Bosnien und Herzegowina ist ein Staat auf der westlichen Balkanhalbinsel in Südosteuropa, dessen historisches Gebiet die beiden Regionen gleichen Namens umfasst. Hauptstadt des Landes ist Sarajevo. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts war Bosnien zweitweise unabhängig, gehörte jedoch während des größten Teils seiner Geschichte verschiedenen Herrschaftsgebilden an, darunter dem Byzantinischen Reich, Kroatien, Ungarn, Serbien, dem Osmanischen Reich, Österreich-Ungarn sowie Jugoslawien. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Bosnien und Herzegowina dem Unabhängigen Staat Kroatien (USK) [Nezavisna Država Hrvatska] angegliedert, in dem Rom:nja rassistischen Sondergesetzen und Verfolgung ausgesetzt waren. Viele Rom:nja wurden in das Konzentrationslager Jasenovac deportiert und dort ermordet; andere fielen Erschießungen zum Opfer, die von deutschen und Ustaša-Einheiten im Zuge der Bekämpfung von Partisan:innen verübt wurden.
Rom:nja in Bosnien und Herzegowina
Die ersten dokumentierten Nachweise über die Präsenz von Rom:nja auf bosnisch-herzegowinischem Gebiet stammen aus dem Spätmittelalter. In den folgenden Jahrhunderten lebten sie unter osmanischer Herrschaft als Teil der lokalen Gesellschaft. Die meisten von ihnen lebten in städtischen „Mahalas“ (Stadtviertel mit institutionalisierter Selbstverwaltung) und arbeiteten als Schmiede, Pferdezüchter und -händler oder als Musiker:innen.
In der frühen osmanischen Zeit kam es unter Teilen der romani Bevölkerung zu Islamisierungsprozessen, in deren Verlauf die meisten Rom:nja auf dem Balkan zum Islam konvertierten. Obwohl diese Entwicklung von der Mehrheitsgesellschaft mit Skepsis betrachtet wurde (Rom:nja mussten unabhängig von ihrer Religion die christliche Sonderabgabe Haraç entrichten), wurde eine Gruppe muslimischer Rom:nja, die unter dem modernen Exonym „Weiße Zigeuner“ bekannt ist, vollständig in die muslimische Gemeinschaft integriert. Sie waren überwiegend sesshaft und hielten sich an muslimische religiöse Praktiken. Im 19. Jahrhundert waren die meisten Rom:nja in Bosnien und Herzegowina muslimischer Konfession, während andere dem orthodoxen oder dem römisch-katholischen Glauben angehörten.
Eine weitere romani Gruppe waren die Gurbeti (manchmal mit „Schwarzen Zigeunern“ gleichgesetzt), die vor der Sklaverei in der Walachei flohen und im 18. Jahrhundert in die Region kamen. Trotz explizitem Verbot durch die Regierung hielten die Gurbeti an ihrem Wandergewerbe fest. Mit leichten Vorbehalten können auch die rumänischsprachigen Karavlasi als Untergruppe der Rom:nja gezählt werden, obwohl sie kein Romanes sprechen. Im Jahr 1878 besetzte die österreichisch-ungarische Monarchie im Rahmen der Bestimmungen des Berliner Friedensvertrags Bosnien und Herzegowina. Die administrative Eingliederung dieses Gebiets ging mit einem Prozess sozialer, politischer und wirtschaftlicher Modernisierung einher. Für Teile der Rom:nja brachten diese Veränderungen Einschränkungen ihrer traditionellen Berufe und neue Reiseverbote mit sich. 1908 annektierte Österreich-Ungarn Bosnien und Herzegowina, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil der Monarchie blieb.1Filipović, Visočki cigani;; Kasumović, „Dvostruka drugost“; Mujić, „Položaj Cigana“.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das heutige Gebiet von Bosnien und Herzegowina Teil des neugegründeten „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“ (seit 1929 Königreich Jugoslawien). Das Gebiet umfasste hauptsächlich die Banschaften Vrbas und Drina sowie Teile der Banschaften Zeta und Küste [Kroatisch: Primorska]. Laut den Daten der Volkszählung von 1931 lebten insgesamt 3 885 Rom:nja in diesem Gebiet (Banschaft Drina: 3 155; Banschaft Vrbas: 491; Banschaft Küste: 185; Banschaft Zeta: 54).2Publikationsstelle Wien, Die Gliederung, 14–20; Vojak, U predvečerje rata, 73–89.
Bosnien als Teil des Unabhängigen Staates Kroatien
Nach dem Zusammenbruch des Königreichs Jugoslawien infolge des Angriffs der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten im April 1941 wurde das Gebiet von Bosnien und Herzegowina Teil des neu gegründeten USK. Dieser blieb von deutschen und italienischen Truppen besetzt und war durch eine Demarkationslinie in Einflusszonen geteilt. Die größten Teile von Bosnien und Herzegowina, einschließlich Sarajevo, befanden sich in deutscher Hand, während der Südwesten zur italienischen Besatzungszone wurde.
Die Ustaša-Behörden führten am 30. April 1941 „Rassengesetze“ gegen Juden:Jüdinnen und Rom:nja ein, die in beiden Besatzungszonen umgesetzt wurden. Zunächst wurde die Bewegungsfreiheit der Rom:nja in einzelnen Regionen eingeschränkt. Im Sommer 1941 führten die Ustaša-Behörden zur Vorbereitung der „Kolonisierung“, die auf Mobilitätsverbote, Vertreibung und Verschleppung zur Zwangsarbeit der Rom:nja abzielte, eine landesweite Erfassung durch, um genaue Daten über deren Anzahl, Wohnorte und Berufe zu erhalten. Ein kleiner Teil der Erhebungen ist erhalten geblieben, darunter auch Daten für die Gebiete im heutigen Bosnien und Herzegowina (Banja Luka, Goražde und im Bezirk Sarajevo).3Vojak et al., Stradanje Roma, 29–31, 131–41. Am 29. Juli 1941 wurden in der Stadt Banja Luka (Großgemeinde Sana-Luka) 442 Rom:nja erfasst, am 28. August 1941 in Goražde (Großgemeinde Vrhbosna) 40 Rom:nja und am 4. September 1941 im Bezirk Sarajevo 335 Rom:nja (davon 46 Rom:nja in der Stadt Sarajevo/Hadžići i Tarčin; 289 Rom:nja in der Gemeinde Rajlovac). Zbirka arhivalija Historijskog muzeja BiH, Karton: Stradanje Roma u Drugom svjetskom ratu, 28.08.1941, o. O.; ARSBL -74, Velika župa Sana i Luka, br. 1 (1 –800), Nr. 661/41. Ein Teil der lokalen Behörden im Gebiet von Bosnien und Herzegowina des Unabhängigen Staates Kroatien meldete, dass in ihrem Gebiet keine Rom:nja lebten. Dies wurde am 15. Juli 1941 von den Gemeindebehörden von Lijeska (Bezirk Rogatica, Velika župa Vrhbosna) gemeldet. Historijski muzej BiH [Historisches Museum von Bosnien und Herzegowina], Bestand Nezavisna država Hrvatska, Karton 4, Sign. 1525.
Diese Politik stieß auf den Widerstand einiger muslimischer Intellektueller, islamischer Religionsvertreter und Geschäftsleute, die im Sommer 1941 erfolgreich bei den zentralen USK-Behörden beantragten, die „Weißen Zigeuner“ von der Erfassung auszunehmen. Dabei betonten sie deren Einhaltung islamischer Bräuche und beschrieben sie als integralen Bestandteil der muslimischen „arischen“ Gemeinschaft.
Im Jahr 1942 protestierten einige muslimische Intellektuelle bei den Ustaša-Behörden gegen die Entscheidung, Rom:nja in das Konzentrationslager Jasenovac zu deportieren. Sie verfassten ein spezielles Dokument mit dem Titel „Zenica-Resolution“, in dem sie den Ausschluss der „Weißen Zigeuner“ von der Deportation und Inhaftierung forderten. Dieser Forderung wurde von den USK-Behörden teilweise entsprochen, sodass Teile der muslimischen Rom:nja von weiterer Verfolgung verschont blieben, auch wenn ihre genaue Zahl noch nicht abschließend geklärt ist.
Deportationen und Massenmord
Eine erste Massenverschleppung bosnischer Rom:nja aus diesem Gebiet fand Anfang August 1941 statt, als mehr als 600 Serb:innen, Juden:Jüdinnen und Rom:nja aus dem weiteren Umkreis von Travnik (aus den Dörfern Mudrike, Vitovlje, Turbe, Karaula, Varošluk, Komar, Goliše [Goleš] und Trebeuša) in das Ustaša-Lager in Gospić im kroatischen Teil des USK unter italienischer Besatzung deportiert wurden. Ende April 1942 erfolgte eine zweite Massendeportation von 105 Rom:nja aus der Stadt Travnik sowie weiteren 73 aus umliegenden Dörfern (Kmetići, Turbe, Bjelobučje, Čosići) in das Konzentrationslager Jasenovac. Die Ustaša-Behörden ließen 26 von ihnen nach einer Intervention der lokalen Bevölkerung mit Unterstützung islamischer Religionsbehörden in Sarajevo frei. Die übrigen Rom:nja wurden im Konzentrationslager Jasenovac ermordet. Auch aus Rijeka, Vitez und Kruščica wurden Rom:nja nach Jasenovac deportiert.4Milišić, „Stradanje Roma“, 524–535.
Nach dem Erlass vom 19. Mai 1942 deportierten die Ustaša-Behörden die romani Bevölkerung systematisch in das Lagersystem von Jasenovac, das damit zu einem der zentralen Orte des Massenmordes an den bosnischen Rom:nja wurde. Ein Teil des Jasenovac-Komplexes war das Lager Donja Gradina, das sich auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina befand und in dem eine hohe Zahl von Rom:nja ermordet wurde. Von den systematischen Deportationen waren Hunderte Rom:nja aus dem Gebiet von Tešanj (die Dörfer Lepenica, Karadaglije, Raduša, Šije und Sivša), Maglaj, erneut aus Travnik (Turbe, Bjelobučje, Krčevine) sowie aus dem Dorf Kamenica im Bezirk Zvornik betroffen. Die Gedenkstätte Jasenovac verzeichnet romani Opfer aus 19 der insgesamt 136 Gemeinden im heutigen Bosnien und Herzegowina; die 943 ermordeten Rom:nja aus Bosnien und Herzegowina machen 5,83 Prozent aller bekannten romani Opfer von Jasenovac aus.5Jasenovac Memorial Site, „List of individual victims“.
Im Herbst 1944 führten Einheiten der Ustaša eine Militäroffensive im Gebiet von Kozara durch (wo bereits im Sommer 1942 eine groß angelegte Operation der Wehrmacht stattgefunden hatte, die Zehntausende Todesopfer unter der lokalen Zivilbevölkerung forderte); im Zuge dieser Offensive verhafteten sie Rom:nja aus dem weiteren Umkreis von Bosanska Gradiška (aus den romani Siedlungen in Batar, Mokrice, Rovine und Muslimanske Dubrave), das in der Nähe der Frontlinie lag. Die Rom:nja wurden an einen Ort in der Nähe des Lagers Jasenovac transportiert und ermordet. Nachkriegsuntersuchungen der bosnischen Staatlichen Kommission lassen keine genaue Rekonstruktion dieses Massenverbrechens zu. Verschiedenen Zeugenaussagen zufolge ereigneten sich die Vorfälle im September oder Oktober 1944; der Ort der Ermordung befand sich entweder im Dorf Mlaka (12 km vom Lager Jasenovac entfernt), im Wald von Jablanac (in der Nähe des Dorfes Mlaka) oder in den Uskočke šume (Waldgebiet zwischen den Dörfern Gornji Varoš und Jablanac im Bezirk Novska im kroatischen Teil des USK). Die neuesten Forschungen zu den Bevölkerungsverlusten im Zweiten Weltkrieg im Gebiet von Bosanska Gradiška ergeben eine Gesamtzahl von 1 079 romani Opfern, von denen 936 im Herbst 1944 ermordet wurden.6ABiH, ZKURZ, k. 38, Dok. 55685; Vujčić, „Persecution of Roma“, 243.
Auch die deutschen Besatzungsbehörden begingen Verbrechen an bosnischen und herzegowinischen Rom:nja, meist im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Bekämpfung der Partisan:innen. Im April 1942 ermordeten deutsche SS-Einheiten 78 Karavlasi aus einem Weiler südlich von Lopare. Am 9. August 1943 erreichten Angehörige der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ das Dorf Podorašac (bei Konjic), wo sie 36 Rom:nja in ihren Hütten einsperrten und töteten, indem sie „Bomben“ – höchstwahrscheinlich Handgranaten – hineinwarfen. Nach diesem Massenmord plünderten die SS-Männer das Eigentum ihrer Opfer. Am 18. April 1944 kamen Angehörige der 13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“ in das Dorf Karavlaška Maoča (Gemeinde Srebrenik). Unter dem Vorwurf der Unterstützung von Partisan:innen trieben die SS-Männer 36 Einwohner:innen von Karavlaška Maoča in ihre Häuser, sperrten sie ein und verbrannten sie.7ABiH, ZKURZ, Aktenzeichen 134, Dok. 57016; Kovačević, Sjeveristočna Bosna, 75, 92; Milišić, „Stradanje Roma“, 536–39.
Četnik-Militäreinheiten begingen mindestens zwei Verbrechen gegen bosnische Rom:nja: Diese Einheiten töteten 1941 27 Rom:nja aus dem Dorf Vlasenica, und 1943 nahmen sie acht Roma aus Banja Luka gefangen, deren Schicksal unbekannt ist, die aber wahrscheinlich ermordet wurden.8Ebd., 526–527.
Rom:nja beteiligten sich aktiv an der antifaschistischen Widerstandsbewegung und kämpften in vielen militärischen Partisaneneinheiten unter der Führung von Josip Broz Tito (1892–1980). Roma wurden als Partisanen in der 18. kroatischen ostbosnischen Volksbefreiungs-Sturmbrigade [Hrvatska istočnobosanska narodnooslobodilačka udarna brigada], der 21. Tuzla-Ostbosnischen Volksbefreiungs-Sturmbrigade [Tuzlanska istočnobosanska narodnooslobodilačka udarna brigada] und dem Mostar-Partisanenbataillon [Mostarski partizanski bataljon] verzeichnet.9Vojak, „Roma Resistance“, 54–59; Vojak, „Otpor Roma“, 343–66.
Von den Nachkriegsjahren bis heute
Bei der ersten Nachkriegs-Volkszählung in Jugoslawien im Jahr 1948 wurden in Bosnien und Herzegowina nur 442 Rom:nja registriert. In den folgenden Jahrzehnten stieg deren Anzahl mit teilweisen Schwankungen an. Laut der letzten Volkszählung von 2013 lebten 12 583 Rom:nja im Land.
Im Rahmen des „Gesetzes zum Schutz der Rechte von Angehörigen nationaler Minderheiten“ [Zakon o zaštiti prava pripadnika nacionalnih manjina] gewährte das bosnisch-herzegowinische Parlament Rom:nja im Jahr 2003 den Status einer nationalen Minderheit. Als solche wird ihnen der Schutz „ihrer kulturellen, religiösen, bildungsbezogenen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Freiheiten, ihrer Bedürfnisse und ihrer Identität“ garantiert.10OSCE, „ National Minorities in BiH“. Heute sind Rom:nja die größte nationale Minderheit in Bosnien und Herzegowina, gleichzeitig aber nach wie vor die in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht am stärksten marginalisierte Gruppe.
Im sozialistischen Bosnien und Herzegowina war die Erinnerung an die romani Opfer im Zweiten Weltkrieg in der offiziellen Gedenkkultur weitgehend randständig. Im Jahr 1970 unterstützten lokale Behörden und der jugoslawische Verband der Veteranen des Zweiten Weltkriegs (SUBNOR) jedoch romani Überlebende dabei, im Dorf Žeravica in der Nähe von Bosanska Gradiška (Gradiška im heutigen Bosnien und Herzegowina) ein Denkmal zu errichten. Einer der Initiator:innen war der Rom und ehemalige Partisan Nadir Dedić (1928/30–2023), der in dieser Gegend Dutzende Familienangehörige verloren hatte. An diesem Ort finden jedes Jahr am 4. Juli Gedenkfeiern statt, die von den lokalen Behörden, romani Nichtregierungsorganisationen und Veteranenorganisationen des Zweiten Weltkriegs organisiert werden.




