Theresia „Crasa“ Wagner wurde am 17. Dezember 1927 in Berlin als Tochter von August Wagner (Lebensdaten nicht bekannt) und Emilie Kreutz (1890–1944) geboren. Nach amtlichen Unterlagen hatte sie fünf Geschwister: Dora (1924–1945), Florentina (1930–1945), Ludovicus (1931–1944), Elisabeth (1935–1944) und Maria (1941–1944). In einem Interview, das 1970 vom Forschungsteam des Historikers Benjamin A. Sijes (1908–1981) geführt wurde, erinnerte sich Wagner jedoch daran, dass die Familie deutlich größer gewesen sei und insgesamt acht Jungen und vier Mädchen umfasst habe. Über die Lebensumstände und Biografien der Eltern ist bis heute nur wenig bekannt.
Flucht in die Niederlande
Angesichts der zunehmenden Verfolgung von Sinti:ze und Rom:nja in Deutschland floh die Familie Wagner Ende der 1930er-Jahre über die Grenze in die Niederlande. Nach Wagners Erinnerung hatte die Familie zuvor eine Zeit lang in Zelten in den Bergen gelebt. Über die Rolle des Vaters gibt es widersprüchliche Berichte. Nach familiärer Überlieferung reiste August Wagner 1937 in die Niederlande ein und nahm den Namen Coenraad (Conrad) Adolf Bannink an. Den Aufzeichnungen des Sijes-Archivs (1970) zufolge gab Theresia Wagner an, ihr Vater sei 1937 verschwunden. Bannink (1890–1944), ein Mann aus Dalfsen (Niederlande), der nicht den romani Communitys angehört habe, sei der Pflegevater der Familie geworden. Auf seinen Wunsch hin ließ sich die Familie an der Veenkade in Den Haag nieder, wo damals viele romani Familien lebten.
Verhaftung und Deportation
Während der landesweiten Razzia [„Zigeunerrazzia“] am 16. Mai 1944 verhafteten niederländische Polizisten die Familie in ihrem Haus in Den Haag. Wagner erinnerte sich, dass Häuser mit Aufklebern markiert wurden, sobald die Bewohner:innen entfernt worden waren. Die Familie wurde zunächst zur Polizeistation an der Mauritskade gebracht, wo man ihr fälschlicherweise eine baldige Freilassung in Aussicht stellte. Anschließend erfolgte die Überstellung unter strenger Polizeibewachung in das Durchgangslager Westerbork.
Am 19. Mai 1944 wurden 245 Sinti:ze und Rom:nja – darunter auch die Familie Wagner – in Viehwaggons von Westerbork in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei ihrer Ankunft wurden sie im Lagerabschnitt BIIe untergebracht. Anfang August 1944 wurde der Lagerabschnitt „liquidiert“ und die Familie auseinandergerissen. Theresia, ihre Schwestern Dora und Florentina Wagner sowie ihr Pflegevater Bannink wurden zur Zwangsarbeit ausgewählt; die übrigen Familienangehörige wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern ermordet.
Bannink wurde in das Konzentrationslager Buchenwald verlegt und starb im Dezember 1944 in dem Außenlager Sangerhausen, wo er als Häftling des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zur Zwangsarbeit eingeteilt war. Die Schwestern Dora und Florentina kamen im April 1945 in Ravensbrück ums Leben. Theresia Wagner wurde zusammen mit anderen Romnja von Ravensbrück nach Wolkenburg (seit dem 1. September 1944 ein Außenlager von Flossenbürg) und später nach Dachau gebracht, wo sie 1945 befreit wurde.
Nachwirkungen
Nach der Befreiung kehrte Wagner in die Niederlande zurück und suchte täglich an Bahnhöfen nach überlebenden Familienangehörigen. 1980 interviewte der Journalist Jan Beckers (geb. 1952) sie in Spijkenisse, wo sie in einem Wohnwagenlager lebte. Wagner beschrieb ihre Lebensumstände als bedrückend und verglich die Umgebung mit einem Konzentrationslager. Besonders die ständig sichtbare Flamme der Shell-Raffinerie im nahegelegenen Pernis löste bei ihr Erinnerungen an die Lagerzeit aus. Beckers schilderte sie als eine Frau, die noch Jahrzehnte nach Kriegsende stark von ihren Erlebnissen gezeichnet war. Die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ im Jahr 1979 hatte diese Erinnerungen zusätzlich verstärkt.
1994 spielte Wagner eine entscheidende Rolle bei der Identifizierung von Anna Maria „Settela“ Steinbach (1934–1944) als dem Mädchen in Rudolf Breslauers (1903–1945) Film über Westerbork. Wagner sagte aus, mit Settela Steinbach im selben Viehwaggon nach Auschwitz deportiert worden zu sein. Diese Aussage wurde später von einer anderen Überlebenden aus diesem Transport bestätigt. Theresia Wagner starb am 16. August 2002 in Spijkenisse.




