In Lackenbach, einer burgenländischen Gemeinde nahe der heutigen österreichisch–ungarischen Grenze, wurden zwischen 1940 und 1945 insgesamt rund 3 200 bis 3 300 Rom:nja und Sinti:ze in einem Zwangslager inhaftiert. Lackenbach war damit das größte Zwangslager im Deutschen Reich. Die meisten wurden von dort aus deportiert und überlebten nicht.
Vorgeschichte des Lagers
Der von Reinhard Heydrich (1904–1942) am 17. Oktober 1939 ausgefertigte Festsetzungserlass, wonach „sämtliche Zigeuner und Zigeunermischlinge“ ab sofort ihren Wohnsitz bis zu „ihrem endgültigen Abtransport“ nicht verlassen durften,1Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), ADR 04 Bürckel, Kt. 35, Mappe 0715, Volkstums- und Minderheitenfragen, Schnellbrief Reichssicherheitshauptamt, 17.10.1939, betr. „Zigeunererfassung“. führte in den Gemeinden des ehemaligen Burgenlandes zur Entstehung bewachter „Zigeunerlager“. Die Maßnahmen standen in Zusammenhang mit den für Sommer 1940 geplanten Deportationen der dort lebenden Rom:nja und Sinti:ze. Nachdem diese Pläne auf Weisung Heydrichs, des Leiters des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), im August 1940 vorerst aufgegeben wurden, begannen die Gaubehörden der Steiermark, „arbeitsfähige“ Männer in Zwangsarbeitslager einzuweisen und im Straßen- und Wasserbau einzusetzen.
In den seit 1939 zum Gau Niederdonau2Am 1. Oktober 1938 wurde das Territorium des Gaues Burgenland auf die beiden benachbarten Gaue Niederdonau und Steiermark aufgeteilt. gehörenden Bezirken des ehemaligen Burgenlandes setzten hingegen früh Planungen zur Errichtung eines zentralen „Zigeunerlagers“ in Lackenbach ein. Die treibende Kraft und der eigentliche Verantwortliche für die Schaffung des auch als „Zigeuneranhaltelager“ bezeichneten Lagers in Lackenbach war nicht der NS-Landeshauptmann des Burgenlandes Tobias Portschy (1905–1996), sondern der ehemalige Volksschullehrer Bernhard Wilhelm Neureiter (1900–1966), der ab dem Sommer 1939 als „Beauftragter für Zigeunerfragen im Rassenpolitischen Amt der Gauleitung Niederdonau“ tätig war.
Errichtung des Lagers
Ein Erlass des Reichskriminalpolizeiamtes vom 31. Oktober 1940 übertrug den Gemeinden und regionalen Polizeibehörden offiziell die Kompetenz zur Errichtung lokaler Zwangslager im Burgenland.3Steiermärkisches Landesarchiv (StLA), Landesregierung 384 Zi 1–1940, Schreiben des Reichsministers des Inneren, gez. Heydrich, an die Kriminalpolizeileitstelle Wien und Verteiler vom 31.10.1940 betr. „Bekämpfung der Zigeunerplage in der Ostmark“.
Bereits einen Monat zuvor, am 25. September 1940, hatten die Vertreter der Landkreise Eisenstadt, Oberpullendorf, Bruck an der Leitha, Lilienfeld, St. Pölten und Wiener Neustadt, der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien sowie der Bürgermeister von St. Pölten einen Vertrag zur Gründung eines Zweckverbandes unterzeichnet. Ziel des Zweckverbandes war die Errichtung und der Betrieb eines zentralen „Zigeuneranhaltelagers“. Die Finanzierung sollte durch eine anteilige Kostenübernahme der beteiligten Gebietskörperschaften erfolgen, entsprechend der Anzahl der aus den jeweiligen Zuständigkeitsbereichen eingelieferten Rom:nja und Sinti:ze. Mit den Vertretern des Gaues Steiermark konnte bis 1941 keine Einigung über die Höhe der Haftkosten erzielt werden, weshalb nie eine Einweisung von Rom:nja und Sinti:ze aus den südburgenländischen Landkreisen nach Lackenbach stattfand. Die Kassenführung des Zweckverbandes wurde von einem Verwaltungsbeamten der Kriminalpolizeileitstelle Wien in eigener Verantwortung übernommen, die Lagerleitung erfolgte ebenso durch einen Beamten dieser Dienststelle. Die 20 Personen umfassende Wachmannschaft wurde von der Ordnungspolizei bereitgestellt.
Mit Unterstützung des Landrates des Kreises Oberpullendorf, Dr. Friedrich Scheurle (1902–unbekannt), wurde mit der Forstverwaltung der Familie Esterházy ein Pachtvertrag zur Übernahme eines ungenutzten, ehemals zur Schafzucht verwendeten Meierhofes, dem sogenannten Schaffler-Hof, abgeschlossen.
Nach Angaben der Behörden begann der Betrieb des Lagers am 23. November 1940. Bernhard Wilhelm Neureiter engagierte sich aktiv beim Auf- und Ausbau des Lagers und der Einweisung von Rom:nja nach Lackenbach. Er beschaffte die notwendigen Baumaterialien für das Lager, das anfangs nur aus ein paar Scheunen und Ställen bestand. Um Kosten zu sparen, hatten die ersten eingewiesenen Rom:nja und Sinti:ze die Ausbauarbeiten durchzuführen.
Die Unterbringung erfolgte zunächst provisorisch in einer Holzbaracke und ehemaligen Stallungen. Die Gefangenen schliefen auf faulendem Heu und Stroh, Sanitäranlagen waren in den ersten Monaten nicht vorhanden. Die Lebensbedingungen waren entsprechend prekär. Gleichzeitig wurde Gefangenen in der Frühphase des Lagers fallweise Vergünstigungen gewährt, etwa Besuchsmöglichkeiten an Sonntagen. Die Lagerleitung genehmigte in seltenen Fällen auch Freistellungen, um wichtige bürokratische oder Familienangelegenheiten zu klären.

Einlieferung von Rom:nja in das Lager Lackenbach, Österreich, 23. November 1940. Das Zwangslager Lackenbach im Burgenland, eingerichtet in einem ehemals zur Schafzucht verwendeten Meierhof, existierte bis Kriegsende und war das größte Lager für Sinti:ze und Rom:nja im Deutschen Reich. Miserable Unterkünfte, Hunger, Zwangsarbeit und Gewalt prägten den Lageralltag. Die meisten der 3 200 bis 3 300 dorthin verschleppten Menschen wurden in Gettos und Vernichtungslager deportiert und überlebten nicht. Im Lager selbst starben 249 Menschen aufgrund der elenden Bedingungen.
Die Fotografie stammt aus dem Besitz des Hobbyhistorikers und Sammlers Leopold Banny (1928–2016), der über ihre Herkunft keine weiteren Angaben machen konnte. Die Männer, Frauen und Kinder, die unter Bewachung vor dem Lagereingang aufgestellt sind, stammen vermutlich aus Orten in der näheren Umgebung Lackenbachs, da sie am Tag der Eröffnung des Lagers eingeliefert wurden. Der vorne rechts zu sehende Polizist ist namentlich nicht identifiziert.
Fotograf:in: unbekannt
Sammlung Herbert Brettl
Nach dem Abriss der Lackenbacher Synagoge und des Schulgebäudes der jüdischen Gemeinde zwischen Februar und Mai 1941 wurden größere Mengen an Baumaterialien unter anderem beim Bau der Lagerstraße, bei der Aufstockung des Kommandogebäudes sowie bei der Anlegung eines Brunnens verwendet. Ein Schweinestall und eine zweite Kochstelle wurden gebaut, zudem Steintröge im vorhandenen Schweine- und Kuhstall entfernt, um dort mehr Menschen unterbringen zu können. Ein eigenes Wirtschaftsgebäude, einen zusätzlichen Schweinestall, eine Selchkammer, Umbauten des Pferdestalles sowie die Aufstockung des bestehenden Kommandogebäudes genehmigte der Landrat nach einem Besuch im Lager. Die Arbeiten wurden im Dezember 1941 vorerst eingestellt.
Lebensbedingungen
Kälte, Nässe, Läuseplage, fehlende Wäsche, verdorbene Lebensmittel und Hunger prägten den Lageralltag der Insass:innen. Eine Folge der katastrophalen Haftbedingungen war der Ausbruch einer Flecktyphusepidemie, an der in den Jahren 1941 und 1942 zahlreiche Gefangene starben. Nach dem Abklingen der Epidemie im Frühjahr 1942, von der auch einige Angehörige der Lagerleitung betroffen waren, erfolgte eine weitere Ausbauphase des Lagers. Um die Erweiterungen sowie den laufenden Betrieb zu finanzieren, wurde der Besitz der in das Lager verschleppten Rom:nja und Sinti:ze von ihren Heimatgemeinden veräußert oder versteigert. Der Erlös wurde an die Lagerleitung in Lackenbach überwiesen.
Die Errichtung von vier neuen Barackenzügen, drei Wohn- und einer Sanitätsbaracke, führte zu einer geringfügigen Verbesserung der Wohnverhältnisse der Insass:innen. Erst nach der Installation von Wascheinrichtungen und eines Brausebades, das nur jeden Samstag benutzt werden konnte, entsprach die Unterbringung hygienischen Mindeststandards. Im Arztzimmer, Krankenzimmer, Magazin, den Stallungen sowie in den neu errichteten Baracken wurde zudem elektrisches Licht gelegt, um auch in den Wintermonaten die Arbeitskraft der Rom:nja und Sinti:ze ausnutzen zu können. Ab 1943 waren Wiener Sinti:ze teilweise in ihren Wohnwagen auf einer großen Wiese hinter dem Meierhof untergebracht, was eine vergleichsweise leicht verbesserte Wohnsituation darstellte.
Zivilpersonen hatten ab dem Sommer 1941 keinen Zutritt mehr zum Lager, das nun mit Stacheldraht und Spanischen Reitern umzäunt war. Regelmäßig besucht und inspiziert wurde das Lager von NS-Funktionären wie Neureiter, Scheurle oder Hans Kaphengst (1887–1945), Leiter der Kripoleitstelle Wien, sowie von Kreisbauernführern, Betriebsinhabern und Kriminalbeamten aus Berlin. Im Frühjahr 1943 führte der Wiener Volkskundler und Linguist Johann Knobloch (1919–2010) mit Unterstützung des „SS-Ahnenerbes“, eines Wissenschaftsverbundes der Schutzstaffel (SS), sprachwissenschaftliche Forschungen zum romani Dialekt der Insass:innen des Lagers Lackenbach durch, die die Grundlage seiner Dissertation an der Universität bildeten.
Bewachung
Die Lagerleitung stellte die Wiener Kriminalpolizei, eine rund 20-köpfige Wachmannschaft das Kommando der Gendarmerie Lackenbach. Nach dem Tod des ersten Lagerleiters Johannes Kollroß (1892–1942), der an Typhus starb, rückte sein Stellvertreter SS-Obersturmführer Franz Langmüller (1909–unbekannt) als Lagerleiter nach. Unter seinem rund einjährigen Kommando fanden die grausamsten Schikanen und Übergriffe statt. Die Inhaftierten waren den Willkürakten des Lagerleiters und seiner Kapos – Prügelstrafen, Einzelhaft oder Essensentzug – schutzlos ausgesetzt. Erst unter den nachfolgenden Lagerleitern, SS-Obersturmführer Friedrich „Fritz“ Eckschlager (1889–1956) und SS-Untersturmführer Julius Brunner (1900–nach 1957), verbesserte sich die Situation der Insass:innen.
Wie in einem Konzentrationslager wurden sogenannte Barackenälteste, auch „Kapos“ genannt, eingesetzt, um für eine Einhaltung der Befehle der Lagerleitung sowie für Disziplin und Sauberkeit in den Baracken zu sorgen. Unter ihnen befanden sich auch burgenländische Roma, die zuvor in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren und von dort zur Ausübung dieser Funktion nach Lackenbach überstellt wurden. In Zeugenaussagen nach 1945 wurde die Brutalität mancher „Zigeuner-Kapos“ mehrfach bekundet. Überlebende hoben insbesondere die Selbstherrlichkeit und Strenge eines „Kapos“ – einem aus dem südburgenländischen Dorf Unterschützen stammenden Rom namens Alexander Sarközi (1919–1975) – hervor, der während der gesamten Zeit des Bestehens des Lagers dort war und als rechte Hand des Lagerkommandanten galt.
Die Bewachung der außerhalb des Lagers eingesetzten Arbeitskommandos erfolgte, soweit es der Personalstand der Wachmannschaften zuließ, durch die Ordnungspolizei, durch Personal der Arbeitgeber sowie durch verschiedene „Kapos“.
Fluchtversuche von Männern und Frauen aus dem Lager oder von den auswärtigen Arbeitsstätten waren aufgrund der katastrophalen Bedingungen an der Tagesordnung, zumal das vermeintlich sichere Ungarn nur wenige Kilometer entfernt war. Wurden die Geflohenen wieder aufgegriffen, drohten ihnen Prügelstrafen oder die Einweisung in ein Konzentrationslager. Rund 200 Insass:innen dürfte insgesamt die Flucht aus dem Lager gelungen sein.
Belegung des Lagers
Der Belegungsstand ist in einem „Tagebuch des Lagers Lackenbach“ dokumentiert, das für den Zeitraum vom 4. Januar 1941 bis 4. Februar 1942 überliefert ist.4DÖW, 11.340, 10.501 a–b, Tagebuch Lackenbach. Neben dem täglichen Lagerstand, den Einweisungen und Abgängen wurden auch Besuche sowie Inspektionen durch Verantwortliche festgehalten; darüber hinaus wurden auch Entlassungen, Todesfälle, Flucht und Fluchtversuche, Sanktionierungen und Überstellungen zur Zwangsarbeit vermerkt.
Nach eigenen Angaben organisierte Neureiter auch die Einweisung der Rom:nja in das Lager Lackenbach, indem er mit Hilfe der Landräte für Transportmittel, Benzin und Begleitmannschaften sorgte. Die Verhaftungsaktionen hatten zumeist einen ähnlichen Ablauf. In den frühen Morgenstunden wurden Siedlungen von Rom:nja von der Begleitwachmannschaft mit Hilfe der örtlichen Sturmabteilung (SA), Männern der Feuerwehr und teilweise der Jägerschaft umstellt. Die Bewohner:innen wurden auf bereitstehende Lastkraftwagen verfrachtet und nach Lackenbach überstellt. Einzelne Rom:nja begaben sich freiwillig ins Lager, nachdem sie erfuhren, dass ihre Angehörigen eingewiesen worden waren.
Neureiter vertrat die Ansicht, dass möglichst alle Rom:nja und Sinti:ze festzunehmen seien, setzte sich damit aber nur zum Teil durch. Roma, die im Ersten Weltkrieg in der Armee gedient hatten, sowie ihre Angehörigen wurden anfangs nicht verschleppt oder in Einzelfällen wieder aus dem Lager entlassen. Auch wurden junge Roma aus dem Lager beurlaubt oder entlassen, um gemustert zu werden oder weil sie eine Einberufung zur Wehrmacht erhalten hatten. In den ersten Monaten wurden in Einzelfällen so genannte „Mischlinge“ oder als integriert angesehene Rom:nja und Sinti:ze von der Kriminalpolizei mit ihren Familienangehörigen wieder aus dem Lager entlassen. Auch Rom:nja und Sinti:ze mit Hausbesitz sollten – vor allem wegen der Klärung der Besitzverhältnisse – zunächst von einer Verschleppung ins Lager oder einer Deportation in Konzentrationslager verschont bleiben, doch wurden sie schließlich auf Drängen von Neureiter ebenso nach Lackenbach verschleppt.
Rom:nja und Sinti:ze, die jahrelang in einem Ort niedergelassen und einer festen Arbeit nachgegangen waren, glaubten zunächst, dass es sich bei ihrer Verhaftung um ein Missverständnis handeln müsse. Zu ihnen gehörte die Familie Ujvari aus Halbturn, die sich – freilich vergeblich – mit einem Hilfegesuch aus dem Lager Lackenbach an das Gemeindeamt Halbturn wandte.5Zit. nach Brettl, Quellen zur Geschichte der „Zigeunerpolitik“, 114.
Bei Beginn der Aufzeichnungen des Lagertagebuchs befanden sich 180 Personen in dem im Aufbau begriffenen Lager. Meist handelte es sich dabei um Rom:nja aus den umliegenden Orten des Bezirkes Oberpullendorf. Im April 1941 erfolgte die Einweisung von 398 Personen aus dem Bezirk Mattersburg, im August folgten 287 beziehungsweise 333 Personen aus den Kreisen Eisenstadt und Bruck an der Leitha. Im Sommer 1941 wurden zudem mehrere Gruppen von Rom:nja und Sinti:ze aus Wien nach Lackenbach überstellt, darunter 418 Personen, die mit ihren Wohnwagen in das Lager verbracht wurden. Bis Ende August 1941 blieb die Häftlingsanzahl relativ konstant. Die aus dem Lagertagebuch ersichtlichen, beträchtlichen Schwankungen der Häftlingszahlen in den nächsten Monaten gingen vor allem auf weitere Einweisungen von Rom:nja und Sinti:ze sowie auf die Überstellung von „arbeitsfähigen“ Männern und Frauen zur Zwangsarbeit auf Baustellen der Reichsautobahn zurück. Nachdem im Laufe des Sommers 1941 fast alle Rom:nja und Sinti:ze aus den Kreisen Oberpullendorf, Eisenstadt und Bruck an der Leitha nach Lackenbach überstellt worden waren, trafen weitere Transporte aus dem Lager Weyer sowie aus Klagenfurt, Innsbruck, St. Pölten, Villach und Wien im Lager ein. Im Oktober 1941 erreichte der Lagerstand laut Angaben Neureiters 2 150 Personen: „Regionale Verteilung: Kreis Wiener Neustadt-Land rund 100. Kreis Eisenstadt rund 650. Kreis Oberpullendorf rund 500. Kreis Bruck a.d. Leitha rund 300. St. Pölten Stadt/Land und Lilienfeld rund 300. Gau Wien rund 300. Insgesamt rund 2 150.“6„Bericht über das bisherige Ergebnis auf dem Gebiet der Bekämpfung der Zigeunerplage im Gau Niederdonau“ am 28. September 1941, verfasst von Bernhard Wilhelm Neureiter, abgedruckt in: DÖW, „Dokumentation,“, 34.

Sammlung zu Deportierender vor dem Gemeindeamt in Jois, Österreich, am 21. September 1941. Die Fotografie zeigt Rom:nja kurz vor ihrem Abtransport. Nach der Registrierung im Gemeindeamt wurden sie auf Lastkraftwagen zum Zwangslager Lackenbach gefahren. Von 1940 bis 1945 mussten dort insgesamt 3 200 bis 3 300 Männer, Frauen und Kinder unter primitiven und von Gewalt geprägten Verhältnissen leben. Die meisten wurden in das Getto Litzmannstadt oder in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und überlebten nicht.
Die Identität der auf der Fotografie zu sehenden Männer, Frauen und Kinder ist nicht geklärt. Auch ist nicht bekannt, wer von ihnen überlebte.
Die Aufnahme machte Anton Ellgass aus Agenbühl-Eglofs im Allgäu, der mit seiner Wehrmachteinheit in Jois stationiert war und an der Festnahme mitwirkte. Die Fotografie ist Teil einer Serie aus einem Fotoalbum, zu der drei weitere Motive gehören. Auf diesen abgebildet sind eine Frau und ein Soldat, dann neun Personen mit drei Soldaten vor einem Haus sowie eine von Soldaten eskortierte Menschengruppe. Um 2005 wurden Abzüge der Fotografien dem Pfarrer Josef Hillinger aus Jois übergeben. Die Originale befinden sich im Besitz der Familie Ellgass.
Fotograf: Anton Ellgass
Privatbesitz
Anfang November 1941, wenige Tage vor dem Beginn der Deportationen in das Getto Litzmannstadt, erreichte die Anzahl der Lagerinsass:innen nach zahlreichen Einlieferungen aus anderen Lagern der österreichischen Gaue mit 2 335 Personen ihren Höchststand und fiel in den Monaten danach auf durchschnittlich 500 bis 600 Personen zurück.
Da für die Jahre 1942 bis 1945 kein Lagertagebuch mehr erhalten ist, können die Gefangenenzahlen in diesem Zeitraum nur grob geschätzt werden. Größere Abgänge erfolgten durch die Deportationen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1943, von der rund 300 Personen betroffen gewesen sein dürften. Dank einer fortlaufenden Nummerierung der Neuzugänge und der höchsten dokumentierten Häftlingsnummer, Häftlingsnummer 3 210, kann man davon ausgehen, dass zwischen 1940 und 1945 mindestens 3 200 bis 3 250 Personen nach Lackenbach eingewiesen wurden. In welchem Ausmaß allerdings Häftlingsnummern nach Todesfällen neu vergeben wurden, ist nicht nachvollziehbar. 7DÖW, Bestand Museum, 19.485-1 bis 19.485-3 Lackenbach, Karteikarten Lackenbach. Nachdem in den Jahren 1938 bis 1940 zahlreiche arbeitsfähige Männer und Frauen in verschiedene Zwangsarbeitslager sowie in Konzentrationslager deportiert worden waren, hielten sich überwiegend ältere Personen sowie Kinder im Lager auf. Zwischen 1940 und 1945 wurden 88 Kinder im Lager Lackenbach geboren.8WStLA, Volksgericht (VG) Vr 147/54. 1954, Geburten im Zigeunerlager Lackenbach.
Zwangsarbeit
Das Lager Lackenbach sollte sich durch die Arbeit der Häftlinge möglichst selbst erhalten. Frauen, Männer und auch Kinder mussten unter widrigsten Bedingungen und selbst bei Krankheit – verursacht durch mangelnde Kleidung, schlechte Ernährung und katastrophale Hygiene in den primitiven Unterkünften – teils unter Gewaltanwendung Zwangsarbeit verrichten. Im Lager selbst waren Instandhaltungsarbeiten sowie die Produktion von Körben, Besen und Bürsten zu leisten. Viele Kinder des Lagers kamen bei der von den Schulen des Bezirkes betriebenen Seidenraupenzucht – zum Zwecke der Fallschirmproduktion – zum Einsatz.
Lagerinsass:innen mussten regelmäßig auf von der Lagerleitung in der Umgebung angepachteten Feldern Gemüse und Viehzucht betreiben, um die Ernährung sicherzustellen. Zudem wurden Männer wie Frauen regelmäßig als Zwangsarbeiter:innen bei Straßenbauprojekten, an verschiedene Guts- und Forstverwaltungen der Umgebung sowie Ziegeleien, Baufirmen und Sägewerke zugewiesen. Oft wurden die Lagerinsass:innen durch zahlreiche Gewerbebetriebe und Bauernhöfe der umliegenden Dörfer auch nur tageweise angemietet. Die tägliche Arbeitszeit betrug zwischen acht und elf Stunden. Nur etwa zehn Prozent des sehr geringen Stundenlohnes zwischen 0,48 Reichsmark und 0,66 Reichsmark wurde als Taschengeld ausbezahlt, Kinder arbeiteten meist nur für Kost und Logis. Den restlichen Arbeitslohn behielt die Lagerleitung zur Abdeckung der laufenden Kosten ein. Besondere Leistungen der Arbeitskräfte wurden von der Lagerleitung fallweise mit der Zuteilung von Zigaretten oder einem Laib Brot belohnt.
Die Zwangsarbeitseinsätze wurden täglich im Lagertagebuch vermerkt. So hieß es beispielsweise am 14. Mai 1941: „Arbeiten außerhalb des Lagers: Meierhof 9 Mann, Sägewerk 6 Mann, Steinbruch Lackenbach 30 Mann, Straßenbau Ritzing 5 Männer und 5 Frauen, Ziegelwerk St. Martin 10 Mann, Ziegelwerk Lutzmannsburg 10 Mann. Arbeiten innerhalb des Lagers: Straßenbau der Zufahrtsstraße, Korbflechten, Neubau: Zimmermanns- und Maurerarbeiten, Schweinestallbau.“9DÖW, 11.340, 10.501 a–b, Tagebuch Lackenbach. Einträge vom 12.1.1941 und 14.1.1941.
Die steigenden Verpflegungskosten veranlassten Neureiter dazu, Arbeitsverträge mit den umliegenden Landwirten, Gewerbebetrieben und mit der obersten Bauleitung der Reichsautobahnen zu forcieren. Nach langwierigen Verhandlungen bezüglich Bewachung, Verpflegung, Transportmittel, Unterbringung und Abgeltung konnte Neureiter mit der Reichsautobahn einen Vertrag abschließen. Rund 350 Rom:nja aus dem Lager Lackenbach – etwa 200 Männer und 150 Frauen – wurden im Herbst 1941 auf verschiedenen Baustellen beim Bau der Reichsautobahn in Niederösterreich eingesetzt.
Mit der Dauer des Krieges verstärkte sich die Nachfrage nach Häftlingen von zahlreichen Firmen, die nur durch die Zuweisung der Rom:nja und Sinti:ze ihren Betrieb aufrechterhalten konnten. Dies könnte einer der Gründe gewesen sein, weshalb das Lager Lackenbach bis Kriegsende nicht aufgelöst wurde.
Während einige Arbeitgeber Rom:nja und Sinti:ze wie Sklaven behandelten und systematisch ausbeuteten, wurden sie von anderen Unternehmern, Landwirten und beispielsweise Baron György Gedeon Rohonczy (1884–1975) vergleichsweise besser behandelt. Rohonczy forderte für sein Landgut in Mitterpullendorf/Középpulya zahlreiche ihm bekannte Rom:nja und Sinti:ze vorgeblich zur Produktion von Milch und Lebensmitteln an. Zahlreiche seiner Zwangsarbeiter:innen konnten nach Ungarn flüchten. Seinem Beispiel folgend, forderten auch andere Gutshofsbetreiber ihnen bekannte Familien aus dem Lager an und konnten diese so retten.
Deportationen und Zahl der Opfer
Lackenbach war, wie die anderen Zwangslager für Rom:nja und Sinti:ze, als vorübergehendes Sammellager beziehungsweise Durchgangslager geplant, in denen die Häftlinge bis zu ihrer Deportation festgehalten werden sollten. Im Zuge der von Heinrich Himmler (1900–1945) mit dem Erlass vom 1. Oktober 1941 angeordneten Deportation von österreichischen Rom:nja und Sinti:ze in das Getto Litzmannstadt wurden am 4. und 8. November 1941 rund 2 000 Häftlinge des Lagers Lackenbach zusammen mit weiteren 3 000 Rom:nja deportiert. Nahezu alle Deportierten überlebten nicht.
Wie viele der rund 300 Rom:nja und Sinti:ze, die im März 1943 aus Lackenbach in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden, überlebten, ist nicht bekannt.
249 Rom:nja und Sinti:ze starben aufgrund der elenden Bedingungen im Lager. Sie wurden anfangs im örtlichen christlichen Friedhof und später auf dem örtlichen jüdischen Friedhof beigesetzt.10Gemeindearchiv Lackenbach, Sterbematrikeln 1941–1945.
Nur einige Hundert – neuere Schätzungen gehen von rund 500 Häftlingen aus – dürften die Befreiung des Lagers erlebt haben. Beim Herannahen der Roten Armee im März 1945 begaben sich viele Häftlinge, die außerhalb des Lagers Zwangsarbeit verrichtet hatten, freiwillig zurück ins Lager. Lagerleitung und Wachmannschaften setzten sich in Richtung Wien ab. Das Lager dürfte am Karfreitag am 30. März 1945 aufgelassen worden sein; die Überlebenden blieben sich selbst überlassen.
Nach der Befreiung
Die in der Region beheimateten Rom:nja begaben sich meist zu Fuß in ihre Heimatdörfer. Andere Überlebende mussten aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten noch einige Zeit im ehemaligen Lager verbleiben. Viele wussten zudem nach dem Verlust ihrer Familien und ihres Besitzes nicht, wohin sie sich wenden sollten.
Am 30. Mai 1945 wurden die Gebäude des Lagers bis auf das Gebäude der ehemaligen Lagerleitung durch einen Brand fast völlig zerstört. Die Mauerreste wurden von der Ortsbevölkerung abgetragen und als Baumaterial wiederverwendet. Das Lagergelände selbst wurde ab Mitte der 1960er-Jahre durch den Eigentümer, die Esterházysche Güterverwaltung, parzelliert und mit Einfamilienhäusern bebaut. Nur das ehemalige Kommandogebäude wurde bis zu seinem Verkauf in den 1970er-Jahren als Wohnhaus weiter genutzt, bis es, nachdem die letzten Baracken und die Gebäude der Stallungen abgerissen worden waren, Anfang der 1980er-Jahre abgetragen wurde.
Während der Abbrucharbeiten konnte im Sommer 1981 die Historikerin Erika Thurner (geb. 1952) mit Hilfe des Journalisten Erich Schneller (1954–2021) und des Lokalhistorikers Leopold Banny (1928–2016) aus dem Bauschutt zahlreiche Schriftstücke retten, darunter Hunderte Häftlingskarteikarten und Korrespondenzschreiben, die sich heute im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien befinden.11DÖW, Bestand Museum, 19.485-1 bis 19.485-3 Lackenbach, Karteikarten Lackenbach.
Nachkriegsjustiz
Während der für Lackenbach verantwortliche Leiter der Kripoleitstelle Wien, Hans Kaphengst, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee Suizid beging, konnten die weiteren Verantwortlichen des Lagers Lackenbach jahrelang nahezu unbehelligt weiterleben. Tobias Portschy wurde nach 1945 für seine aktive Rolle bei der Verfolgung der Rom:nja und Sinti:ze nie gerichtlich belangt. Auch die nach 1945 gegen Bernhard Wilhelm Neureiter angestrengten Ermittlungen endeten 1949 ohne Anklageerhebung. Lagerleiter Franz Langmüller wurde 1948 zu einem Jahr schwerem Kerker verurteilt, aufgrund der in Untersuchungshaft verbüßten Zeit jedoch schon nach zweieinhalb Monaten entlassen.
Die ehemaligen „Kapos“ Alexander Sarközi und Robert Horvath (1910–unbekannt) kamen 1947 in Untersuchungshaft und ohne Anklageerhebung wieder frei. Der Ausgang des Verfahrens gegen den ehemaligen Kapo Josef Brandner12Oberösterreichisches Landesarchiv (OÖLA), Landesgericht (LG) Linz, Vg 10 Vr 127/49, Volksgerichtsverfahren, Volksgerichtsverfahren gegen Josef Brandner. (1921–unbekannt) ist aufgrund fehlender Akten nicht rekonstruierbar.
Ehemalige NS-Verwaltungsbeamte und Juristen würdigten die Aussagen von Überlebenden ab und stellten den Unrechtscharakter des Lagers in Abrede. Dies führte dazu, dass den Überlebenden des Lagers Lackenbach jahrzehntelang Haftentschädigungen und Opferfürsorgezahlungen vorenthalten wurden. Bereits 1952 protestierten 37 österreichische Rom:nja und Sinti:ze – erfolglos – gegen diese Ungleichbehandlung. Erst 1988 wurden sie in Entschädigungsverfahren mit den Überlebenden von Konzentrationslagern gleichgestellt.
Gedenken
Eine Gedenkstätte mit Ausstellung, Forschungs- oder Bildungsstätte existiert am ehemaligen Tatort nicht. Erst 1983 begannen auf Anregung der Initiative „Österreichische Lagergemeinschaft Auschwitz“ Verhandlungen über ein Mahnmal für die im Lager Lackenbach gefangenen und von dort deportierten Rom:nja und Sinti:ze. Auf Anregung des damaligen Bundeskanzlers der Republik Österreich, dem burgenländischen Historiker Dr. Fred Sinowatz (1929–2008), sowie des burgenländischen Landeshauptmanns Theodor Kery (1918–2010) begann die Sozialabteilung des Amtes der Burgenländischen Landesregierung unter der Leitung von Günter Engelbrecht (1942–2009) mit den Vorbereitungsarbeiten. In Zusammenarbeit mit überlebenden Rom:nja und Sinti:ze – wie Josef Fojn (1920–unbekannt) und Rudolf Sarközi (1944–2016) – wurde am 6. Oktober 1984 das Mahnmal vom damaligen österreichischen Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger (1915–2000) enthüllt.
Das Denkmal befindet sich in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Lagergeländes und trägt die Aufschrift „Sie mussten sterben nur weil sie anders waren!“. Für die künstlerische Gestaltung wählte Architekt Matthias Szauer (1925–2022) mehrere Basaltblöcke aus dem nahegelegenen Steinbruch Pauliberg – angeregt durch Josef Fojn, der von der Zwangsarbeit beim Straßenbau mit Abbruchmaterial aus diesem Steinbruch berichtet hatte. Die seit 1990 jährlich Mitte November in Lackenbach stattfindenden Gedenkveranstaltungen sind zu dem zentralen Element der österreichischen Erinnerungskultur an den Völkermord an Rom:nja und Sinti:ze geworden.




