Am 16. Mai 1944 soll es im Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu einer kollektiven Widerstandsaktion der im Lagerabschnitt BIIe in Birkenau gefangen gehaltenen Sinti:ze und Rom:nja gekommen sein. Die Quellenlage zu diesem Ereignis ist dünn und widersprüchlich. Deshalb existieren bezüglich des konkreten Geschehens, bezüglich seiner Datierung und der historischen Einordnung kontroverse Perspektiven. Dennoch gewann dieses Datum seit einer Veranstaltung, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma anlässlich des 60. Jahrestages am 16. Mai 2004 in Berlin, Deutschland, durchführte, als Gedenktag zur Erinnerung an den Widerstand von Sinti:ze und Rom:nja gegen den Völkermord an Bedeutung.
Bericht von Tadeusz Joachimowski
Die zentrale Quelle für die kollektive Widerstandsaktion ist ein auf Polnisch verfasster Bericht von Tadeusz Joachimowski (1908–1979), der seit August 1940 als polnischer politischer Häftling im Konzentrationslager Auschwitz eingesperrt war. Joachimowski hatte seit März 1943 die Position eines „Häftlingsschreibers“ und seit Mai 1944 die eines „Hauptschreibers“ (sog. Rapportschreiber) im Lagerabschnitt BIIe inne, wo sich das sogenannte „Zigeunerlager“ befand. Als Rapportschreiber war er für die Meldungen über den Häftlingsstand an die SS-Lagerverwaltung zuständig.1Vgl. das in Geigges et al., Zigeuner heute, auf S. 284–288 abgedruckte Protokoll einer Zeugenvernehmung von Tadeusz Joachimowski vor der Bezirkskommission zur Untersuchung der hitleristischen Verbrechen in Krakau, 2. Juli 1968. Er war vertraut mit den Einlieferungen von Häftlingen, deren Überstellung in andere Lager, Todesfälle, Krankenstand und den weiteren Vorgängen im Lager.
Eine Zusammenfassung seines Berichts vom 17. Januar 1960, der im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau überliefert ist, fand Eingang in die deutschsprachige Ausgabe des „Kalendariums der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945“. Durch die Aufnahme in dieses weit verbreitete Standardwerk wurde das von Joachimowski Geschilderte in den Rang eines Ereignisses gehoben, dessen Datierung und Faktizität gesichert schienen.2Das Ereignis ist nicht aufgeführt in der polnischen Erstausgabe des Kalendariums, das sukzessive von 1958 bis 1964 in der von der Gedenkstätte Auschwitz herausgegebenen Zeitschrift Zeszyty Oswieçimskie [Hefte von Auschwitz] veröffentlicht wurde. Vgl.für den 16. Mai 1944: Zeszyty Oswieçimskie. Oswieçim: Wydawnicstwo Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, 6 (1962), 71 f. In der deutschen Erstausgabe des Kalendariums von 1989 heißt es: „[15. Mai 1944] In der Kommandantur des KL Auschwitz fällt der Beschluss, am nächsten Tag die Bewohner des Zigeuner-Familienlagers BIIe in Birkenau zu liquidieren. In dem Lager BIIe sind etwa 6 000 Männer, Frauen und Kinder untergebracht. Der derzeitige Lagerführer des Abschnitts BIIe, Paul Bonigut3Paul (auch Georg) Bonigut (1913–unbekannt), von April bis Anfang August 1944 bis Lagerführer im Lagerbereich BIIe, danach zunächst Lagerführer, später Rapportführer im Außenlager Charlottengrube. Vgl. Rudorff, „Charlottengrube“, 206, 208., ein Gegner dieser Entscheidung, gibt diese Nachricht heimlich an Zigeuner, denen er vertraut, weiter, damit sie sich nicht lebend ausliefern.“4Czech, Kalendarium, 774. Der Bericht von Tadeusz Joachimowski ist überliefert in: Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau (Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, APMO), Berichte, Bd. 13, 56–80. Zur Datierung: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, „Widerstandsaktion der Sinti und Roma im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944“, 15. April 2004. In Kapralski et al., Roma in Auschwitz, 101–105, wird die im Kalendarium zusammengefasste Quelle auszugsweise in englischer Übersetzung wiedergegeben. Dort heißt es u.a., dass Joachimowski von Bonigut aufgefordert worden sei, „absolut vertrauenswürdige Zigeuner“ über die bevorstehende „Liquidierung“ zu unterrichten (101). Joachimowski habe, so wird es in einem Beitrag von Romani Rose wiedergegeben, Josef Steinbach, Mithäftling und Bote der Schreibstube, und Paul Wagner, Blockältester, informiert. Vgl. Rose, „Nicht kampflos in die Gaskammer gehen“. Es war leider nicht möglich, die genannten Häftlinge zu identifizieren.
Weiter heißt es: „[16. Mai 1944]: Gegen 19 Uhr wird im Zigeuner-Familienlager BIIe in Birkenau eine Lagersperre verkündet. Vor dem Lager fahren Wagen vor, aus denen mit Maschinengewehren bewaffnete SS-Männer aussteigen und das Lager einkreisen. Der Leiter der Aktion gibt den Zigeunern den Befehl, die Unterkunftsbaracken zu verlassen. Da sie vorgewarnt sind, verlassen die mit Messer, Spaten, Brecheisen und Steinen bewaffneten Zigeuner die Baracken nicht. Erstaunt begeben sich die SS-Männer zum Leiter der Aktion in die Blockführerstube. Nach einer Beratung wird mit einem Pfiff das Signal gegeben, dass die SS-Männer der Begleitmannschaften, die die Baracken umstellt haben, sich von ihren Posten zurückziehen sollen. Die SS-Männer verlassen das Lager BIIe. Der erste Versuch, die Zigeuner zu liquidieren, ist gescheitert.“5Czech, Kalendarium, 774 f.
Später hat Tadeusz Joachimowski die Datierung des Ereignisses mehrfach korrigiert. Zunächst gab er an, er habe am 15. April 1944 von der bevorstehenden Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja erfahren, dann änderte er das Datum auf „Anfang April 1944“.6Kubica and Setkiewicz, „The Last Stage of the Functioning of the Zigeunerlager“, 10. Zu dem Bericht mit Datierung auf den 15.4.1944 und weiteren Versionen siehe dies., Kubica and Setkiewicz, „The Last Stage in the Existence of the Birkenau Zigeunerlager”, 244, 249. Während eines 1975 geführten Gespräches nannte er den 5. April 1944 als „ungefähres“ Datum.7Rüdiger, „‚Jeder Stein ist ein Blutstropfen‘. Zigeuner in Auschwitz-Birkenau“, 142, 145.
Publizistische Verbreitung
Soweit derzeit feststellbar, kam in den 1980er-Jahren allmählich das Narrativ einer kollektiven Widerstandsaktion von Sinti:ze und Rom:nja in Auschwitz-Birkenau im Frühjahr 1944 auf, und seit 2004 wird dieses Ereignis zunehmend als „Aufstand“ bezeichnet.
In einer der frühesten Publikationen, die als Überblicksdarstellung des Völkermordes gelten können – von Miriam Novitch (1909–1990) aus dem Jahr 1968 – wird die Widerstandsaktion nicht erwähnt, obwohl die Publikation von einem Komitee zur Errichtung eines Denkmals für die in Auschwitz ermordeten Sinti:ze und Rom:nja herausgegeben wurde. Auch Donald Kenrick (1929–2015) und Grattan Puxon (geb. 1939) führen das Ereignis in ihrer wegweisenden Pionierstudie aus dem Jahr 1972 nicht auf.8Auch in der 1981 erschienenen deutschen Ausgabe ist kein Hinweis darauf enthalten.
1979 veröffentlichte der Autor und Rundfunkjournalist Gerhard F. Rüdiger (geb. 1935) erstmals im deutschsprachigen Raum eine Schilderung der Ereignisse, die später dem 16. Mai 1944 zugeschrieben wurden. In seiner Darstellung zitiert er aus einem Interview mit Tadeusz Joachimowski, das Rüdiger im Februar 1975 in Wittnau bei Freiburg im Breisgau, Deutschland, mit ihm führte. In der einschlägigen Passage nennt Joachimowski als ungefähres Datum den 5. April 1944.9Rüdiger, „‚Jeder Stein ist ein Blutstropfen‘. Zigeuner in Auschwitz-Birkenau“, 142, 145. Der Beitrag erschien in einem populären Taschenbuch, das den programmatischen Titel „In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt“ trägt.10Der von Tilman Zülch (1939–2023) für die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ herausgegebene Band war von der Bürgerrechtsbewegung der Sinti:ze und Rom:nja inspiriert und informierte über die nationalsozialistische Verfolgung ebenso wie den nach 1945 fortgesetzten Rassismus. Ausführlich zitiert wird der Wortlaut dieser Interviewpassage wiederum in der 1989 von dem Politologen Ulrich König (geb. 1955) veröffentlichten Untersuchung über den Widerstand von Sinti:ze und Rom:nja während des Nationalsozialismus.11König, Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus, 130.
Der Historiker Michael Zimmermann (1951–2007) übernimmt in seinem 1996 erschienenen Standardwerk „Rassenutopie und Genozid“ mit Verweis auf den Bericht des „gut informierten“ Tadeusz Joachimowski die Angabe eines am kollektiven Widerstand der Sinti:ze und Rom:nja gescheiterten Mordversuchs der Schutzstaffel (SS) am 16. Mai 1944 aus Danuta Czechs Kalendarium.12Zimmermann, Rassenutopie und Genozid, 340.
In den 1990er-Jahren, angeregt durch den am 2. August 1994 begangenen 50. Jahrestag der Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja in Auschwitz-Birkenau, verdichteten sich im Umfeld des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau die Publikationen über diesen Verbrechenskomplex. In einer Gedenkschrift zum 50. Jahrestag – herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Verband der Roma in Polen [Stowarzyszenie Romów w Polsce] von dem ehemaligen Auschwitz-Häftling und viele Jahre an der Gedenkstätte tätigen Historikers Wacław Długoborski (1926–2021) – wird die Widerstandsaktion nicht erwähnt. In dem ebenfalls 1994 vom Verband herausgegebenen Sammelband „Das Schicksal der Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau“ von Kazimierz Smoleń (1920–2012), auch er ein Überlebender von Auschwitz, ferner Mitbegründer und langjähriger Leiter der Gedenkstätte, wird sie allerdings ausführlich thematisiert.13Smoleń, „Das Schicksal der Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau“, 165–67. Ein Sammelband, der auf einer Tagung in der Gedenkstätte im Jahr 1991 beruht und 1998 erschien, erwähnt das Ereignis in zwei Beiträgen nur äußerst knapp, in einem wird es als Widerstand gegen eine beabsichtigte Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja dargestellt.14Długoborski, Sinti und Roma im KL Auschwitz-Birkenau 1943–44, 273 und 313.
International große Sichtbarkeit erreichte der von Joachimowski auf Polnisch überlieferte Bericht mit der am 2. August 2001 in Block 13 des ehemaligen Stammlagers Auschwitz eröffneten Dauerausstellung zum nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti:ze und Rom:nja. In der maßgeblich vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg gestalteten Ausstellung wird die Widerstandsaktion anhand zweier Seiten des Berichtes in dem Kapitel „Selbstbehauptung und Widerstand in Auschwitz-Birkenau“ präsentiert.15Vgl. den deutschsprachigen Katalog der Ausstellung: Rose, Der nationalsozialistische Völkermord, 287–89. Anlässlich des 60. Jahrestages wurden 2004 die dem 16. Mai 1944 zugerechneten Ereignisse schließlich als „Aufstand“ in Erinnerung gerufen. An einer Gedenkveranstaltung, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am Jahrestag im Auswärtigen Amt in Berlin initiiert hatte, nahmen 800 Gäste aus vielen Ländern teil, darunter prominente Redner wie Bundespräsident Johannes Rau (1931–2006), Außenminister Joschka Fischer (geb. 1948) und der polnische Außenminister a.D. Władysław Bartoszewski (1922–2015).16Vgl. die Dokumentation Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag.
Zeugnisse von Überlebenden
2018 befassten sich die Historiker:innen Helena Kubica (geb. 1954) und Piotr Setkiewicz (geb. 1963) in einem Beitrag über die letzten Monate des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau auch mit der Überlieferung zum 16. Mai 1944. Sie stellten heraus, dass das von Joachimowski beschriebene Ereignis in den zahlreichen Berichten Überlebender, die im Archiv des Museums Auschwitz-Birkenau aufbewahrt werden und aus den 1960er- und 1970er-Jahren stammen, nicht erwähnt wird.17Kubica und Setkiewicz, „The Last Stage of the Functioning of the Zigeunerlager”, 6 f. Der Beitrag erschien 2023 in erweiterter Form unter ausführlicher Angabe der Quellen auf Polnisch. Eine englische Übersetzung erschien 2025, dort finden sich Angaben zu den ausgewerteten Berichten von Überlebenden auf den Seiten 245 f.
Ebenfalls 2018 veröffentlichte die Kulturanthropologin Joanna Talewicz (geb. 1980) einen Forschungsbericht über Widerstand und Überlebensstrategien von Sinti:ze und Rom:nja in Auschwitz-Birkenau. Sie identifizierte unter den insgesamt 3 760 Zeugnissen im Archiv des Museums Auschwitz-Birkenau 23 Berichte von Sinti:ze und Rom:nja sowie 202 Berichte von Überlebenden anderer Häftlingsgruppen, in denen Sinti:ze und Rom:nja erwähnt werden. Zudem wertete sie Hunderte Interviews mit überlebenden Sinti:ze und Rom:nja in verschiedenen Archiven, darunter auch die von Selbstorganisationen, aus, zog veröffentlichte biografische Zeugnisse heran und führte selbst Interviews mit Überlebenden.18Talewicz (früher Talewicz-Kwiatkowska), „Research Report“, 112–14.
Trotz dieser breiten Quellengrundlage waren keine Aussagen aufzufinden, die jene von Tadeusz Joachimowski für den 16. Mai 1944 bestätigen. Auch zwei von drei Quellen, die sie als noch nicht hinreichend berücksichtigt aufführt – die aus verschiedenen Gesprächen kompilierte Erzählung von Walter „Stanoski“ Winter (1919–2012) von 2004 sowie ein Gespräch mit Hermann Höllenreiner (geb. 1933), welches eine Mitarbeiterin des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma 2017 geführt hatte –, können nicht als Beleg für eine Widerstandsaktion am 16. Mai 1944 gegen eine beabsichtigte Ermordung aller Sinti:ze und Rom:nja herangezogen werden. Abgesehen von ihrer späten Entstehungszeit sind sie als Quellen hier insofern ungeeignet, als bei beiden Zeugnissen die Einflussnahme der jeweiligen Autorin bzw. Interviewerin auf den Inhalt und das Narrativ unverkennbar ist.19Ebd., 119–21; Auszüge der drei Berichte in englischer Übersetzung auf 126–29. Kritik an der suggestiven Fragestellung im Interview mit Hermann Höllenreiner in ebd., 120. Bei der von Karin Guth verfassten Lebensgeschichte von Walter Winter handelt es sich nicht um ein publiziertes Interview, sondern um eine von der Autorin in Form einer Ich-Erzählung kompilierte Geschichte, die auf mehreren nicht aufgezeichneten Gesprächen beruht. Vgl. Guth, Z 3105. Der Sinto Walter Winter, 9. Ihre Darstellung der Widerstandserzählung, die sie auf den Seiten 108 f. schildert und auf „ungefähr Mitte Mai“ datiert (108), weicht signifikant von den einschlägigen Passagen in der auf einem Interview basierenden Autobiografie aus dem Jahr 1999 ab, vgl. Winter, WinterZeit, 62 f.
Die angeführten Passagen aus der dritten Quelle, der Autobiografie von Otto Rosenberg (1927–2001) aus dem Jahr 1998, bezeugen ebenfalls nicht ein von Joachimowski auf den 16. Mai 1944 datiertes Ereignis, sondern sind in den Zusammenhang des auf dem Lagerbereich lastenden Selektionsdrucks durch die SS einzuordnen.20Siehe dazu weiter unten.
In einer Erwiderung auf den Aufsatz von Helena Kubica und Piotr Setkiewicz argumentiert der Historiker Jan Kreutz im Jahr 2021, zu der Zeit Mitarbeiter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, die „Zahl unabhängig voneinander entstandener Zeitzeugenberichte über den Aufstand vom 16. Mai 1944“ werde unterschätzt.21Kreutz, „Der Aufstand der Sinti und Roma“, 74. Außer auf den bereits genannten Text über Walter Winter und die Autobiografie von Otto Rosenberg verweist er auf die Überlebende Zilli Schmidt (1924–2022), in deren im Jahr 2020 erschienenen Erinnerungen zwar von Widerstand, nicht aber von einem „Aufstand“ an einem konkreten Datum die Rede ist.22Schmidt, Gott hat mit mir etwas vorgehabt, 51.
Zudem führt Kreutz neben Joachimowskis früheren Aussagen dreizehn Zeugenaussagen an, die der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma im Jahr 2004 anhand der Auswertung von Akten im Prozess gegen den in Auschwitz-Birkenau eingesetzten SS-Rottenführer Ernst-August König (1919–1991) zusammengestellt hatte. Zwei dieser Zeugenaussagen stammen aus den Akten der früheren Auschwitz-Prozesse, die übrigen entstanden in den 1980er-Jahren.23Archiv des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma (Archiv Dokuz), Arnold Roßberg, Aktenauswertung Straf- und Ermittlungsverfahren gegen E.A. König und andere, Heidelberg, 15. April 2004, 6 Blatt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass keines der kurzen Zitate eine Widerstandsaktion am 16. Mai 1944 konkretisiert, vielmehr lassen sich die Aussagen plausibel auf Selektionen von Häftlingen in die Gaskammern 1943 und zur Zwangsarbeit im Frühjahr 1944 oder auf die dann tatsächlich am 2. August 1944 erfolgte Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja aus dem Lagerbereich BIIe beziehen.24Beispielhaft sei der Auszug aus einem Brief des polnischen Häftlings Maximilian Sternol vom 18. Mai 1959 genannt, in dem es heißt: „Da diese Unglücklichen wussten, was mit ihnen geschieht, weigerten sie sich, aus den Blöcken, in denen sie untergebracht waren, herauszutreten, um auf die bereitstehenden Lastautos verladen zu werden.“ Zit. nach ebd., Bl. 4, und Kreutz, „Der Aufstand der Sinti und Roma“, 77.
So schildert beispielsweise Walter „Stanoski“ Winter in seiner 1999 herausgegebenen Autobiografie „WinterZeit“ folgende Szene: „Wir haben so 30 Mann rausgeangelt und uns einen Plan gemacht. Wir wussten genau, wie die SS vorging. Die rissen die Tür auf, stürmten rein und: ‚Raus, raus, raus!‘. Wir haben gesagt: ‚So, wenn die jetzt bei uns anfangen, stehen wir hier hinter der Tür, wir lassen die reinstürmen, wir gehen so oder so kaputt, der eine oder andere bleibt liegen, das spielt keine Rolle. Wir schnappen uns die SS-Leute‘ […]. Wir haben uns also organisiert und hinter der Tür gewartet. Die SS war jetzt beim letzten Block vor unserem. Einer von uns guckte oben durch das Oberlicht, wir konnten von der obersten Bettstelle aus rausgucken. Ich selbst war auch oben und habe geguckt, wir haben uns abgewechselt. Plage war dabei, König, Beinski, Broad, Palitzsch.25Gemeint sind SS-Oberscharführer Ludwig Plagge (1910–1948), SS-Rottenführer Ernst-August König (1919–1991), SS-Rottenführer Karl Bainski (Lebensdaten nicht bekannt), SS-Rottenführer Pery Broad (1921–1993) und SS-Hauptscharführer Gerhard Palitzsch (1913–1944). Dann war Schluss mit diesem Block, sie hatten die Leute auf dem Wagen und fuhren zur Gaskammer. […] Auf einmal kam einer auf einem Motorrad und – wir konnten das ja nicht verstehen – die Aktion wurde abgeblasen.“26Winter, WinterZeit, 63.
Die verabredete Bereitschaft zur Gegenwehr, das Eindringen der SS in den Lagerabschnitt und der Abbruch der Selektionen erinnern an die Schilderungen Joachimowskis. Allerdings ordnet Winter die Szene den Ereignissen rund um die Ermordung der im Frühjahr 1943 aus Bialystok eingelieferten Sinti:ze und Rom:nja zu.27Ebd., 62–64.
Das Narrativ des Aufstands
Wie Kubica und Setkiewicz herausstellen, finden sich auch in anderen Quellen keine Hinweise auf eine Widerstandsaktion im Lagerabschnitt BIIe am 16. Mai 1944, weder in den Berichten, die im Hauptquartier der Polnischen Heimatarmee in Warschau zu der Zeit eintrafen, noch in den Berichten des Lagerwiderstandes, die für den Zeitraum von Mai bis August 1944 in nennenswerter Anzahl überliefert sind.28Ebd. Sie halten es außerdem für unwahrscheinlich, dass sich schwer bewaffnete SS-Züge wieder zurückgezogen hätten, weil sie vor geschlossenen Baracken standen und mit möglicher Gegenwehr rechneten.29Ebd., 249.
Nicht bezeugt ist darüber hinaus irgendeine Art von unmittelbarer Konfrontation zwischen Sinti:ze und Rom:nja mit der SS-Bewachung. In ihrer Untersuchung der Darstellung des 16. Mai kritisieren Kubica und Setkiewicz daher die Verwendung der Begriffe „Aufstand“ oder „Revolte“ als „semantic misuse“ [semantischen Missbrauch], insbesondere vor dem Hintergrund des Aufstands des „Sonderkommandos“30Als „Sonderkommandos“ wurden die aus Häftlingen zusammengestellten Trupps bezeichnet, die bei den Krematorien die Verbrennung der Leichen vornehmen mussten und die als Zeugen der Verbrechen nach einer gewissen Zeit von der SS ermordet wurden. vom 7. Oktober 1944, bei dem es zu Kämpfen zwischen Häftlingen und SS-Männern kam.31Vgl. Kubica and Setkiewicz, „The Last Stage of the Functioning of the Zigeunerlager“, 10: ‘In such context, referring to an “uprising”, or a “revolt”, seems to constitute a semantic misuse.’
Derartige physische Gegenwehr sei in Bezug auf Sinti:ze und Rom:nja, so Kubica und Setkiewicz, allerdings für den 2. August 1944 bezeugt. Als ein Beispiel führen sie einen Bericht des polnischen politischen Häftlings Alfred Fiderkiewicz (1886–1972) an, in dem es u.a. heißt: „Niemand verließ die Baracke, ohne Widerstand zu leisten. Der Kampf tobte in jeder Baracke. Wir hörten das Geschrei der SS-Männer und die Schreie der Zigeuner. Am heftigsten wehrten sich die Frauen – sie waren jünger und stärker –, sie verteidigten das Leben ihrer Kinder”32Fiderkiewicz, Brzezinka, 273f. Übersetzung aus dem Polnischen von Sarah Grandke.
Einordnungen
Ein weiteres Argument, das gegen das Ereignis eines „Aufstandes“ am 16. Mai 1944 angeführt wird, ist, dass es über die Aussage von Tadeusz Joachimowski hinaus keinen Beleg dafür gibt, wonach im Mai 1944 beabsichtigt gewesen war, alle Sinti:ze und Rom:nja im Lagerabschnitt BIIe in den Gaskammern zu ermorden. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945) bereits in der ersten Hälfte des Aprils 1944 im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Deportation von mehr als 430 000 Juden:Jüdinnen aus Ungarn und den von Ungarn besetzten Gebieten den Entschluss gefasst, diese Morde nach Selektion der noch arbeitsfähigen Sinti:ze und Rom:nja in Auschwitz-Birkenau umsetzen zu lassen.33Siehe hierzu Fings, „Auschwitz-Birkenau (2. August 1944)“.
Dafür sprechen mehrere Gründe: Der vormalige Kommandant des Lagerkomplexes Rudolf Höß (1901–1947) kam im Mai 1944 aus Berlin nach Auschwitz zurück, betraut mit der Aufgabe, die Voraussetzungen für die Aufnahme der aus Ungarn zu erwartenden Transporte zu schaffen und für die rasche Ermordung der Juden:Jüdinnen zu sorgen. In diesem Zuge wurde auch die Überstellung von rund 1 350 Häftlingen des „Zigeunerlagers“ in die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück in die Wege geleitet.34Fings und Sparing, Rassismus, Lager, Völkermord, 326–28. Die Überstellung wurde am 15. April 1944 umgesetzt, und es ist anzunehmen, dass es im Zusammenhang mit der Auswahl der Arbeitsfähigen zu Gerüchten und Befürchtungen kam und es auch Vorbereitungen für eine Gegenwehr im Falle eines Versuchs, die Häftlinge des Lagerabschnitts BIIe in die Gaskammern zu treiben, gegeben hat.35So auch Kubica und Setkiewicz, „The Last Stage of the Functioning of the Zigeunerlager”, 10; Dies., „The Last Stage in the Existence of the Birkenau Zigeunerlager“, 252 f.
Der Lagerabschnitt BIIe war keineswegs vollkommen isoliert vom übrigen Geschehen in Auschwitz-Birkenau, und auch Sinti:ze und Rom:nja unterhielten Bekanntschaften oder auch Freundschaften mit Häftlingen aus anderen Teilen des Lagers und tauschten mit ihnen Informationen aus. Berichte über Vorgänge im Lager sowie eigene Beobachtungen – zu denen die regelmäßige Abfertigung von Hunderten von Deportierten auf dem Weg in die Gaskammern zählte – mussten sich im Frühjahr 1944 zur Wahrnehmung einer bedrohlichen Lage auch für sie selbst verdichten: Die systematische Ermordung der Juden:Jüdinnen aus dem Ghetto Theresienstadt, die seit dem 8. September 1943 in den Lagerabschnitt BIIb (ebenfalls ein „Familienlager“) eingewiesen worden waren, begann am 7. März 1944.36Setkiewicz und Lachendro, Kalendarz wydarzeń w KL Auschwitz, Bd. 4, 1459.
Zudem gab es am 16. Mai 1944 eine länger andauernde „Blocksperre“ für alle Lagerbereiche in Auschwitz-Birkenau, während der es sämtlichen Häftlingen verboten war, ihre Unterkünfte zu verlassen. Anlass war die Ankunft der ersten „Sondertransporte“ aus Ungarn. Die meisten der jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die an diesem Tag in zwei Güterzügen mit je 45 Waggons eintrafen, wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet.37Ebd., 1524 f. Vgl. hierzu beispielsweise die Beobachtungen von Winter, WinterZeit, 62–67.
Am ehesten ließe sich Otto Rosenbergs detailreiche Darstellung eines kollektiven passiven Widerstandes auf tatsächliche Vorgänge am 16. Mai 1944 in Auschwitz-Birkenau beziehen. Zwar nennt er kein Datum, berichtet aber über den Sinti:ze und Rom:nja zugetragene Informationen von einer bevorstehenden „Aushebung“,38Diesen Begriff hatte er auch im Hinblick auf die Ermordung der Sinti:ze und Rom:nja aus Białystok verwendet, weshalb er mit „Aushebung“ nicht die Selektion zur Zwangsarbeit am 15. April 1944 gemeint haben kann, vgl. Rosenberg, Das Brennglas, 84. woraufhin sich diese, ausgerüstet mit „Schippe, Spaten, Hammer, Pickel, Hacke, Forke, mit unseren Arbeitswerkzeugen und was ein jeder gefunden hatte“, in den Baracken verschanzt hätten. Rosenberg beschreibt, dass es SS-Obersturmführer Johann Schwarzhuber (1904–1947), zu der Zeit Lagerführer des Männerlagers in Auschwitz-Birkenau, gewesen sei, der „mit seinen Mannen, mit Kettenhunden und Maschinengewehren“ die Häftlingsblöcke kontrolliert habe. Weiter heißt es: „Schwarzhuber merkte, dass in allen Baracken und auch drüben im Polenlager und Judenlager das Licht angegangen war, und dass ganz Birkenau unter Licht stand. […] Und da hat Schwarzhuber einige Blöcke kontrolliert und ist dann so sang- und klanglos, wie er gekommen war, wieder abmarschiert mit seinen Truppen […].“39Ebd., 85 f.
Die Beschreibung der Beleuchtung des ganzen Lagers könnte darauf hindeuten, dass sich diese Szene während der genannten Blocksperre abspielte: Schwarzhuber kontrollierte die Einhaltung der Blocksperre, ohne die – auch von Rosenberg vermutete – Räumung des Lagerabschnitts zu beabsichtigen.
Rosenberg wies auch darauf hin, dass es vor allem die erfahrenen und noch kräftigen Männer waren, die untereinander verabredeten, ihr Leben „so teuer wie möglich [zu] verkaufen“.40Ebd., 85. Viele Männer unter den deutschen Sinti und Roma – die die national größte Gruppe der in Auschwitz-Birkenau eingesperrten Angehörigen der Minderheit darstellten – hatten seit 1933 Erfahrungen mit den Verfolgungen des NS-Regimes gemacht, viele hatten 1938 schon am eigenen Leib erfahren, was Konzentrationslager bedeuteten, und nicht wenige waren als Soldaten der Wehrmacht im Fronteinsatz abgehärtet und im Umgang mit Waffen geübt. Zeitweise waren die aus der Wehrmacht aus rassistischen Gründen entlassenen Soldaten, wie etwa Max Friedrich (1909–1991), zusammen in Block 7 untergebracht,41Vgl. die Aussage von Max Friedrich im Rahmen des ersten Auschwitz-Prozesses am 11. Dezember 1964, in: https://www.auschwitz-prozess.de/zeugenaussagen/Friedrich-Max/ [Zugriff: 02.07.2025]. was Absprachen untereinander und das Entstehen von Verbindungen beförderte.
Die Erinnerungen von Überlebenden an Verabredungen für einen kollektiven Widerstand in Auschwitz-Birkenau lassen sich daher durchaus auf konkrete Absichten und reale Erfahrungen beziehen, auch wenn die von Joachimowski geschilderte Szene als historisch nicht belegt eingeschätzt werden muss.
Erinnerungskultur
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es nach den vorliegenden Erkenntnissen am 16. Mai 1944 keinen Versuch der SS gegeben hat, die im Lagerabschnitt BIIe in Birkenau noch lebenden Sinti:ze und Rom:nja zu ermorden; auch ist es nicht zu einem Aufstand der dort gefangen gehaltenen Häftlinge gekommen. Aufgrund der von den Mitarbeitenden der Gedenkstätte Auschwitz angestellten Untersuchungen wird in der 2024 auf Polnisch erschienenen und vollständig neu bearbeiteten Ausgabe des „Kalendariums der Ereignisse in Auschwitz-Birkenau“ das von Joachimowski für den 16. Mai 1944 geschilderte Ereignis nicht mehr wiedergegeben.42Setkiewicz und Lachendro, Kalendarz wydarzeń w KL Auschwitz, Bd. 4, 1523–1526.
Die Tradierung des Ereignisses, das sich historisch nicht belegen lässt, hat dennoch einen nachhaltigen und wichtigen Einfluss auf die gegenwärtige Erinnerungskultur ausgeübt, deren Bedeutung keineswegs geschmälert werden sollte. Viele Selbstorganisationen begehen den 16. Mai als Internationalen Tag des Widerstands der Sinti:ze und Rom:nja und betonen, dass die Angehörigen der Communitys nicht nur Opfer waren, sondern sich gegen Verfolgung und Ermordung wehrten, resilient und widerständig waren, sich selbst und ihre Angehörigen zu retten versuchten und aktiv gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften. Nicht die Geschichte der Unterdrückung, sondern die Geschichte des Widerstandes und damit auch die Handlungsmacht von Sinti:ze und Rom:nja stehen dabei im Vordergrund.43Siehe beispielsweise das vom Beirat für Jugendfragen des Europarates am 16. Mai 2020 herausgegebene „Statement on Romani Resistance Day“, in https://rm.coe.int/romani-resistance-day-16-may/16809e4ece [Zugriff: 08.07.2025]. Diese Perspektive greifen insbesondere viele junge Menschen aus den Communitys auf, da sie Selbstermächtigungsprozesse stärkt.44Vgl. https://2august.eu/roma-resistance-day/ [Zugriff: 08.07.2025]. Auch wird das Gedenken an den Widerstand als Ressource für den Kampf gegen gegenwärtigen Rassismus verstanden.45Vgl. https://www.lavoixdesrroms.com/mouvement-du-16-mai [Zugriff: 08.07.2025].
Solche Aktivitäten haben wiederum neue Forschungen inspiriert, die bislang vernachlässigte europäische Schauplätze und Akteur:innen des Widerstandes von Sinti:ze und Rom:nja behandeln und damit auch die Geschichtswissenschaft bereichern.46Kóczé und Szász, Roma Resistance during the Holocaust and its Aftermath; Mirga-Kruszelnicka und Dunajeva, Re-Thinking Roma Resistance throughout History.




