„Auschwitz“ gilt oft als Symbol für die Massenverbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands. In den Jahren 1940 bis 1945 wurden mindestens 1,3 Millionen Menschen in das Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, 1,1 Millionen von ihnen wurden dort um ihr Leben gebracht. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die Geschichte des Lagers, die Gruppen der inhaftierten und ermordeten Opfer sowie die verschiedenen Funktionen, die das Lager hatte. Nach den jüdischen und den nichtjüdischen polnischen Häftlingen stellten Sinti:ze und Rom:nja die drittgrößte Häftlingsgruppe dar. Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keinen anderen Ort im deutsch besetzten Europa, an dem so viele Sinti:ze und Rom:nja ermordet wurden wie im Lagerkomplex Auschwitz.
Errichtung des Lagers
Das Konzentrationslager Auschwitz wurde nach dem Überfall Deutschlands auf Polen in verlassenen Kasernen der polnischen Armee am Rande der Stadt Oświęcim errichtet. Der Name der Stadt änderten die Besatzer nach der Eingliederung westlicher Landesteile Polens in das Deutsche Reich im Oktober 1939 in Auschwitz um. Ursprünglich sollte das Areal als Durchgangslager dienen, doch dieser Plan wurde bald aufgegeben. Von Anfang an diente Auschwitz als Konzentrationslager, in das die deutschen Besatzungsbehörden vor allem polnische Staatsbürger:innen schickten – Angehörige der Intelligenz, Untergrundaktivist:innen sowie Männer, die sich der in Frankreich aufgestellten polnischen Armee anschließen wollten.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Lager zu einem großen Komplex, der aus drei Hauptlagern bestand: Auschwitz I, dem sogenannten Stammlager, Auschwitz II (Birkenau) und Auschwitz III (Monowitz). Hinzu kam ein Netzwerk von fast 50 Außenlagern, die auf nahe gelegenen Bauernhöfen und vor allem in Industrieanlagen und Bergwerken in Oberschlesien, dem westlichen Kleinpolen und dem Protektorat Böhmen und Mähren eingerichtet wurden. Auschwitz I diente als dasjenige Hauptlager, dem alle anderen Lager unterstanden, Auschwitz II war ein Konzentrations- und Vernichtungslager, und die Häftlinge von Auschwitz III1Es wurden ausschließlich männliche Häftlinge eingesetzt. Allerdings wurden weibliche Häftlinge in Monowitz in einem Lagerbordell zu Sexarbeit missbraucht. wurden als Zwangsarbeiter für die IG Farbenindustrie AG eingesetzt.
Als Beginn der Existenz des Lagers gilt der 14. Juni 1940, als die ersten polnischen politischen Gefangenen, 728 Männer, aus dem Gefängnis in Tarnów eingeliefert wurden. Die ersten im KL Auschwitz registrierten Häftlinge waren 30 deutsche Männer, die am 20. Mai 1940 aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt wurden, um Positionen als Funktionshäftlinge einzunehmen, um andere Häftlinge zu beaufsichtigen.
Winkel und Nummern
Im KL Auschwitz wurden die Häftlinge nach dem System gekennzeichnet, das auch in anderen der SS (Schutzstaffel) unterstehenden Konzentrationslagern verwendet wurde. Der Grund für ihre Inhaftierung wurde durch ein Dreieck auf der Kleidung der Häftlinge angezeigt – rot für politische Gefangene, grün für „Kriminelle” (sogenannte Berufsverbrecher), schwarz für „asoziale” Häftlinge, rosa für Homosexuelle, lila für Zeugen Jehovas, rot und gelb in Form eines Davidsterns für jüdische Häftlinge. Neben dem Winkel erhielten die Häftlinge Lagernummern, die auf ihre blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung aufgenäht wurden.
Im Frühjahr 1942 begann man, männlichen jüdischen Häftlingen die Lagernummern auf den linken Unterarm zu tätowieren, und ab dem Sommer desselben Jahres wurde diese Praxis auch auf jüdische Frauen ausgedehnt. Ab Anfang 1943 wurden auch nichtjüdischen Häftlingen Nummern auf den Unterarm tätowiert, und ab dem Frühjahr allen anderen Häftlingen – sowohl denjenigen, die schon lange im Lager waren, als auch den Neuankömmlingen. KL Auschwitz war das einzige Lager im deutschen Konzentrationslagersystem, in dem Häftlinge ihre Häftlingsnummern tätowiert wurden.
Jüdische Häftlinge und Opfer
Die größte Gruppe der Deportierten, 1,1 Millionen Menschen, waren Juden:Jüdinnen. Ab dem Frühjahr 1942 begannen die Transporte aus ganz Europa im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage”, dem größten Massenmord in der Geschichte der Menschheit. Nach ihrer Ankunft im Lager wurde die überwiegende Mehrheit von deutschen Ärzten auf der Bahnrampe in Birkenau einer Selektion unterzogen. Anhand des Aussehens wählten die Ärzte junge und gesunde Menschen für die Arbeit im Lager aus.
Die anderen, hauptsächlich Mütter mit Kindern, ältere Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen, wurden in die Gaskammern geschickt. Dort ermordete die SS sie mit Zyklon B – Cyanwasserstoffoxid –, ohne sie zuvor im Lager registriert zu haben. Über 850 000 Juden:Jüdinnen wurden in den Gaskammern ermordet, etwa 205 000 im Lager registriert. Aufgrund der entsetzlichen Bedingungen, der brutalen Behandlung durch die SS, Hunger und Krankheiten starben etwa 95 000 von ihnen im Lager.
Die im Lager registrierten Juden:Jüdinnen standen am unteren Ende der Häftlingsgemeinschaft, wurden von der SS und Funktionshäftlingen gedemütigt und misshandelt. Sie wurden in der Regel zu den schwersten Arbeiten eingeteilt und litten auch am meisten unter Hunger, da sie im Gegensatz zu vielen anderen Häftlingen des Lagers keine Lebensmittelpakete erhalten durften. Darüber hinaus waren sie bis zum Herbst 1944 regelmäßig Opfer von Selektionen, die ihrer Ermordung in den Gaskammern dienten.
Jüdische Häftlinge wurden unter der Kategorie „Jude” geführt und mit den oben genannten roten und gelben Dreiecken gekennzeichnet. Bis 1944 erhielten sie Lagernummern aus der allgemeinen Nummernreihe. Als im Mai 1944 die Deportation der Juden:Jüdinnen aus dem damaligen Ungarn begann, wurden zusätzliche Nummernserien eingeführt, beginnend mit dem Buchstaben „A” für Frauen und „B” für Männer.
Nichtjüdische polnische Häftlinge
Zwischen 140 000 und 150 000 nichtjüdische polnische Männer, Frauen und Kinder wurden aus dem gesamten von Deutschland besetzten Polen in das Lager Auschwitz deportiert. Bis Mitte 1942 bildeten sie die größte Gruppe von Häftlingen. Ein Großteil von ihnen gehörte zur intellektuellen Elite, die von den Deutschen als besonders gefährlich angesehen wurde, da sie Widerstandsbewegungen organisieren und anführen konnte. Auch Personen, die an geheimen Aktivitäten beteiligt oder bei Straßenrazzien festgenommen worden waren, wurden im Lager inhaftiert. Im Dezember 1942 und Januar 1943 verschleppte man außerdem polnische Familien, die aus der Region Zamość vertrieben worden waren, in das KL Auschwitz, im August und September 1944 während des Warschauer Aufstands auch aus Warschau. Polnische Häftlinge erhielten hauptsächlich die Kategorie eines politischen Häftlings und wurden mit einem roten Winkel gekennzeichnet.
Sinti und Roma
Fast seit Beginn der Existenz des Lagers Auschwitz war eine kleine Anzahl von Rom:nja dort inhaftiert – Männer im Männerlager, Frauen im Frauenlager. Soweit derzeit bekannt, wurden die ersten Roma am 9. Juli 1941 in das KL Auschwitz deportiert. Es handelte sich um die Polen Franciszek Buriański (1898–1942) und Ryszard Buriański (1882–unbekannt) sowie den Tschechen Rudolf Richter (1915–unbekannt), die von der deutschen Kriminalpolizei in Kattowitz [Katowice] verhaftet und eingewiesen worden waren. Von Juli 1941 bis Februar 1943 – also vor der systematischen Deportation von Sinti:ze und Rom:nja aus dem deutschen Machtbereich nach Auschwitz-Birkenau – wurden schätzungsweise mindestens 370 Rom:nja, überwiegend polnischer oder tschechischer Staatsangehörigkeit, in das KL Auschwitz deportiert. Diese Häftlinge wurden verschiedenen Kategorien zugeordnet und erhielten Nummern aus der allgemeinen Serie.
Am 16. Dezember 1942 erließ Heinrich Himmler (1900–1945) den Befehl zur Deportation von Sinti:ze und Rom:nja in ein Konzentrationslager (Auschwitz-Erlass). In einem Schnellbrief vom 29. Januar 1943 erfuhren die verantwortlichen Dienststellen, dass es sich dabei um das KL Auschwitz handeln sollte. Am 26. Februar 1943 begann die Deportation von Familien der Sinti:ze und Rom:nja aus Deutschland, dem angeschlossenen Österreich, dem Protektorat Böhmen und Mähren und dem besetzten Polen in das KL Auschwitz II. Im Jahr 1944 folgten zwei Transporte aus den besetzten Niederlanden sowie aus Belgien und Nordfrankreich. Zusätzlich zu diesen großen Deportationszügen trafen häufig auch kleinere Gruppen von Sinti:ze und Rom:nja aus diesen und anderen Ländern im Lager ein.
Die ankommenden Sinti:ze und Rom:nja wurden in dem als „Zigeunerlager” bezeichneten Teil des Lagers Birkenau untergebracht, der mit BIIe gekennzeichnet war. Dort erhielten sie während der Registrierung im Hauptbuch des Lagerabschnitts BIIe den schwarzen Winkel mit dem zusätzlichen Buchstaben „Z” („Zigeuner”) und einer Nummer aus einer speziell ausgegebenen Nummernserie.
Die hygienischen Bedingungen im Lager waren katastrophal, was zu Epidemien führte. Darüber hinaus litten die Häftlinge aufgrund der begrenzten Lebensmittelrationen an Hunger. All dies führte zu einer sehr hohen Sterblichkeitsrate. Häftlinge aus dem Lagerabschnitt BIIe wurden Opfer von Experimenten des SS-Arztes Josef Mengele (1911–1978). Für viele endeten diese mit dem Tod. Trotz der repressiven Bedingungen wagten einige Sinti:ze und Rom:nja eine Flucht. Viele wurden wieder gefasst, in die Strafkompanie geschickt oder im Block 11 von Auschwitz I inhaftiert und an der „Todeswand“ erschossen.
Der Lagerabschnitt für Sinti:ze und Rom:nja bestand bis zum 2. August 1944, als seine „Liquidierung” angeordnet wurde – was die Ermordung aller Insass:innen dieses Abschnitts bedeutete. Insgesamt waren 20 982 Sinti:ze und Rom:nja im Rahmen des „Auschwitz-Erlasses” nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden und im „Hauptbuch” registriert. Als im Mai 1943 Typhusfälle festgestellt worden waren, wurden 1 035 Menschen in den Gaskammern ermordet. Die meisten der registrierten Personen, etwa 12 500, starben an Hunger und vor Erschöpfung, an Krankheiten und aufgrund medizinischer Experimente oder Misshandlungen durch die SS. Etwa 3 700 Häftlinge wurden für medizinische Experimente oder Zwangsarbeit in andere Konzentrationslager überstellt. Am 2. August 1944 wurden die 4 200 bis 4 300 im Lager verbliebenen Menschen in den Gaskammern ermordet.
Auch nach der „Liquidierung” des Lagerabschnitts BIIe wurden weiterhin Sinti:ze und Rom:nja in das KL Auschwitz deportiert. Unter ihnen befanden sich Kinder und Jugendliche, die zuvor von Birkenau nach Buchenwald verlegt worden waren, aber im September 1944 wieder zurückgeschickt wurden. Nur zwei von ihnen überlebten. Einige Frauen, die zuvor in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt worden waren, kehrten im Oktober 1944 über Außenlager nach Birkenau zurück. Darüber hinaus gab es immer wieder Einzelpersonen oder kleine Gruppen, die nach KL Auschwitz deportiert wurden, darunter italienische und ungarische Rom:nja.
Es ist nicht bekannt, wie viele Sinti und Roma im KL Auschwitz III Monowitz inhaftiert waren und zur Arbeit im IG-Farben-Werk gezwungen wurden. Überliefert ist die Geschichte des deutschen Sinto Reinhard Florian (1923–2014), der im Juni 1943 aus dem Konzentrationslager Mauthausen-Gusen in das KL Auschwitz I deportiert wurde. Nach einer vierwöchigen Quarantäne wurde er nach Monowitz geschickt. Er überlebte den Todesmarsch nach Loslau im Januar 1945, wurde mit dem Zug in das Konzentrationslager Mauthausen überführt und am 6. Mai 1945 im Außenlager Ebensee befreit.2Vgl. http://www.wollheim-memorial.de/en/reinhard_florian [Zugriff: 10.07.2025].
Am 17. Januar 1945 waren laut einer nach dem letzten Appell erstellten Statistik über männliche Häftlinge vier der Häftlinge des KL Auschwitz Sinti oder Roma.3Vgl. Czech, Kalendarium, 966. Die Namen dieser vier Männer sind nicht bekannt. Es gibt keine Informationen über die Anzahl der romani Frauen, die sich zu dieser Zeit im KL Auschwitz befanden.
Andere Gruppen von Häftlingen
Ab Sommer 1941 schickten die SS-Behörden sowjetische Kriegsgefangene (POW) in das KL Auschwitz. Sie wurden dort ohne Registrierung getötet, hauptsächlich durch Erschießungen. Anfang September wurden etwa 600 Kriegsgefangene zusammen mit 250 kranken polnischen Häftlingen im Keller von Block 11 mit Zyklon B ermordet. Im Oktober waren etwa 10 000 Kriegsgefangene im KL Auschwitz in neun vom Rest des Lagers getrennten Blocks inhaftiert (später wurden weitere 2 000 Kriegsgefangene in das KL Auschwitz deportiert). Bei der Registrierung erhielten sie Nummern aus einer ausschließlich für sie eingeführten Serie, die ihnen über der linken Brust tätowiert wurden.
Die Kriegsgefangenen wurden zur Arbeit am Bau des zweiten Teils des Lagers im nahe gelegenen Dorf Brzezinka [deutsch: Birkenau] geschickt. Während dieser Zeit starb die überwiegende Mehrheit von ihnen an Erschöpfung, Hunger und Krankheiten. Schätzungen zufolge wurden mindestens 15 000 Kriegsgefangene nach KL Auschwitz gebracht, von denen etwa 12 000 registriert wurden. Mindestens 3 000 wurden nicht in die Liste aufgenommen; sie wurden kurz nach ihrer Ankunft im Lager ermordet. Insgesamt verloren über 14 000 Kriegsgefangene im KL Auschwitz ihr Leben. Mehrere Hundert wurden in andere Konzentrationslager im Reich transportiert, und wahrscheinlich gelang es einigen Dutzend, aus dem Lager zu fliehen.
Während der gesamten Existenz des Lagers waren dort politische Gefangene – Bürger:innen verschiedener Länder des besetzten Europas – inhaftiert. Die größte Gruppe bildeten Tschech:innen, acht- bis neuntausend, hauptsächlich Mitglieder patriotischer Organisationen. Hinzu kamen mehr als 5 000 Menschen aus Belarus, darunter Kinder, die während Anti-Partisanen-Aktionen verhaftet und aus den Regionen Minsk und Witebsk verschleppt wurden, sowie politische Häftlinge aus Jugoslawien, Frankreich, Deutschland, Österreich und Spanien. Ihre Zahl wird auf etwa 25 000 geschätzt.
Frauen
Mindestens 131 000 Frauen waren im Lager Auschwitz registriert. Die größte Gruppe bildeten jüdische Frauen mit mindestens 82 000, eine weitere große Gruppe waren nichtjüdische polnische Frauen mit 31 000, gefolgt von Sintize und Romnja mit 11 000 Personen. Darüber hinaus waren auch nichtjüdische, nicht der romani Minderheit angehörende deutsche, russische, ukrainische und französische Frauen im Lager inhaftiert. Die ersten Frauen wurden am 26. März 1942 im KL Auschwitz inhaftiert. An diesem Tag wurden 999 nichtjüdische weibliche Häftlinge aus dem Lager Ravensbrück eingeliefert und mit Nummern von 1 bis 999 gekennzeichnet. Wie im Männerlager sollten sie die Positionen von Funktionshäftlingen übernehmen. Am selben Tag wurden auch 999 jüdische weibliche Häftlinge aus Poprad in der Slowakei eingeliefert und mit fortlaufenden Nummern gekennzeichnet.
Die weiblichen Häftlinge wurden in zehn separaten Gebäuden des Hauptlagers untergebracht, die durch eine Mauer von den anderen Blöcken getrennt waren. Im August 1943 wurden etwa 17 000 weibliche Häftlinge in das sogenannte Frauenlager in Birkenau verlegt.
Kinder
Mindestens 232 000 Kinder und Jugendliche (ab 14 Jahren) wurden in das Lager Auschwitz gebracht. Die größte Gruppe bildeten jüdische Kinder – mindestens 216 000, die zusammen mit ihren Familien eingeliefert wurden. Bei der Selektion wurden die meisten von ihnen als „arbeitsunfähig” eingestuft und in den Gaskammern ermordet. Nur eine kleine Anzahl von Jugendlichen wurde als „arbeitsfähig” befunden und im Lager untergebracht. Kinder, die im September und Dezember 1943 aus dem Getto Theresienstadt eintrafen, blieben im sogenannten „Familienlager” in Birkenau (Lagerabschnitt BIIb). Dort starben sie an Krankheiten und Hunger, einige wurden im März 1944 und während der „Liquidierung” des Lagerabschnitts im Juli desselben Jahres in den Gaskammern ermordet.
11 000 Kinder der Sinti:ze und Rom:nja wurden ebenfalls zusammen mit ihren Angehörigen oder aus Kinderheimen verschleppt und im sogenannten Zigeunerlager in Birkenau untergebracht. Die meisten von ihnen starben innerhalb kurzer Zeit, und diejenigen, die bis zum 2. August 1944 überlebten, wurden in den Gaskammern ermordet.
Über 3 000 nichtjüdische polnische Kinder und Jugendliche wurden im KL Auschwitz festgehalten. Einige wurden in den ersten Monaten des Bestehens des Lagers inhaftiert. Oft handelte es sich um Pfadfinder:innen, die wegen ihrer Aktivitäten in Untergrundorganisationen verhaftet worden waren, sowie um Teilnehmer:innen der Geheimen Lehrorganisation, die sich für die Erhaltung der polnischen Kultur einsetzte. Unter den aus den Dörfern der Region Zamość vertriebenen Einwohner:innen befand sich eine große Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Sie wurden zur Arbeit ins Lager geschickt und wie Erwachsene behandelt. Die meisten starben im Lager, viele Jungen wurden durch Herzinjektionen mit Phenol getötet.
Eine weitere große Gruppe von Minderjährigen wurde während des Warschauer Aufstands im August und September 1944 zusammen mit Erwachsenen eingeliefert. Sie wurden im Lager registriert, aber nicht mit Nummern tätowiert. Einige der Kinder und Jugendlichen starben, andere wurden in andere Lager transportiert und zur Arbeit in der deutschen Industrie gezwungen. Nur eine kleine Gruppe blieb zurück und erlebte die Befreiung.
Jugendliche aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion (Ukraine, Belarus, Russland) sowie eine gewisse Anzahl tschechischer Jugendlicher wurden ebenfalls im KL Auschwitz inhaftiert. Ihre Zahl wird auf über 1 000 geschätzt. Bei der Befreiung des Lagers befanden sich über 700 Kinder und Jugendliche auf dem Gelände.
Im KL Auschwitz geborene Kinder
Bis Mitte 1943 wurden alle im Lager geborenen Kinder, unabhängig von ihrer Nationalität, getötet. Später wurden nichtjüdische Kinder registriert und erhielten eine Lagernummer, die ihnen auf den Oberschenkel oder das Gesäß tätowiert wurde. Aufgrund der schrecklichen hygienischen Bedingungen starben die meisten von ihnen innerhalb weniger Monate. Jüdische Kinder wurden bis Oktober 1944 getötet, als beschlossen wurde, die Massenvernichtung der Juden:Jüdinnen zu beenden.
Im Lagerkrankenhaus für Frauen in Birkenau gab es eine Entbindungsstation, in der die Hebamme Stanisława Leszczyńska (1896–1974), selbst ein Häftling, mit großem Engagement wirkte. Eine Entbindungsstation befand sich auch im sogenannten Durchgangslager für jüdische weibliche Häftlinge in Birkenau. Kinder, die im Lagerabschnitt BIIe (Sinti:ze und Rom:nja) oder BIIb (Juden:Jüdinnen aus dem Ghetto Theresienstadt) geboren wurden, wurden registriert, starben jedoch bald aufgrund der katastrophalen Verhältnisse im Lager. Diejenigen, die bis zur „Liquidierung” dieser Bereiche überlebten, wurden in den Gaskammern ermordet.
Anhand der erhalten gebliebenen Quellen kann davon ausgegangen werden, dass mindestens 700 Kinder im Lager Auschwitz geboren wurden, darunter mindestens 378 Kinder von Sintize und Romnja.4Kubica, Pregnant Women and Children Born in Auschwitz, 12. Eine kleine Anzahl der im KL Auschwitz geborenen Kinder erlebte die Befreiung, vor allem diejenigen, die in den letzten Wochen vor der Befreiung des Lagers geboren wurden.
Medizinische Experimente
Eine große Anzahl von Häftlingen, sowohl Erwachsene als auch Kinder (die genaue Zahl ist bislang nicht bekannt), wurden im KL Auschwitz für medizinische Experimente missbraucht. Die Ärzte, die diese verbrecherischen Experimente durchführten, handelten im Auftrag der SS, der Wehrmacht oder deutscher Pharmaunternehmen oder aus eigenem Antrieb, um ihre Karriere voranzutreiben, und arbeiteten oft mit deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen. Für viele Häftlinge endeten die Experimente mit dem Tod oder dauerhaften Verstümmelungen.
Eine Methode zur Massensterilisation wurde von Carl Clauberg (1898–1957) und Horst Schumann (1906–1983) entwickelt, die dort arbeiteten. Die Wirkungen von Medikamenten, die noch nicht in der Behandlung eingesetzt wurden, wurden von zahlreichen Ärzten untersucht, darunter Helmuth Vetter (1910–1949), Friedrich Entress (1914–1947) und Bruno Weber (1915–1956). Die durch Hunger verursachten Veränderungen des Körpers untersuchte Johann Paul Kremer (1883–1965). Emil Kaschub (1919–1977) wurde von der Wehrmacht ins Lager Auschwitz geschickt, um die Auswirkungen verschiedener giftiger Substanzen zu untersuchen, die deutsche Soldaten verwendeten, um nicht an die Front geschickt zu werden. Der Standortarzt Eduard Wirths (1909–1945) unterstützte seinen Bruder, der zu Gebärmutterhalskrebs forschte. August Hirt (1898–1945) beschaffte für die Sammlung der Universität Straßburg jüdische Skelette.
Kinder aus Familien von Sinti:ze und Rom:nja oder jüdische Kinder aus dem Lager für jüdische Gefangene aus dem Ghetto Theresienstadt sowie diejenigen, die zu dieser Zeit in Massentransporten aus Ungarn gebracht wurden, waren bevorzugte Opfer von Josef Mengele, und vor allem die Zwillinge unter ihnen. Darüber hinaus interessierte sich Mengele für die Anthropologie verschiedener Gruppen von Häftlingen, die Inkubation und den Verlauf ausgewählter Infektionskrankheiten, die Physiologie und Pathologie von Zwergwuchs und die Vererbung genetischer Defekte. Für die meisten der von Josef Mengele ausgewählten Häftlinge endeten die Experimente mit dem Tod.
Arbeit
Im Lager Auschwitz war Arbeit Bestandteil des Tötungsprozesses, ungeachtet einer tatsächlichen Effektivität. Die Häftlinge arbeiteten über ihre körperlichen Kräfte hinaus, ohne Ausbildung, Schutzkleidung oder Sicherheitsvorkehrungen. Meistens transportierten sie Baumaterialien (Zementsäcke, Ziegelsteine, Zaunpfähle) von Eisenbahnwaggons zu den Baustellen, gruben Entwässerungsgräben oder Fundamente für Lagergebäude, rissen die Mauern abgerissener Häuser ein und zogen schwere Walzen, um den Boden zu ebnen.
Sie arbeiteten auch auf Farmen und Viehzuchtbetrieben des Lagers und ab 1942 in Bergwerken, Stahlwerken und verschiedenen anderen Industrieanlagen, wo sie unter Bedingungen arbeiten mussten, die in keiner Weise den üblichen Standards entsprachen. Im Jahr 1942 besserten sich die Bedingungen geringfügig für diejenigen Häftlinge, die aufgrund ihrer speziellen technischen Ausbildung über Fähigkeiten verfügten, die schwer zu ersetzen waren.
SS-Garnison
Schätzungen zufolge wurden insgesamt etwa 8 500 SS-Männer und mindestens 200 Aufseherinnen zum Dienst im KL Auschwitz entsandt. Einige von ihnen übten Wachdienste aus, während andere in der Verwaltung beschäftigt waren. Ihre Anzahl stieg mit der Zunahme der Häftlingszahlen allmählich an; im März 1941 belief sie sich auf etwa 700 SS-Männer, im Januar 1945 auf 4 480.
Der erste Kommandant des Lagers war Rudolf Höss (1901–1947), ihm folgte ab November 1943 Arthur Liebehenschel (1901–1948), ab Mai 1944 übernahm Richard Baer (1911–1963) diese Position. Jedes Lager und jedes Außenlager wurde von einem Lagerführer geleitet, der von untergeordneten Offizieren (Rapportführer, Blockführer und Kommandoführer) unterstützt wurde.
Anfangs bestand das Personal überwiegend aus Deutschen und Österreichern sowie sogenannten ethnischen Deutschen aus dem Sudetenland und Westpolen. Später kamen Volksdeutsche aus Jugoslawien, Ungarn und Rumänien hinzu. Das Bildungsniveau dieses Personals war nicht sonderlich hoch – 70 % der SS-Männer hatten nur wenige Jahre Grundschule besucht. Fünf Prozent des Personals, Ärzte und Ingenieure aus der Bauleitung, verfügten über eine Hochschulausbildung.
Das Frauenlager wurde von einer Oberaufseherin beaufsichtigt; bis Oktober 1942 war dies Johanna Langefeld (1900–1974), danach bis zur Evakuierung von Maria Mandl (1912–1948). Diese Lageraufseherinnen wurden auf der Grundlage eines Vertrags mit der SS nach einer vorherigen Ausbildung im Konzentrationslager Ravensbrück eingestellt.
Evakuierung
Die SS-Behörden begannen im Spätsommer 1944 mit der Evakuierung des Lagerkomplexes Auschwitz. Infolgedessen wurden bis Mitte Januar 1945 etwa 65 000, überwiegend nichtjüdische Häftlinge (aus Polen, Russland, Tschechien) in Konzentrationslager im Reich deportiert. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Spuren der im Lager begangenen Verbrechen beseitigt: Die Dokumentation wurde vernichtet, die Gaskammern und Krematorien in Birkenau wurden gesprengt und die Gruben, in der die Asche der ermordeten Häftlinge geschüttet worden waren, beseitigt. Vom 17. bis 21. Januar wurden mindestens 56 000 männliche und weibliche Häftlinge aus Auschwitz I, Birkenau und Monowitz sowie aus den Außenlagern abgeführt.
Die meisten Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch nach Loslau [Wodzisław Śląski] und Gleiwitz [Gliwice] geschickt. Die Marschroute war übersät mit Leichen derjenigen Häftlinge, die zu erschöpft waren, um mit den Marschkolonnen Schritt zu halten, und die von den sie begleitenden SS-Männern getötet oder bei Fluchtversuchen erschossen wurden. Nach zwei oder drei Tagen Fußmarsch erreichten die Gefangenen ihr Ziel und wurden dann in offenen Güterwaggons zu Konzentrationslagern in Deutschland transportiert.
Befreiung
Das KL Auschwitz wurde am 27. Januar 1945 von Soldaten der Roten Armee befreit. Am Morgen erreichten sie das Lager Monowitz und am Nachmittag Birkenau und Auschwitz I. In den befreiten Lagern befanden sich mindestens 7 000 Häftlinge – Männer, Frauen und Kinder. Etwa 500 wurden von sowjetischen Soldaten in einigen Außenlagern einige Tage vor oder nach dem 27. Januar befreit. Etwa 4 500 kranke und erschöpfte Überlebende wurden in sowjetischen Feldlazaretten und im Krankenhaus des Polnischen Roten Kreuzes, das im Bereich des ehemaligen Hauptlagers (Auschwitz I) eingerichtet worden war, medizinisch versorgt.
Gerichtsverfahren
Nach dem Krieg wurden nur 800 SS-Männer und Aufseher – etwa zehn Prozent des Lagerpersonals – für die von ihnen begangenen Verbrechen rechtlich zur Verantwortung gezogen. Zwischen 1946 und 1949 standen 673 Mitglieder der SS-Garnison des KL Auschwitz (darunter 21 Frauen) in Polen vor Gericht. Der erste und bekannteste Prozess war der gegen den ersten Lagerkommandanten Rudolf Hӧss. Der Oberste Volksgerichtshof in Warschau verurteilte ihn am 2. April 1947 zum Tode.
1947 tagte der Oberste Volksgerichtshof in Krakau. Zu den 40 Angeklagten zählten der zweite Lagerkommandant Arthur Liebehenschel, der Leiter der politischen Abteilung Maximilian Grabner (1905–1948) und die Aufseherin des Frauenlagers Maria Mandl. Alle drei wurden zusammen mit 18 weiteren Angeklagten zum Tode verurteilt und am 24. Januar 1948 hingerichtet. Zwei zum Tode Verurteilte wurden zu lebenslanger Haft begnadigt, sechs Angeklagte erhielten lebenslange, zehn Angeklagte zeitige Haftstrafen, SS-Arzt Hans Münch (1911–2001) wurde freigesprochen.
Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
Nach der Befreiung standen die ehemaligen Lagerareale Auschwitz und Birkenau unter der Kontrolle der sowjetischen Militärbehörden. Um die Jahreswende 1945/1946 wurden sie von der polnischen Verwaltung übernommen. Ab April 1946 begannen die Behörden, vor allem dank des Engagements ehemaliger Häftlinge, dort ein Museum und eine Gedenkstätte einzurichten. Am 2. Juli 1947 wurde gemäß einem vom Parlament verabschiedeten Gesetz ein Museum auf dem Gelände des ehemaligen Hauptlagers Auschwitz und Birkenau (inzwischen Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau) eingerichtet. Heute ist es ein Ort der Erinnerung, der Forschung und der Bildung.
Sinti:ze und Rom:nja werden in einer Dauerausstellung im Block 13 der Gedenkstätte Auschwitz, die am 2. August 2001 eröffnet wurde, besonders gewürdigt. Jedes Jahr am 2. August organisieren zivilgesellschaftliche Organisationen aus Deutschland und Polen gemeinsam mit dem Staatlichen Museum eine internationale Gedenkfeier in Birkenau zum Gedenken an die Opfer der Sinti:ze und Rom:nja. Die Teilnehmenden versammeln sich an einem Denkmal, das 1973 auf Initiative von Vinzenz Rose (1908–1996) und dem Deutschen Sinti-Verband errichtet wurde. Ein Band der Publikationsreihe „Voices of Memory“ [Stimmen der Erinnerung] ist den Sinti:ze und Rom:nja gewidmet und wurde 2011 veröffentlicht. Im Jahr 2019 veröffentlichte der Verband der Roma in Polen [Stowarzyszenie Romów w Polsce] einen Besucherguide, in dem alle Stätten auf dem Gelände der Gedenkstätte Auschwitz aufgeführt sind, die für die Geschichte der Verfolgung und Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja von Bedeutung sind.
Forschungen zur Geschichte der Sinti:ze und Rom:nja im KL Auschwitz setzten in den 1990er-Jahren ein. Ein Meilenstein war die Veröffentlichung des Gedenkbuchs, das 1993 erschien und auf dem Hauptbuch des ehemaligen „Zigeunerlagers” basiert. Weitere Publikationen, oft initiiert von oder in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen der Sinti:ze und Rom:nja, folgten. Allerdings weist die Forschung bis heute zahlreiche Lücken auf. Die Bedeutung weiterer empirischer Forschung wurde zuletzt mit einem Artikel von Helena Kubica (geb. 1954) und Piotr Setkiewicz (geb. 1963) deutlich, der neue Erkenntnisse über die Zahl der am 2. August 1944 in den Gaskammern ermordeten Sinti:ze und Rom:nja lieferte. Im Jahr 2025 veröffentlichte das Staatliche Museum seine erste Monografie über Rom:nja und Sinti:ze im Lagerkomplex Auschwitz.




