrieb. Winter schildert aber auch die Überlebensstrategien der Sinti, von denen nach seiner Erinnerung viele trotz der ständigen Bewachung und Todesgefahr auf die andere Seite der Front überlaufen konnten.5Guth, Z 3105, 142–156.

Einzelnachweise

Zitierweise

Tobias Metzner: SS-Sondereinheit Dirlewanger, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 1. Februar 2026.-

1940
2. Mai 1940In einer Tagebuchnotiz hält ein Adjutant Adolf Hitlers dessen Anweisung fest, dass Sinti und Roma – wie Juden – aus der deutschen Wehrmacht auszuschließen seien.
1941
11. Februar 1941Das Oberkommando der Wehrmacht, Deutschland, ordnet die Entlassung von Sinti und Roma aus dem aktiven Wehrdienst an.
1943
26. Februar 1943Die ersten Sinti:ze und Rom:nja werden auf der Grundlage des „Auschwitz-Erlasses“ in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (deutsch annektiertes Polen) in den Lagerabschnitt BIIe deportiert. Ab dem 1. März 1943 treffen fast täglich weitere Deportationszüge mit Sinti:ze und Rom:nja ein. Bis zum Ende des Monats werden bereits 12 259 Männer, Frauen und Kinder im „Hauptbuch des Zigeunerlagers“ registriert.
1944
2. August 1944535 Sintize und Romnja, Frauen und Mädchen, werden zusammen mit 490 Männern und Jungen aus dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (deutsch annektiertes Polen) in das Konzentrationslager Ravensbrück, Deutschland, überstellt.
1945
3. März 1945Mindestes 183 Sinti und Roma werden im Rahmen einer teilweisen Räumung des Männerlagers im Konzentrationslager Ravensbrück, Deutschland, in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt. Unter den Männern befinden sich viele ehemalige Wehrmachtsoldaten.
12. – 13. April 1945
Im Konzentrationslager Sachsenhausen, Deutschland, werden mindestens 150 deutsche Sinti für einen Einsatz an der Front zwangsrekrutiert.