Saint-Sixte

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Saint-Sixte
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 15. Juli 2026

Am 23. Juni 1944 verübten Soldaten einer Kompanie des Pionierbataillons der SS-Division „Das Reich“ ein Massaker in Saint-Sixte (Lot-et-Garonne), deutsch besetztes Frankreich. Während einer Vergeltungsaktion gegen Widerstandskämpfer:innen im Dorf Dunes (Tarn-et-Garonne) stießen die Soldaten auf zwei Wohnwagen von Schaustellerfamilien und erschossen die 19 anwesenden Personen. Vierzehn Menschen wurden dabei getötet, darunter elf Kinder. Es handelt sich um das einzige dokumentierte Massaker an Sinti:ze (Manouches), das während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich verübt wurde. 

Kontext

Die in Valence d’Agen stationierten Offiziere der 2. Kompanie des Pionierbataillons der Division „Das Reich“ erhielten am 19. Juni 1944 eine Meldung mit den Namen von 46 Familien aus Dunes und Sistels (Tarn-et-Garonne). In diesen Gemeinden wurde der Widerstand in lokalen Einheiten des Corps franc Pommiès [Freikorps Pommiès] (CFP) und der Armée secrète [Geheimarmee] (AS) organisiert. Die Hauptverfasserin dieser Denunziation und ihr Ehemann standen in engem Kontakt mit deutschen Offizieren. Das Namensverzeichnis bildete die Grundlage für die Militäroperation vom 23. Juni 1944, die sich auch gegen mutmaßliche Widerstandskämpfer:innen in Caudecoste, einem Nachbardorf von Dunes, richtete. 

Auf dem Weg nach Caudecoste entdeckten die Soldaten unterhalb der Kirche in Saint-Sixte zwei Wohnwagen, in denen die Schaustellerfamilien Vaise, Landauer und Wanderstein lebten. Eine der anwesenden Frauen, Rosalie Vaise (1879–1944), war als Akrobatin, dann als Sängerin und Jahrmarktshändlerin beruflich tätig gewesen. Eine ihrer Töchter, Adolphine (1898–1944), war mit Pierre Wanderstein (1897–unbekannt) verheiratet, dessen Eltern Opernsänger:innen und Akrobat:innen waren. Marie Bouillon (1893–unbekannt) hatte einen Bruder namens Louis Bouillon (1897–1962), einen Katzen- und Löwendompteur, der im Südwesten Frankreichs, in Spanien und in Nordafrika unter dem Namen „Ivanof“ bekannt war. Eine der Familien betrieb einen Schießstand zur Unterhaltung auf Jahrmärkten. Die Familien waren erst am Vorabend in Saint-Sixte angekommen, ihre Anwesenheit war daher vor der deutschen Operation nicht bekannt.

Das Massaker

Nachdem eine erste Gruppe von Soldaten vorbeimarschiert war und ihren Weg nach Caudecoste fortgesetzt hatte, kontrollierte eine nachfolgende Einheit die Familien, durchsuchte die Wohnwagen und trieb alle Anwesenden auf eine nahegelegene Wiese. Unmittelbar darauf wurden sie erschossen. Eines der Opfer, Paul Vaise (1894–1944), rief zuvor auf Romanes seinen Angehörigen zu: „Ker o mulo!“ [Stellt euch tot!].1CNAEF, 127C026.  Vierzehn Menschen wurden getötet: Die Älteste, Rosalie Vaise, war 75 Jahre alt, die Jüngste, Henriette Landauer, geboren am 4. Juni 1944 in Agen, war erst 19 Tage alt.

Unter den Opfern befanden sich elf Minderjährige, sechs Jungen und fünf Mädchen. Der Bürgermeister des Dorfes, Etienne Laffont (Lebensdaten nicht bekannt), berichtete später von verstümmelten Leichnamen, darunter derjenige eines Kindes, dem beide Beine abgetrennt worden seien, ebenso von einer Frau, deren Schädel zertrümmert worden sei, sowie von einer Schwangeren, deren Bauch aufgerissen worden sei. 

Die Soldaten überprüften nicht, ob die Opfer tatsächlich tot waren. Fünf Überlebende wurden von der lokalen Bevölkerung und einem Arzt, Dr. Roger Escudier (oder Escudié) (1909–unbekannt), gerettet, der von einem Ortsansässigen, Omer Vergne (1905–2006), trotz einer Ausgangsperre mit dem Fahrrad aus dem sechs Kilometer entfernten Lamagistère herbeigeholt wurde. Vergne berichtete 1996: „Die Zigeuner hatten dort (in Saint-Sixte) am Vortag, am 22. Juni, Halt gemacht. Die Deutschen haben sie dort völlig zufällig gefunden. Sie waren auf dem Weg nach Dunes. Sie stießen auf den Lagerplatz. Alle schliefen. Wir hörten Lärm. Zusammen mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter hörten wir Schreie, dann eine Schießerei. Es gab einige Minuten Stille, dann begann es wieder. Es wurde heftig an die Tür geklopft, die Frauen wollten nicht, dass ich öffne, aber ich habe geöffnet, weil ich wissen wollte, was los war: ‚Sie haben uns getötet, mein armer Herr. Die Deutschen haben uns alle getötet.‘“2Mitschrift eines Gesprächs zwischen Louis Chevalier und Omer Vergne, das 1996 in der Sendung „La vie des gens, l’air du pays“ von Radio Bulles ausgestrahlt wurde. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier. Drei Verletzte wurden vom Roten Kreuz in das Krankenhaus von Agen gebracht.

Im Laufe des Tages ließ der Bürgermeister des Dorfes Särge anfertigen und auf dem Dorffriedhof eine Grube ausheben. Er alarmierte den Präfekten des Départments Lot-et-Garonne Jean Giraud (1888–unbekannt), der jedoch weder persönlich vor Ort erschien noch einen Vertreter entsandte. Die in Saint-Sixte anwesenden deutschen Offiziere rechtfertigten das Massaker mit der angeblichen Entdeckung von zehn automatischen Pistolen der Marke Herstal in den Wohnwagen. Die Offiziere versuchten den Eindruck zu erwecken, dass sie auf bewaffnete Männer und somit „Terroristen“ (d. h. Partisanen) gestoßen seien, was aus ihrer Sicht eine sofortige Hinrichtung gerechtfertigt hätte. Tatsächlich handelte es sich bei den „Waffen“ lediglich um die Holzgewehre des saisonalen Schießstandes der Schausteller:innen, von denen eines vom Dorfbürgermeister zerbrochen aufgefunden wurde.

Die Opfer wurden am gleichen Tag um 18 Uhr beigesetzt. Währenddessen begab sich der Großteil der Soldaten nach Caudecoste, wo sie einen Widerstandskämpfer erschossen und einen weiteren erhängten, und anschließend nach Dunes, wo sie elf Männer am Balkon des Dorfpostamtes erhängten und drei weitere Einwohner:innen töteten.

Die Leichen der in Saint-Sixte ermordeten Schausteller:innen wurden einige Monate später auf Antrag von François Landauer (1894–1963), einem Verwandten, exhumiert, um sie auf den Gemeindefriedhof von Saint-André de Cubzac (Gironde) umzubetten. Die Beisetzung erfolgte in einer Gruft, die von einem großen Grabdenkmal der Familien Vaise und Landauer überragt wird.

Nachkriegszeit und Erinnerung

Das Massaker von Saint-Sixte führte zu Ermittlungen des Ständigen Militärgerichts von Bordeaux, das für die von der SS-Division „Das Reich“ begangenen Kriegsverbrechen zuständig war. Mehrere Offiziere waren von der Kriegsverbrechenskommission der Vereinten Nationen wegen ihrer Beteiligung am Massaker von Saint-Sixte identifiziert worden.3UNWCC, IP/Arch/1/1/5, 1544. Adjutant Willi Goymann (1914–unbekannt), der von US-Truppen in der Normandie gefangen genommen und von Anwohner:innen als beim Massaker anwesend genannt worden war, wurde am 1. Februar 1951 zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt; dieses Urteil wurde jedoch durch einen Beschluss des Kassationsgerichtshofs am 22. November 1951 aufgehoben und für nichtig erklärt. Am 18. Oktober 1952 wurde Goymann freigesprochen: Seine direkte Beteiligung an den Erhängungen in Dunes und den Erschießungen konnte nicht bewiesen werden.

Bis 2023 wurde das Massaker von Saint-Sixte nur unzureichend dokumentiert und analysiert. Tatsächlich zählt es zu den wenigen Massakern, die von deutschen Einheiten im besetzten Frankreich verübt wurden: Am 10. Juni 1944 wurden in Oradour-sur-Glane (Haute-Vienne) mehr als zweihundert Minderjährige getötet, am selben Tag wurden in Marsoulas (Haute-Garonne) dreizehn Kinder und am 25. August 1944 in Maillé (Indre-et-Loire) achtundvierzig Kinder getötet.

Besonders hervorzuheben ist, dass es sich um das einzige dokumentierte Massaker an Sinti:ze und Rom:nja handelt, das während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich stattfand. Im Gegensatz zu den geplanten Hinrichtungen von Dunes, bei denen ausschließlich Männer durch Erhängen getötet wurden, handelte es sich beim Massaker von Saint-Sixte um einen spontanen Akt der Vernichtung, der sich gegen alle Anwesenden – Kinder, Frauen, Männer – richtete und durch Erschießen vollzogen wurde. Das Ereignis zeigt, wie sich die genodizale Praxis des nationalsozialistischen Regimes auch auf französischem Boden vollzog.

Über viele Jahre erinnerte lediglich ein Holzkreuz an das in Saint-Sixte begangene Verbrechen. 1991 wurde eine Stele mit folgender Inschrift aufgestellt: „In Erinnerung an die Tziganes, die am 23. Juni 1944 von den deutschen Besatzern erschossen wurden.” Dank des Engagements von Alain Daumas (geb. 1952), Präsident der Union Française des Associations de Tsiganes (UFAT), wurde 2016 unweit des Ortes des Massakers ein Denkmal errichtet. Das von Serge Carvalho (1949–1975) geschaffene Denkmal besteht aus einem weißen Stein mit drei Platten aus rostfreiem Stahl, wobei die mittlere Platte die Namen der Opfer auflistet. Auf der rechten Seite befindet sich ein Ensemble aus rostfreiem Stahl, das einen Vater und seine Tochter darstellt. Die männliche Figur trägt einen Reiseanzug mit Weste und kurzem Umhang; das Mädchen, das fast auf der Schulter des Vaters sitzt, ist mit einer zweireihigen Jacke und einem knielangen Rock bekleidet. Ein Wagenrad vervollständigt das Denkmal. Es handelt sich um das erste figurative Denkmal in Frankreich, das der nationalsozialistischen Vernichtung der Sinti:ze (Manouches) und Rom:nja gewidmet ist.

Einzelnachweise

  • 1
    CNAEF, 127C026. 
  • 2
    Mitschrift eines Gesprächs zwischen Louis Chevalier und Omer Vergne, das 1996 in der Sendung „La vie des gens, l’air du pays“ von Radio Bulles ausgestrahlt wurde. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier.
  • 3
    UNWCC, IP/Arch/1/1/5, 1544.

Zitierweise

Gilles Alfonsi: Saint-Sixte, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 15. Juli 2026.-

1944
23. Juni 1944Bei einer Vergeltungsaktion gegen Widerstandskämpfer:innen in der Region Dunes (Tarn-et-Garonne) im deutsch besetzten Frankreich erschießt eine Kompanie des Pionierbataillons der SS-Division „Das Reich“ in Saint-Sixte (Lot-et-Garonne) vierzehn Manouches, darunter elf Kinder.
2016
23. Juni 2016Auf Initiative von Alain Daumas, Präsident der Union Française des Associations de Tsiganes, wird am Jahrestag eines in Saint-Sixte, damals deutsch besetztes Frankreich, begangenen Massakers ein Denkmal eingeweiht. Es erinnert an die vierzehn Personen der Familien Landauer, Vaise und Wanderstein, elf von ihnen Kinder, die am 23. Juni 1944 von Soldaten der SS-Division „Das Reich“ erschossen wurden.