Růžena Danielová

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Růžena Danielová
  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 29. April 2026

Růžena Danielová wurde am 27. Februar 1904 in Čejč im Bezirk Hodonín in der Tschechoslowakei geboren. Sie wuchs bei ihrer blinden Mutter in verschiedenen Dörfern auf, vor allem in Mutěnice (Bezirk Hodonín) in Südmähren. Südmähren gehörte damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie und wurde 1918 Teil der Tschechoslowakei.

Seit ihrem 16. Lebensjahr lebte Růžena Danielová mit ihrem späteren Ehemann Martin Daniel (geb. 1900) zusammen. Von 1920 bis 1927 ließen sie sich im Dorf Kobylí (Bezirk Břeclav) nieder, wo sie 1926 heirateten. Das Paar hatte sechs Kinder: die Söhne František (1921–1922), Jan (geb. 1923), Tomáš (geb. 1927), Michal (geb. 1932) und die Töchter Magdalena (geb. 1925) und Zuzana (geb. 1932).

Zwischen 1927 und 1938 lebte die gesamte Familie in der romani Siedlung in Břeclav, ab 1938 in Mutěnice unter der Mehrheitsbevölkerung, wo sie später ein kleines Haus besaß. Růžena, ihr Ehemann und ältester Sohn arbeiteten in verschiedenen Ziegeleien, halfen jedoch auch bei saisonalen Arbeiten in den Weinbergen sowie während der Ernte.

Deportation

Während der deutschen Besatzung wurde die Familie, die offiziell als rassische Zigeuner eingestuft worden war, 1943 zur Deportation aus dem Protektorat Böhmen und Mähren in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bestimmt. Auf Anraten der ortsansässigen Bevölkerung versuchte die Familie, sich zu retten, indem sie ihre schwangere Tochter Magdalena mit ihrem Freund, der kein Rom war und aus Velvary in Mittelböhmen stammte, verheiratete. Die Hochzeit fand ungefähr eine Woche vor der Deportation statt, rettete jedoch keines der Familienmitglieder.

Am 7. Mai 1943 wurden Růžena Danielová, ihr Mann und ihre Kinder nach Auschwitz-Birkenau deportiert und im Lagerabschnitt BIIe eingesperrt. Dort kamen alle Mitglieder der Familie ums Leben: Ehemann Martin im August 1943, Tochter Zuzana im September 1943, die Kinder Jan und Magdalena im Dezember 1943 sowie die Söhne Tomáš und Michal (Todesdaten unbekannt). Nur Růžena Danielová überlebte die Gräueltaten im Lager, wurde jedoch Opfer der dort begangenen Medizinverbrechen: Im Lagerkrankenhaus erhielt sie eine Injektion in den Kopf, deren Folgen ihr Leben lang nachwirkten. Am 2. August 1944, kurz vor der Auflösung des Lagers, wurde Růžena Danielová in das Konzentrationslager Ravensbrück überstellt. Dort wurde sie für die Arbeit in einer Fabrik in Wittenberg eingeteilt und 1945 befreit.

Bis zu ihrem Tod am 3. Mai 1988 lebte sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Musiker Pavel Kubík (1902‒1982), in dem Dorf Hrubá Vrbka (Bezirk Hodonín). Kubík wurde aufgrund der Unterstützung von Dorfbewohner:innen und der Fürsprache des Vereins Ethnografisches Mähren [Tschechisch: Národopisná Morava] während des Krieges nicht eingesperrt. Dieser nationalistische und faschistische Verein aus der sogenannten Mährischen Slowakei im Südosten Mährens arbeitete offen mit dem deutschen Besatzungsregime zusammen, rettete jedoch einige romani Musiker aus Hrubá Vrbka und dem Nachbardorf Velká nad Veličkou, darunter den berühmten Geiger Jožka Kubík (1907–1978), vor der Deportation.

Zeugenschaft

Die Erinnerungen von Růžena Danielová wurden in den 1970er-Jahren von dem Ethnomusikologen Dušan Holý (geb. 1933) aufgezeichnet; gemeinsam mit dem Historiker Ctibor Nečas (1933–2017) veröffentlichte er sie 1993 in dem Buch „Žalující píseň“ [Klagelied]. Ausgehend von ihrer musikalischen Darbietung transkribierte und analysierte Dušan Holý außerdem das heute bekannte Lied „Aušvicate hi kher baro“ [In Auschwitz steht ein großer Bau], das als Gemeinschaftswerk von romani Häftlingen in Auschwitz-Birkenau entstand und zu einem Korpus von Liedern gehört, deren Texte in Romanes die elenden Lebensumstände im Vernichtungslager beschreiben.

Der Biografie Růžena Danielovás widmet sich auch der Dokumentarfilm „Ó, ty černý ptáčku“ [Oh, du schwarzer Vogel] des Regisseurs Břetislav Rychlík (geb. 1958) aus dem Jahr 1997.

Zitierweise

Michal Schuster: Růžena Danielová, in: Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa. Hg. von Karola Fings, Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, Heidelberg 29. April 2026.-

1943
7. Mai 1943Etwa 860 Männer, Frauen und Kinder, hauptsächlich Gefangene des Zwangslagers Lety bei Pisek, werden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (deutsch annektiertes Polen) registriert. Sie wurden mit dem vierten Deportationszug aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (deutsch besetzte tschechische Länder) auf der Grundlage des „Auschwitz-Erlasses“ deportiert.