Yahad – In Unum („zusammen” auf Hebräisch und „in einem” auf Latein) ist eine französische Nichtregierungsorganisation, die 2004 von dem katholischen Priester Pater Patrick Desbois (geb. 1955) gegründet wurde. Die Organisation widmet sich der Erforschung von Völkermord und Massengewalt und ist vor allem für ihre Pionierarbeit über den „Holocaust durch Kugeln” [Holocaust by bullets] bekannt. Zwischen 1941 und 1944 erschossen deutsche Einheiten und lokale Hilfstruppen über zwei Millionen Juden:Jüdinnen in Osteuropa, hauptsächlich in den besetzten Sowjetrepubliken. Die Erschießungen begannen in den ersten Tagen der „Operation Barbarossa“, dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion am 22. Juni 1941, und wurden auch nach der Errichtung von Auschwitz-Birkenau und anderen Vernichtungslagern fortgesetzt.
Pater Desbois führte erste Untersuchungen während eines Besuchs in Rava-Rus′ka, einer Stadt in der heutigen Westukraine, durch. Dort versuchte er, die Geschichte des Stalag 325 nachzuzeichnen, einem berüchtigten Lager, in dem sein Großvater als französischer Kriegsgefangener interniert gewesen war. Diese ersten Begegnungen mit lokalen Augenzeug:innen veranlassten ihn, eine groß angelegte Dokumentation der Massenerschießungen in Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges zu erstellen.
Feldarbeit in Mittel- und Osteuropa
Die Arbeit von Yahad –In Unum basiert auf der Annahme, dass die systematischen Massaker an Juden:Jüdinnen, die von den Nazis und ihren Helfershelfern im Osten verübt wurden, nicht im Verborgenen geschahen. Diese Verbrechen wurden sehr oft öffentlich, am helllichten Tag und vor den Augen der Nachbarschaft begangen. Einige Zeug:innen leben noch und sind bereit, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Aussagen auf Video aufzeichnen zu lassen. Seit fast zwei Jahrzehnten bereisen Pater Desbois und seine Teams die Städte und Dörfer Mittel- und Osteuropas, um diese Zeug:innen zu befragen und die Massengräber des Holocaust zu lokalisieren.
Im Rahmen dieser Feldarbeit dokumentiert die Organisation auch die Verbrechen, die in diesen Gebieten gegen andere von NS-Einheiten verfolgte Gruppen begangen wurden, darunter Rom:nja, sowjetische Kriegsgefangene und Patient:innen in psychiatrischen Kliniken. Yahad – In Unum hat über 3 373 Erschießungsorte identifiziert und mehr als 8 183 Augenzeug:innen der Massaker in zehn Ländern (Belarus, Estland, Lettland, Litauen, Moldawien, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei und Ukraine) befragt.
Dokumentation von Verbrechen gegen Rom:nja
Die Forschungen von Yahad – In Unum zum Völkermord an den Rom:nja konzentrieren sich auf zwei Bereiche: die Massenerschießungen in den besetzten Gebieten im Osten und die Deportation aus Rumänien nach Transnistrien.
Eine Forschungsmission im Dezember 2009 im Westen Russlands markierte den Beginn der Ermittlungen von Yahad – In Unum zum Völkermord an den Rom:nja. Pater Desbois und sein Team untersuchten die Vorgänge in dem Dorf Aleksandrovka im Oblast Smolensk an der Grenze zu Belarus, wo am 24. April 1942 laut einer Untersuchung der Außerordentlichen Staatlichen Kommission 176 „Zigeuner” getötet worden waren.1Staatliches Archiv der Russischen Föderation [Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii, GARF], 7021-44/1091. Die Ermittler von Yahad – In Unum, junge Menschen aus Russland und Belarus, klopften im Dorf an die Haustüren, um Zeug:innen des Massakers zu finden.
Das Team befragte vier Zeug:innen, darunter den Rom Sergei G., der in der Nähe des Tatortes gelebt hatte und seine Erinnerungen an die Erschießung schilderte.2Yahad – In Unum, Zeugenaussage 60R, aufgezeichnet am 2. Dezember 2009 im Dorf Aleksandrovka, Region Smolensk, Russland. Während des Interviews zeigte der Überlebende dem Team die Orte, die mit dem Völkermord in Verbindung stehen: die romani Schule, die während der Besatzung von den Deutschen niedergebrannt wurde, den Sammelplatz am See, den Standort der Scheune, in der die Opfer sich ausziehen mussten, und den Ort, an dem 176 Rom:nja – Männer, Frauen und Kinder – ermordet wurden. Dank der Archivquellen und der Zeugenaussagen von Sergei G. sowie anderen in Aleksandrovka befragten Bewohner:innen konnte das Team von Yahad – In Unum erstmals minutiös das Massaker an einer romani Community in den besetzten sowjetischen Gebieten rekonstruieren.3Moutier, „The genocide of the Roma people in the former Soviet Union and Romania”.
Im Dezember 2009 wurden die Untersuchungen der Organisation zum Völkermord an den Rom:nja im Osten, insbesondere in romani Kolchosen, systematisiert. Umfangreiche Recherchen wurden von den Teams von Pater Desbois zu den Erschießungen von Rom:nja in den von NS-Deutschland besetzten polnischen Gebieten durchgeführt. Durch den Abgleich von Zeugenaussagen mit Archivquellen hat Yahad 114 Erschießungsorte von Rom:nja in Dörfern in Belarus, Estland, Lettland, Polen, Russland, der Slowakei und der Ukraine dokumentiert und über 435 Zeug:innen der Massaker in diesen Ländern befragt.
Die Zeug:innen
Die Sammlung von Yahad – In Unum über die Massaker an romani Communitys in den besetzten Gebieten der Sowjetunion und Polens zeichnet sich dadurch aus, dass sie überwiegend aus Aussagen von Anwohner:innen der Tötungsorte besteht.
In der Anfangsphase der von Pater Desbois und seinen Teams vorgenommenen Untersuchungen handelte es sich bei den befragten Zeug:innen oft um Personen, sowohl Männer als auch Frauen, die als junge Erwachsene zu Aufgaben wie dem Ausheben von Gruben vor den Erschießungen, dem Auffüllen von Massengräbern oder der Zubereitung von Mahlzeiten für die Hinrichtungseinheiten herangezogen worden waren. Die Befragten, die heute, mehr als achtzig Jahre später, aussagen, waren zum Zeitpunkt der Morde meist Kinder oder Jugendliche. Sie waren als Kinder vielleicht einfach neugierig gewesen oder wurden zufällig zu Zeug:innen, weil sie beispielsweise zum Zeitpunkt der Erschießungen ihre Kühe weideten. Von dieser Personengruppe stammt ein bedeutender Teil der von der Organisation gesammelten Zeugenaussagen.
Unmarkierte Gräber
Wie im Fall der Opfer der Shoah gaben sowjetische Behörden die Identität der Opfer auf Gedenktafeln an den Orten, an denen Rom:nja erschossen wurden, nicht an. Das Beispiel Aleksandrovka, wo 1982 zumindest ein Gedenkstein mit einer allgemeinen Inschrift errichtet wurde, ist nicht repräsentativ für das Erinnern an den Stätten der Massaker. Tatsächlich lagen die meisten der 114 von Yahad – In Unum ausfindig gemachten Orte zum Zeitpunkt der Feldforschung verlassen in Wäldern, Sümpfen, Friedhöfen oder Schluchten, ohne dass auch nur die geringsten Spuren eines Gedenkzeichens zu finden waren.
Heute ist diese investigative Arbeit ein Wettlauf gegen die Zeit. Lokale Zeug:innen sind oft die letzten Menschen, die in der Lage sind, die Orte der Ermordung zu identifizieren. Die Zeug:innen werden immer älter und ihre Anzahl nimmt ab. Ziel der Organisation ist es daher, die Untersuchungen fortzusetzen, damit die Erinnerung an die vielen ermordeten romani Communitys nicht mit dem Verschwinden dieser letzten lebenden Zeug:innen verblasst.
Überlebende der Deportationen nach Transnistrien
Seit 2011 sammeln die Forschungsteams von Yahad – In Unum Zeugenaussagen von Überlebenden der Deportationen von Rom:nja in das Gouvernement Transnistrien, die das Regime von Ion Antonescu (1882–1946) im Sommer und Frühherbst 1942 angeordnet hatte. In den Interviews berichten die Überlebenden von ihren Erfahrungen während der Deportation. Sie beschreiben Verhaftungen, die Reise, Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, die Lebensbedingungen in den Lagern und die tägliche Gewalt sowie Morde, denen die Rom:nja durch rumänische Soldaten und lokale Helfer:innen ausgesetzt waren.
Die Zeugenaussagen sind besonders relevant, um Erkenntnisse über die Rolle der lokalen rumänischen Behörden, insbesondere der Bürgermeister, bei der Deportation oder Nicht-Deportation lokaler Gemeinschaften nach Transnistrien zu gewinnen. Sexualisierte Gewalt in Transnistrien ist ebenfalls ein wiederkehrendes Thema in den Erzählungen der Überlebenden.
Die Sammlung von Zeugenaussagen dokumentiert nicht nur die Erfahrungen von Personen, die nach Transnistrien deportiert wurden, sondern ist auch eine bedeutende Quelle über die Vorkriegszeit, die Beziehungen zu den Nachbar:innen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Rom:nja, die als „nomadisch” oder „sesshaft” kategorisiert wurden, sowie das Leben und die Traditionen von Gruppen wie den Kalderaša, Rudari, Lingurari und anderen. Eine nähere Betrachtung zeigt, dass das Leben und die Traditionen derselben ethnischen Gruppen aufgrund historischer Kontexte und geografischer Lage von Region zu Region unterschiedlich waren. Auch die Deportationspolitik war unterschiedlich. Anhand der persönlichen Geschichten der von der Antonescu-Regierung deportierten Rom:nja sowie derjenigen, die nicht deportiert wurden, können die Komplexität des Deportationsprozesses und die Mechanismen der Verfolgung genauer untersucht werden.
Forschungen in der Republik Nordmazedonien
Mit dem Ziel, das Schicksal der Rom:nja während des Zweiten Weltkriegs innerhalb der heutigen Grenzen der Republik Nordmazedonien zu dokumentieren, wurde im April 2014 eine Feldmission durchgeführt, die sich auf die Region Skopje und den Osten und Nordosten des Landes konzentrierte. Aufgrund des Mangels an Archivquellen zur Geschichte der Rom:nja in der Region war diese Feldmission für die Dokumentation ihrer Erfahrungen während des Krieges besonders relevant. Erste Untersuchungen wurden in Šuto Orizari (allgemein als Šutka bezeichnet) durchgeführt, einem Stadtteil mit einer großen romani Bevölkerung, der nach dem Erdbeben von 1963 gegründet wurde, um für vertriebene Familien Wohnraum zu schaffen.
An zehn Forschungstagen wurden 42 Zeugenaussagen auf Video aufgezeichnet, die detaillierte Einblicke in das tägliche Leben der überwiegend muslimischen Rom:nja vor Ort, ihre Kultur und ihre Lebensbedingungen vor dem Krieg geben und ihre Schicksale unter bulgarischer Besatzung dokumentieren. Zu den wichtigsten Ergebnissen der Mission gehörten Kenntnisse über systematische Misshandlungen und Demütigungen der Rom:nja durch bulgarische und deutsche Streitkräfte, versuchte Hinrichtungen und sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Darüber hinaus zeigen die Zeugenaussagen die Beteiligung von Rom:nja an lokalen Widerstandsgruppen auf und tragen so zu einem differenzierteren und umfassenderen Verständnis ihrer Geschichte in der Region während des Zweiten Weltkriegs bei.4Weitere Informationen über die Ermittlungen in der Republik Nordmazedonien vgl. Umansky und Nastasie, „Giving the Roma Survivors a Voice”.
Generationenübergreifende Diskurse
Im Juli 2011 reiste ein Team von Yahad – In Unum mit zwei Überlebenden der Deportationen nach Transnistrien, darunter Mita Serban (geb. 1937), in ihre früheren Heimatorte. Mita Serban stammt aus einer Familie, die im rumänischen Dorf Burila gelebt hatte. Die Familie musste ihr Haus und ihre Tiere zurücklassen und wurde nach Kovalivka verschleppt, einem Dorf in Transnistrien in der Nähe des Flusses Bug, das heute zur Ukraine gehört.
Mita Serban erinnert sich insbesondere an die Hungersnot und die Kälte, aber auch an Hinrichtungen durch volksdeutsche Wachen. Die Ermittlungen in Kovalivka ermöglichten es dem Team, nicht nur das Lager zu lokalisieren, sondern auch das Massengrab, in dem die Leichen der Rom:nja, die während der Deportation starben oder erschossen wurden, verscharrt worden waren: Die Grabstätte befindet sich in dem Garten eines Bewohners von Kovalivka. Ein Denkmal existiert nicht. Mita Serban überlebte die Deportation dank ihrer Mutter, die einige Juwelen versteckt und mit Bauern:Bäuerinnen aus der Umgebung gegen Lebensmittel eingetauscht hatte.
Mita Serban ist die Großmutter von Catalin Serban, einem jungen Rom aus Gârla Mare in der rumänischen Region Oltenien. Zusammen mit Costel Nastasie, einem anderen jungen Mann aus derselben Dorfgemeinschaft, arbeitet Catalin Serban seit Beginn der Untersuchungen in Rumänien mit Yahad – In Unum zusammen. Als Enkel von Deportierten koordinieren sie nun Teams junger Rom:nja, die in Rumänien und Moldawien Feldforschungen zur Deportation von Rom:nja nach Transnistrien betreiben. Sie suchen nach Zeug:innen und führen Interviews durch. Die Interviews werden auf Romanes oder Rumänisch aufgezeichnet und konsekutiv ins Französische übersetzt. Zwölf Forschungsreisen in Rumänien und acht in Moldawien haben es der Organisation ermöglicht, mehr als 160 Zeugenaussagen von überlebenden Rom:nja zu sammeln.
Präsentation der Ergebnisse
Nach ersten Feldforschungen in Rumänien eröffnete Costel Nastasie in Brüssel ein Dokumentationszentrum zum Völkermord an den Rom:nja. Die Ergebnisse der Untersuchungen zu den Deportationen in das Gouvernement Transnistrien sowie zu den Erschießungen in den östlichen Gebieten sind dort und auch im Forschungszentrum von Yahad – In Unum nördlich von Paris zugänglich. Derzeit wird eine Online-Plattform eingerichtet, auf der die Öffentlichkeit die 595 von den Forschungsteams vor Ort aufgezeichneten Zeugenaussagen einsehen kann.5Vgl. https://intestimony.yiu.ngo/ [Zugriff: 18.11.2025]. Dies ist eine von vielen Maßnahmen, die die Organisation unternimmt, um das Bewusstsein für die Geschichte des Völkermords an den Rom:nja zu schärfen.
Im Jahr 2016 veröffentlichte der Verein in Zusammenarbeit mit der Fachzeitschrift Etudes Tsiganes eine Sonderausgabe zu diesem Thema mit dem Titel „Territories of Extermination in Eastern Europe” [Gebiete der Vernichtung in Osteuropa]. Im selben Jahr eröffnete Yahad – In Unum die Ausstellung „Roma Memory” über den Völkermord an den Rom:nja, die in verschiedenen europäischen Ländern zu sehen war und unter anderem in der Europäischen Kommission und im Pariser Rathaus gezeigt wurde.
Seit mehr als einem Jahrzehnt schulen die Forscher:innen der Organisation jedes Jahr mehrere hundert europäische Lehrer:innen über die Verfolgungsgeschichte der Rom:nja während des Zweiten Weltkriegs. Das Projekt von Yahad – In Unum verfolgt mehrere Ziele: die Geschichte der Verfolgung an Rom:nja weiterzugeben, um ihr Recht auf Würde heute zu etablieren, allen Europäer:innen die Geschichte des Völkermords an den Rom:nja zu vermitteln und den bis heute anhaltenden Rassismus gegen Rom:nja zu bekämpfen.




