In Saint-Maurice-aux-Riches-Hommes, einem kleinen Dorf am Rande des Départements Yonne in der von Deutschland besetzten Zone Frankreichs, wurden zwischen dem 21. Juni 1941 und dem 18. Dezember 1945 etwa 300 als „Nomades“ kategorisierte Personen in einem Zwangslager interniert.
Hausarrest und Internierung
Auf Grundlage des Dekrets vom 6. April 1940, das die Freizügigkeit von Sinti:ze und Rom:nja auf dem französischen Staatsgebiet für die Dauer des Krieges beendete, wurden „Nomades“ des Départements Yonne ab dem 24. April 1940 in mehreren Gemeinden unter Hausarrest gestellt. Am 21. Oktober 1940 ordnete die Feldkommandantur von Auxerre dem Präfekten der Yonne, Joseph Bourgeois (1893–unbekannt), die Internierung von 126 unter Hausarrest stehenden Personen an. Die Umsetzung des Befehls verzögerte sich jedoch, da gleichzeitig mehr als 300 von den deutschen Behörden aus der Küstenzone ausgewiesene „unerwünschte Ausländer“ in das Département verlegt und in Saint-Maurice interniert wurden.
In der Zwischenzeit entschied der Präfekt, die „Nomades“ Anfang 1941 an einem einzigen Ort unter Hausarrest zusammenzuführen. Nach der Verlegung der „unerwünschten Ausländer“ ordnete der Präfekt am 21. Juni 1941 die Internierung der „Nomades“ im Lager Saint-Maurice-aux-Riches-Hommes an. Dieses Lager, das 1939 auf dem Gelände eines stillgelegten Bahnhofs etwa einen Kilometer vom Dorf entfernt eingerichtet worden war, diente ursprünglich der Unterbringung von Familien, die aus dem franquistischen Spanien geflohen waren.
Zusammensetzung der Internierten
Eine undatierte Liste, die im Départementsarchiv der Yonne aufbewahrt wird, führt 207 Internierte, darunter 37 Familien und zwei Einzelpersonen, auf. Diese waren Inhaber:innen des 1912 in Frankreich eingeführten „carnet anthropométrique“ [anthropometrischer Ausweis] und stammten überwiegend aus der Yonne sowie den benachbarten Départements. Unter ihnen befanden sich auch einige Familien, die gewöhnlich in den an Belgien angrenzenden Départements lebten und im Département Nièvre festgenommen wurden, wo sie seit Beginn des Zweiten Weltkrieges Zuflucht gesucht hatten. Die meisten von ihnen waren französische Staatsbürger:innen, darunter ein „Gazé de la Grande Guerre“ [Gasopfer des Ersten Weltkriegs] sowie Veteranen beider Weltkriege. Außerdem ist die Anwesenheit von Deutschen aus Elsass und Lothringen sowie von Belgiern, Italienern und Spaniern dokumentiert.
Die Häufigkeit der Einlieferungen deutet darauf hin, dass die „Nomades“ interniert wurden, sobald sie von der französischen Gendarmerie oder den deutschen Behörden entdeckt und verhaftet wurden. Im November 1943 waren von den 171 Internierten 63 jünger als dreizehn Jahre und 35 zwischen dreizehn und 21 Jahre alt.
Überwachung und Lebensbedingungen
Das dem Präfekten unterstehende Lagerpersonal bestand aus einem Direktor, der zugleich ein Lager in Saint-Denis-lès-Sens leitete, einem zivilen Wachmann und zwei Krankenschwestern des Roten Kreuzes. Die Bewachung des Lagers übernahmen drei Gendarmen. Bis zum 19. Januar 1942 durften die „Nomades“ das Lager ohne Genehmigung verlassen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Im Jahr 1943 wurde das Lager schließlich mit Eisenbahnschwellen und Stacheldraht umzäunt, sodass das Verlassen des Lagers fortan nur noch mit Genehmigung möglich war.
Die Familien waren entweder in Holzbaracken untergebracht, die in dieser kalten und feuchten Region keinen ausreichenden Schutz boten, oder in ihren Wohnwagen, die am Ende des Hofes abgestellt waren. Im Laufe der Jahre verschlechterte sich die Lage der Familien zunehmend. Besonders alarmierend war die Situation der Kinder, wie aus einem Bericht von Dezember 1944 hervorgeht: „Mindestens die Hälfte läuft barfuß, viele Kleinkinder besitzen als einzige Kleidung lediglich ein altes, zerrissenes Hemd. Der Mangel an Wäsche macht es unmöglich, die Kinder abzutrocknen und warmzuhalten.“1AD Yonne, 1W527, Rapport de Mlle Hérold, assistante sociale départementale, 15. Dezember 1944. Übersetzung ins Deutsche: Emanuel Marx L’Huillier.
Die Erwachsenen stellten innerhalb des Lagers Weidenkörbe her oder arbeiteten außerhalb des Lagers in land- oder forstwirtschaftlichen Betrieben. Im August 1942 waren 38 Internierte mit Genehmigung der deutschen Behörden außerhalb des Lagers beschäftigt. Etwa zwanzig Männer wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland abgezogen. Insgesamt wurden nur wenige Internierte aus dem Lager entlassen: Sieben Personen im Jahr 1942 und fünfzehn im Jahr 1943.
Die Schule im Lager
Die Kinder besuchten eine im Lager eingerichtete Schule. Die Organisation des Unterrichts gestaltete sich lange unkoordiniert und wechselhaft. Im Oktober 1941 wurde der Unterricht einer ausgebildeten Krankenpflegerin mit staatlichem Diplom übertragen, bevor sie im September 1942 durch die Frau eines in Deutschland kriegsgefangenen Lehrers ersetzt wurde. Drei Monate später übernahm ein spanischer Internierter diese Funktion, dessen Eignung von der Verwaltung jedoch aufgrund sprachlicher Defizite in Frage gestellt wurde. Erst 1943 setzte die Schulaufsicht offiziell einen Lehrer ein. Nach dessen Einberufung im März 1945 blieb die Stelle unbesetzt, sodass der Unterricht bis zur Auflösung des Lagers nicht mehr gewährleistet war.
Fluchtversuche und Auflösung des Lagers
Während der vierjährigen Existenz des Zwangslagers kam es zu zahlreichen Fluchtversuchen. Etwa ein Drittel der Internierten unternahm mindestens einen Fluchtversuch. Mit zunehmender Dauer der Internierung verschärften sich die Spannungen erheblich. Im Oktober 1945, fünf Monate nach Kriegsende, forderten die Familien nachdrücklich ihre Freilassung. Ein Ministerialrundschreiben vom 17. November 1945 ordnete schließlich die Auflösung des Zwangslagers an. Der Präfekt der Yonne setzte diese Entscheidung in zwei Etappen um: Am 6. Dezember 1945 wurden 128 Personen freigelassen, am 18. Dezember weitere 21 – ohne sie, entgegen der ursprünglichen Vorgabe, erneut unter Hausarrest zu stellen.
Erinnerung
Die Existenz des Lagers wurde lange Zeit verschwiegen und schließlich lediglich auf der Website der Gemeinde Saint-Maurice-aux-Riches-Hommes erwähnt.2https://stmaurice89.fr/fr/rb/1492493/camp-dinternement-et-de-refugies [Zugriff: 12.03.2026]. Am 20. September 2025 weihte die Gemeinde eine Gedenkstele zu Ehren der Internierten ein, darunter auch der als „Nomades“ verfolgten Familien. Das Denkmal symbolisiert die Baracken des Lagers und enthält ein Wagenrad, das an die Präsenz und Erfahrungen der Familien im Lager von Saint-Maurice-aux-Riches-Hommes erinnert. Die Initiative wurde von der Vereinigung De-mavie (Devoir de mémoire aux voyageurs internés et leurs enfants) unterstützt, die sich der Erinnerung an die Internierten und ihre Kinder widmet.




