Anna Maria „Settela“ Steinbach wurde am 23. Dezember 1934 in Buchten, einem kleinen Dorf in der Provinz Limburg in den Niederlanden, geboren. Eine erhaltene Filmaufnahme aus dem Jahr 1944, die ihre Deportation aus dem Lager Westerbork zeigt, machte die junge Sinteza jahrzehntelang zu einem Symbol des Holocaust.
Kindheit und Familie
Anna Maria Steinbach war das siebte von zehn Kindern von Heinrich „Moeselman“ Steinbach (1901–1946), einem Hausierer und Geiger, und Emilia „Toetela“ Steinbach, geborene Steinbach (1902–1944), einer Wahrsagerin. Ihre Geschwister, die alle in den Niederlanden geboren wurden, waren Magdalena (1922–1944), Willem Hendrik (1925–1945), Elisabeth (1926–1945), Celestinus „Willy“ (1929–1944), Johanna Cornelia (1930–1945), Philibert (1932–1944), Florentine (1937–1944), Wilhelm (1939–1944) und Anne Maria (1942–1944). Die Familie Steinbach gehörte der Gemeinschaft der Sinti:ze an und bestritt ihren Lebensunterhalt als Händler:innen mit einem Wandergewerbe in Limburg und Nordbrabant.

Celestinius „Willy“ Steinbach (1929–1944), rechts, sein Bruder Philibert (1932–1944), Mitte, und sein Cousin Frans (links) in Brunssum, Niederlande, 1935. Celestinus Steinbach war eines von zehn Kindern des Ehepaares Heinrich und Emilia Steinbach. 1943 wurde die Familie zwangsweise in einem Lager in Eindhoven, Niederlande, festgesetzt. Zusammen mit seiner Mutter und acht Geschwistern wurde er am 16. Mai 1944 über das Durchgangslager Westerbork in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Niemand überlebte, auch seine Schwester Anna Maria „Settela“ Steinbach (1934–1944) nicht, von der eine kurze Filmsequenz vom Abtransport im Deportationszug überliefert ist. Celestinus Steinbach wurde am 2. August 1944 nach Buchenwald transportiert, jedoch am 25. September wieder nach Auschwitz-Birkenau überstellt und dort ermordet.
Die Abbildung stammt aus einer Sammlung von rund 3 600 Glasnegativen, die im Limburgs Museum in Venlo, Niederlande, überliefert sind. Sie stammen meist von dem Fotografen Jan de Jong. Den Umschlag für dieses Motiv beschriftete er mit den Worten: „J6578, 30. März 1934, Brunssum. Der kleine Geiger.“ Recherchen ergaben, dass die Aufnahme 1935 erfolgt sein muss. Erst im Jahr 2014 identifizierte der Belgier Rob Hendrikx den Jungen mit der Violine als Celestinus Steinbach. Das Limburgs Museum besitzt drei weitere Glasnegatvie aus dem Jahr 1935, die Mitglieder der Familie Steinbach zeigen.
Fotograf: Jan de Jong
Limburgs Museum, Venlo, L18938
Festnahme, Verhaftung und Deportation
Settela Steinbachs ältere Schwester Magdalena war vor der Verhaftung der Familie Steinbach in den Niederlanden nach Belgien gezogen. Am 15. Januar 1944 wurden sie und ihre sechs Monate alte Tochter Jeanette vom Durchgangslager Mechelen (Malines) in Belgien in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo beide wenige Wochen später starben.
Nachdem die nationalsozialistischen Besatzungsbehörden im Juli 1943 ein Reiseverbot für Sinti:ze und Rom:nja in den Niederlanden verhängt hatten, musste sich die Familie Steinbach im Wohnwagenlager „De Zwaaikom“ in Eindhoven niederlassen. Am 12. Mai 1944 wurden Heinrich „Moeselman“ Steinbach und sechs weitere Männer aus „De Zwaaikom“ unter dem Vorwand einer Passkontrolle festgenommen. Heinrich Steinbach wurde in das Polizeilager Amersfoort gebracht. Zwar wurde er am 25. Mai 1944 auf einer Transportliste für Zwangsarbeit in Wuppertal und Düsseldorf, Deutschland, aufgeführt. Er und seine Angehörigen wurden jedoch einer Arbeitsabteilung auf dem Flugplatz Soesterberg in der Provinz Utrecht zugewiesen. Am 19. Juni 1944 findet sich Heinrich Steinbachs Name in einem Verzeichnis der Polizei in Assen, in dem seine Überstellung in das Lager Westerbork vermerkt ist. Nach einem kurzen Aufenthalt dort wurde er unerwartet freigelassen und kehrte am 21. Juni 1944 nach Eindhoven zurück.
Unterdessen waren Settela Steinbach, ihre Mutter und ihre Geschwister während der landesweiten Razzia [„Zigeunerrazzia“] vom 16. Mai 1944 verhaftet und nach Westerbork überstellt worden. Am 19. Mai wurden sie in Wagen 16, der insgesamt 75 Menschen beförderte, in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Im Wagen 16 befand sich auch Theresia Wagner (1927–2002), die mit ihrer Familie in Den Haag verhaftet worden war. Weitere Angehörige der Familie Steinbach aus Amsterdam und Limburg wurden ebenfalls festgesetzt und verfolgt.
Auschwitz-Birkenau
Bei ihrer Ankunft wurden die Steinbachs in den Lagerabschnitt BIIe eingewiesen. Das Datum von Settela Steinbachs Tod ist ungewiss: Einige Quellen geben den 31. Juli 1944 an, andere die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, als die letzten rund 4 300 Rom:nja und Sinti:ze im Lagerteil BIIe in den Gaskammern ermordet wurden.
Auch ihre Mutter und ihre jüngeren Geschwister kamen in Auschwitz-Birkenau ums Leben. Die Brüder Celestinus und Willem Hendrik Steinbach wurden in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt: Celestinus wurde jedoch mit einer Gruppe junger Häftlinge nach Auschwitz zurückgeschickt und starb am 27. September 1944; Willem Hendrik wurde nach Ellrich, einem Außenlager von Mittelbau-Dora, verlegt, wo er am 28. Januar 1945 starb. Elisabeth und Johanna Cornelia Steinbach wurden vom Roten Kreuz am 24. April 1945 für tot erklärt. Von der unmittelbaren Familie überlebte nur Heinrich Steinbach. Nach seiner Rückkehr nach Eindhoven am 21. Juni 1944 war er zur Zwangsarbeit in der örtlichen Philips-Fabrik eingeteilt worden. Er starb 1946 in Maastricht, Berichten zufolge aus Kummer über den Verlust seiner Familie.
Sieben Sekunden Filmgeschichte
Auf Anweisung des Kommandanten von Westerbork, Albert Konrad Gemmeker (1907–1982), filmte der jüdische Filmemacher und Westerbork-Häftling Rudolf Breslauer (1903–1945) die Deportation vom 19. Mai 1944.
In einer Sequenz ist Settela Steinbach sieben Sekunden lang zu sehen, wie sie hinter der Tür des Viehwaggons hervorschaut, ein weißes Kopftuch um ihren kahlrasierten Kopf gewickelt. Das Bild wurde später als Symbol des Holocaust weltweit bekannt und galt lange Zeit als Darstellung eines jüdischen Mädchens.
1994 identifizierte der Journalist Aad Wagenaar (1939–2021) mit Hilfe von Theresia Wagner das Mädchen auf dem Bild als „Settela“. Jahrzehntelang hatte das Bild die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden:Jüdinnen symbolisiert. Die Neuidentifizierung des Mädchens als junge Sinteza rückte zugleich den weitgehend verdrängten Völkermord an den Sinti:ze und Rom:nja stärker ins öffentliche Bewusstsein.
Fotografien
Lange Zeit galt der sieben Sekunden lange Film von Settela Steinbach als das einzig erhaltene Abbild von Settela Steinbach. Dies änderte sich mit der Veröffentlichung des Buches „Het glazen Album van Limburg“ [Das Glasalbum von Limburg] im Jahr 2010. Dieses bot einen Überblick über rund 3 600 Glasnegative aus den 1930er-Jahren aus der Sammlung des Limburgs Museum.1Vgl. https://ons.limburgsmuseum.nl/en/story/de-vergeten-vervolging-80-jaar-na-de-razzia-op-sinti-en-roma/216899?slide=16 [Zugriff: 22.09.2025]. Die meisten Negative stammten von dem Fotografen Jan de Jong (1898–1971), der hauptsächlich die südlichen Niederlande für verschiedene Zeitschriften fotografierte.
Im Jahr 2014 entdeckte der Amateurhistoriker Rob Hendrikx (geb. 1955) aus Lanaken, Belgien, in einem Buch ein Foto, das der Fotograf mit dem Titel „Brunssum. Im Wohnwagenlager. Der kleine Violinist“ versehen hatte. Auf dem Foto erkannte Rob Hendrikx den Jungen Celestinus Steinbach, einen älteren Bruder Settela Steinbachs. Recherchen ergaben, dass das Limburgs Museum drei weitere Glasnegative besitzt, die Jan de Jong 1935 im Wohnwagenlager aufgenommen hatte. Sie zeigen mehrere Mitglieder der Familie Steinbach, darunter die zehn Monate alte Settela Steinbach, die von ihrer Schwester Elisabeth Steinbach auf dem Arm getragen wird.
Nachwirkungen
Settela Steinbach ist zu einem der bekanntesten Gesichter des Völkermords an den Sinti:ze und Rom:nja geworden. Ihre Lebensgeschichte wurde in wissenschaftlichen Arbeiten, literarischen Werken und Gedenkprojekten aufgegriffen. Das eindringliche Filmstill von Settela Steinbach, deren Identität jahrzehntelang unbekannt blieb, gilt heute als Symbol sowohl für den Holocaust insgesamt als auch für den Völkermord an den Sinti:ze und Rom:nja.




