Die Haftanstalt für Jugendliche in Laitse in der Provinz Harju, dem deutsch besetzten Estland, steht auf einer Liste von 18 Gefängnissen und Lagern, die von der estnischen Sicherheitspolizei betrieben wurden. Das später als ‚Arbeitserziehungslager für junge Straftäter‘ bezeichnete Laitse diente von März 1942 bis zum Frühjahr 1944 als Zwangslager für jugendliche Roma. Nur wenige von ihnen, wenn überhaupt, überlebten.
Einweisung jugendlicher Roma
Die Haftanstalt für Jugendliche in Laitse entstand 1938 als Folge der Umstrukturierung des Gefangenenlagers Harku, das bis dahin diese Funktion erfüllt hatte. Das Jungenheim mit dem Namen „Gutshaus Laitse“ lag ca. 40 km südwestlich von Tallinn und in relativ kurzer Entfernung von Harku.
Die Polizei trennte die jugendlichen Roma gewaltsam von ihren Eltern, die im Frühjahr und Sommer 1942 unter anderem aus dem Gefängnis in Pärnu und dem Tallinner Zentralgefängnis in das Gefangenenlager Harku deportiert wurden. Allerdings kamen nicht alle von ihnen nach Laitse. Im Juli 1942 befanden sich 189 romani Kinder in Harku, und mindestens 15 der am 27. Oktober 1942 dort ermordeten Roma waren Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren.
Da die Jungen sowohl Estnisch als auch Russisch sprachen, fanden sie schnell eine gemeinsame Sprache mit den übrigen Insassen des Erziehungslagers. Die Jüngsten unter den Zwölf- bis 17-Jährigen besuchten die Schule, während die übrigen Zwangsarbeit verrichteten. In seiner Aussage während eines sowjetischen Kriegsverbrecherprozesses zeichnete der Direktor der Jugendstrafanstalt, Andrei Kurol, ein rosiges Bild seiner Einrichtung und erwähnte unter anderem die Existenz eines ‚Zigeuner‘-Chores.
Ermordung der Jugendlichen
Die estnische Sicherheitspolizei meldete für den 15. Oktober 1942 58 romani Kinder in Laitse, für den 1. März 1943 jedoch nur 16. Höchstwahrscheinlich wurden die meisten jugendlichen Roma zusammen mit Erwachsenen am 27. Oktober 1942 in Harku ermordet. Der Leiter der deutschen Sicherheitspolizei (Sipo) in Estland, Dr. Martin Sandberger (1911–2010), ordnete in der Zwischenzeit an, dass die in Laitse verbliebenen romani Kinder nach ihrer Arbeitsfähigkeit in Gruppen eingeteilt werden sollten.
Am 3. Dezember 1943 befanden sich noch 14 jugendliche Roma in Laitse. Irgendwann im Frühjahr 1944 erhielt der Leiter des Erziehungslagers von der deutschen Sipo den Befehl, die verbliebenen romani Kinder auszuliefern. Angeblich wurde ihm mitgeteilt, dass die Kinder ihre Eltern treffen und innerhalb einer Woche zurückkehren würden. Nach den Informationen, die er erhielt, wurden sie in Kalevi-Liiva ermordet.
Der Ort heute
Zurzeit kann das Gutshaus Laitse für Firmenveranstaltungen und Hochzeiten gebucht werden. Auf der Website werden die Architekturgeschichte des Gebäudes und die Geschichte der baltisch-deutschen Adelsfamilie, die es erbaut hat, beschrieben. Die Vergangenheit des Gebäudes als Haftanstalt für Jugendliche wird nicht erwähnt.