Das Konzentrations- und Vernichtungslager Jasenovac war das größte seiner Art im Unabhängigen Staat Kroatien (USK) [Nezavisna Država Hrvatska] und einer der größten Konzentrationslagerkomplexe in Europa während des Zweiten Weltkrieges. Es wurde nach dem Dorf Jasenovac benannt, das etwa 100 Kilometer südöstlich von Zagreb liegt. Der Lagerkomplex Jasenovac war nach dem Konzentrations– und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau die zweitgrößte Mordstätte an Rom:nja.
Das Lager und seine Struktur
Die Behörden des USK begannen Ende Juli 1941 mit dem Aufbau des Lagersystems Jasenovac und erweiterten es kontinuierlich in den folgenden Monaten. Die Entscheidung für einen neuen Lagerkomplex innerhalb des deutschen Besatzungsgebietes Kroatiens hing nicht zuletzt mit der Auflösung des Gospić-Komplexes zusammen, dessen Gebiet (Velebit und Insel Pag) von der italienischen Militärführung zur Sicherung der italienischen Besatzungszone beansprucht wurde. Das Gebiet von Jasenovac wurde für das Lager ausgewählt, da es in der abgelegenen Sumpflandschaft von Lonjsko Polje nahe der Mündung des Flusses Una in die Save lag. Weitere Faktoren waren die bereits vorhandene Verkehrsinfrastruktur (Eisenbahn und Straßen) sowie ein Industriekomplex mit Kettenfabriken, Sägewerken, Getreidemühlen und Ziegeleien. Der Komplex hatte zuvor der serbischen Familie Bačić gehört, bevor diese zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zur Emigration nach Serbien gezwungen wurde. Der Leiter des Büros III des Ustaša-Überwachungsdienstes (UNS) [Ustaška nadzorna služba], Vjekoslav „Maks“ Luburić (1914–1969), der das gesamte Konzentrationslagersystem im USK leitete und beaufsichtigte, passte nach seinem Besuch des Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin im September 1941 das Modell der Lagerverwaltung teilweise an.1Kevo, „Počeci logora Jasenovac“, 478; Goldstein, Jasenovac, 98–99.
Jasenovac bestand aus mehreren Lagern: Lager I Krapje und Lager II Bročice wurden als erste eröffnet, mussten jedoch im November 1941 aufgrund schwerer Überschwemmungen durch die Save aufgegeben werden. Das Lager III Ciglana [Ziegelei], das offiziell den Namen „Arbeitsdienst des Ustaša-Verteidigungs-Sammellagers Nr. III“ [Radna služba Ustaške obrane sabirni logor Br. III] trug, war das größte und tödlichste Lager des Jasenovac-Komplexes. Es war eine Kombination aus Zwangsarbeits– und Vernichtungslager und spielte eine Schlüsselrolle beim Völkermord an den Rom:nja, einschließlich des Nebenlagers Uštica und der Tötungsstätte [Donja] Gradina. Das Lager IV Kožara, was grob übersetzt „Lederwerk“ bedeutet, wurde im Januar 1942 in einer bestehenden Gerbereianlage des Dorfes Jasenovac eröffnet. Es war das flächenmäßig kleinste Lager, in dem qualifizierte Häftlinge Lederwaren für den kroatischen Kriegseinsatz herstellen mussten. Das Lager V Stara Gradiška befand sich in der Festung einer ehemaligen österreichisch–ungarischen Garnisonsstadt; dort waren überwiegend Frauen und Kinder inhaftiert, darunter Hunderte Rom:nja.
Massenverhaftungen und Deportationen
Die ersten Gruppen von Häftlingen wurden im August 1941 in das Lager Jasenovac deportiert; dabei handelte es sich überwiegend um Serb:innen und Juden:Jüdinnen sowie um kroatische Kommunist:innen und andere Regimegegner:innen. Die meisten wurden zuvor in den Lagerkomplex Gospić überstellt, der sich in den kroatischen Küstengebieten befand, die zu jener Zeit von der italienischen Armee besetzt waren. Zeugenaussagen zufolge ist es wahrscheinlich, dass sich unter den Deportierten aus Slana und Jastrebarsko auch einzelne Rom:nja befanden. Die ersten Gruppen von Rom:nja wurden im gleichen Zeitraum aus dem Lager Danica bei Koprivnica überstellt, bevor im Herbst 1941 Rom:nja aus dem weiteren Umkreis von Virovitica eingeliefert wurden. Die Deportationen von Rom:nja in das Lager Jasenovac intensivierten sich zwischen Januar und Frühjahr 1942, als Transporte aus Vrginmost (heute Gvozd), Križevci, Virovitica, Pisarovina, Vrbovsko, Županja, Karlovac und Duga Resa eintrafen.2Hrečkovski, Slavonski Brod u NOB i socijalističkoj revoluciji, 381, 386–387, 397, 399; Kovačev und Vojak, „Usporedna kronologija stradanja Roma“, 118; Vojak, „Forgotten Victims of World War II“, 198.
Die systematische Deportation von Rom:nja aus dem gesamten USK begann mit einem Rundschreiben vom 19. Mai 1942. Das Innenministerium wies Polizei– und Militärbehörden an, die „Evakuierung“ [evakuacija] der gesamten romani Bevölkerung in das Lager Jasenovac durchzuführen. Das Rundschreiben nannte keinen konkreten Grund für die Maßnahme, was zu verschiedenen historiografischen Spekulationen über den Entscheidungsprozess und dessen Zeitpunkt führte. Es liegen beispielsweise keine Belege für die Hypothese vor, dass die Entscheidung vom nationalsozialistischen Deutschland beeinflusst wurde, oder dass der Zeitpunkt mit den Unterbringungskapazitäten in den Lagern und den saisonalen Wetterbedingungen zusammenhing.3Solche Thesen finden sich u.a. bei Lengel-Krizman, Genocid nad Romima, 42 und Lengel-Krizman, „Genocide Carried Out on the Roma“, 162–163. Die meisten Historiker:innen gehen davon aus, dass die Ustaša die Verfolgung der Rom:nja eigenständig durchführte. Umstritten ist jedoch die Frage, ob die Deportationen lange im Voraus geplant waren oder das Ergebnis einer fortschreitenden Radikalisierung waren. Für die vergleichsweise „späte“ Entscheidung wurden verschiedene Erklärungen vorgebracht. Zu diesen gehört die Unsicherheit bei der Definition von „Zigeunern“, nachdem bosnisch-muslimische Organisationen bereits 1941 gegen die Registrierung einer bestimmten Gruppe sesshafter muslimischer Rom:nja („Weiße Zigeuner“) als „Zigeuner“ interveniert hatten. Auch ein Zusammenhang mit der zweiten Deportationswelle von Juden und Jüdinnen im Laufe des Jahres 1942 wurde vermutet. Verbreitet ist ferner die Annahme, dass die Anordnung der Ustaša, alle Rom:nja in das Lager Jasenovac zu deportieren, mit der Priorisierung der Massendeportationen der serbischen und jüdischen Bevölkerung zusammenhing.4Biondich, „Persecution of Roma-Sinti in Croatia“, 35–36, 43–44; Goldstein, Jasenovac, 523–524, 896; Korb, „Ustaša Mass Violence Against Gypsies in Croatia“, 76–77, 80–81. Diese Überlegung ist nur eingeschränkt haltbar, da noch im Juni 1942 rund 68 000 überwiegend serbische Zivilist:innen nach einer Militäroffensive der Streitkräfte des USK mit Hilfe verbündeter Einheiten (insbesondere deutscher) massenhaft nach Jasenovac und in andere Lager wie Sisak deportiert wurden. Insgesamt lassen die verfügbaren Quellen keine endgültigen Schlussfolgerungen zu diesen Fragen zu.
Kurz nach Erlass des Rundschreibens begannen in verschiedenen Teilen des USK, hauptsächlich in Zentralkroatien und Slawonien, aber auch in den nördlichen Gebieten Bosniens, Massenverhaftungen und Deportationen von Rom:nja in das Lager Jasenovac. Die Verhaftungen und Deportationen wurden größtenteils von Polizeikräften des USK (Gendarmen [oružnici] und regulärer Polizei [redarstvenici]) sowie von Militäreinheiten (Ustaša und Heimatschutz [domobrani]) durchgeführt. In einigen Gebieten waren auch Organisationen lokaler Volksdeutscher beteiligt.
Die Welle der Deportationen dauerte von Ende Mai bis Anfang September 1942 und erreichte ihren Höhepunkt in den Sommermonaten. Der erste Abtransport fand am 28. Mai 1942 statt und betraf 69 Roma aus Zagreb. Am 5. Juli 1942 berichteten die Behörden von Županja über den Abtransport von mehr als 2 000 Rom:nja in 83 Eisenbahnwaggons. Damit wurde Županja zum Ausgangspunkt der größten Massendeportationen, gefolgt von Vukovar (1 605 Personen) und Vinkovci (1 154) im Sommer 1942.5Weitere Deportationen gingen aus zahlreichen anderen Orten ab: Valpovo, Ogulin, Zemun, Duga Resa, Vojnić, Đakovo, Orehovica, Našice, Podravska Slatina (heute Slatina), Daruvar, Virovitica, Grubišno Polje, Slavonska Požega, Brod na Savi (heute Slavonski Brod), Nova Gradiška, Novska, Igrišće und Hrvatski Karlovci (heute Sremski Karlovci in Serbien). Siehe Biondich, „Persecution of Roma-Sinti in Croatia“, 36–38; Goldstein, Jasenovac, 524–527; Korb, „Ustaša Mass Violence Against Gypsies in Croatia“, 81–86; Kovačev und Vojak, „Usporedna kronologija stradanja Roma“, 118–119; Miletić, Koncentracioni logor Jasenovac, Band 1, 291–297, 299–300; Vojak, „Forgotten Victims of World War II“, 198–203; Vojak, „Roma Resistance in the Independent State of Croatia“, 125–127; Vojak, Papo und Tahiri, Stradanje Roma u Nezavisnoj Državi Hrvatskoj, 261–271. Nach dem Ende dieser großen Deportationswelle folgten zeitweise einige kleinere; die letzte dokumentierte Deportation von 30 Roma aus Gundinci fand im Jahr 1943 statt.6Hrečkovski, Slavonski Brod u NOB i socijalističkoj revoluciji, 401–402; Kolesar, „Gundinačke žrtve“, 88. Hrečkovski hatte in seinem Beitrag 19 romani Opfer aus Gundinci aufgelistet, während Kolesar weitere elf identifizieren konnte. Neben den Rom:nja wurden 1943 auch vier Tschechoslowak:innen und ein Jude aus Gundinci nach Jasenovac deportiert und ermordet.
Rom:nja im Lagerkomplex Jasenovac
Im Gegensatz zu anderen Häftlingen wurden Rom:nja oft nicht einzeln registriert, sondern es wurde lediglich die Anzahl der „Eisenbahnwaggons“ erfasst, in denen sie transportiert wurden. Bei der Ankunft im Lager Jasenovac wurden Rom:nja in zwei Gruppen aufgeteilt: Frauen und Kinder sowie gebrechliche und ältere Menschen kamen in eine Gruppe, „stärkere und widerstandsfähigere“ männliche Roma wurden in eine andere Gruppe eingeteilt. Ein kleiner Teil dieser Männer wurde kurz nach der Ankunft in Jasenovac separiert und in Arbeits- und Konzentrationslager in Deutschland deportiert.7Gruenfelder, „U radni stroj“, 100. Nach der Selektion wurden die Wertsachen der in Jasenovac verbleibenden Rom:nja beschlagnahmt. Den Rom:nja, die mit Karren ins Lager gebracht worden waren, wurden direkt vor dem Lager Karren und Pferde sowie alle Habseligkeiten abgenommen, die sie bei sich hatten.
Bei den ersten Deportationen von Rom:nja wurden diese im nordöstlichen Teil des Lagers Jasenovac untergebracht, der mit Stacheldraht abgesperrt und von Wachen bewacht wurde. Dieser Teil des Lagers wurde als Lager III C bezeichnet, in dem die Bedingungen Berichten zufolge außerordentlich hart waren. Zeugen sagten aus, dass Rom:nja im Freien festgehalten wurden und fast keine Nahrung erhielten, was zu einer hohen Sterblichkeitsrate führte. Jeden Tag wurden mehrere Leichen aus diesem Lagerteil abtransportiert und hinter dem Stacheldraht begraben. Mit der Ankunft weiterer Rom:nja reichte der ursprüngliche Platz im Lager nicht mehr aus, und die neuen Häftlinge wurden im Bereich des nahegelegenen Dorfes Uštica als Teil von Lager III untergebracht. Bis zum Kriegsende war dieses Dorf überwiegend von Serb:innen bewohnt, die am 8. Mai 1942 von den Ustaša-Behörden über Jasenovac in andere Lager vertrieben und deportiert wurden. Bald wurde auch dieser Teil des Lagersystems von Jasenovac angesichts der wachsenden Zahl von romani Häftlingen zu klein.
Neuankömmlinge wurden aus diesem Grund direkt in das ehemalige Dorf Gradina (heute Donja Gradina, in Bosnien und Herzegowina gelegen) auf der anderen Seite der Save geführt, das als Hauptvernichtungsstätte des Lagers diente. In geringerem Umfang wurden Rom:nja, meist Frauen, auch in Stara Gradiška (Lager V von Jasenovac) untergebracht. Erste Transporte von Romnja nach Stara Gradiška hatten bereits Ende 1941 im Rahmen einer Verlegung aus Jasenovac stattgefunden. Romnja wurden in einem Teil des Lagers in der Altstadt untergebracht, der „Kula“ [Turm] genannt wurde und in dem vorwiegend serbische und jüdische sowie einige kroatische Häftlinge festgehalten wurden. Eine beträchtliche Anzahl von Rom:nja wurde im Herbst 1944 aus dem weiteren Umkreis von Bosanska Gradiška (heute Gradiška), einschließlich des Dorfes Mokrice, in diesen Teil des Lagers deportiert und dort ermordet.8Amulić und Huber, Otpor u logoru Stara Gradiška, 89 und 93; Gruenfelder, „U radni stroj“, 100; Kovačević, „Prvi dan u logoru Jasenovac“, 117–118, 120; Vojak, „Forgotten Victims of World War II“, 200–202.
Die Ustaša-Behörden des Lagers Jasenovac III setzten männliche Roma für schwere körperliche Arbeit in der Ziegelei, im Sägewerk und beim Bau von Dämmen an der Save ein. Mehrere Roma wurden für Zwangsarbeit in Gradina ausgewählt, wo sie im Zuge der Massenhinrichtungen Massengräber ausheben und auffüllen mussten; einzelne von ihnen wurden sogar gezwungen, sich aktiv an den Tötungen zu beteiligen. Die romani Zwangsarbeiter wurden Anfang 1945 von den Ustaša-Lagerwachen ermordet.9Goldstein, Jasenovac, 531–532; Riffer, Grad mrtvih, 46, 58, 155–156; Vojak, „Forgotten Victims of World War II“, 201; ders., „Roma Resistance in the Independent State of Croatia“, 127–128. Einigen der männlichen Roma gelang die Flucht, und sie schlossen sich den Partisanen an. Nach Angaben von nicht romani Überlebenden des Lagers wurden einige Rom:nja gezwungen, die Ustaša-Wachen mit Gesang zu unterhalten. Im Juni 1942 soll der Lagerkommandant Luburić sogar angeordnet haben, aus einer Gruppe von romani Musikern (vermutlich aus Zemun) ein spezielles Orchester zu bilden, das auch Konzerte organisierte. Die Musiker wurden jedoch nach kurzer Zeit ermordet.10Iveković, Nepokorena zemlja, 14–15; Nikolić, Jasenovački logor, 262–263; Riffer, Grad mrtvih, 154.
Massenmord
Eine beträchtliche Anzahl von Rom:nja wurde im Lager Jasenovac gefoltert und getötet. Nach dem Krieg berichteten Überlebende von Jasenovac über zahlreiche Fälle extremer Grausamkeit durch die Ustaša-Lagerwachen. Den Aussagen zufolge waren die Lagerkommandanten Ljubomir „Ljubo“ Miloš (1919–1948) und Miroslav Filipović Majstorović (1915–1946) persönlich an der grausamen Folterung und Ermordung von romani Häftlingen beteiligt. Weitere Zeug:innen berichteten, viele Romnja seien kurz nach ihrer Ankunft im Lager Jasenovac vergewaltigt und getötet worden.11Goldstein, Jasenovac, 529–530; Vojak, „Roma Resistance in the Independent State of Croatia“, 135–136.
Die meisten Rom:nja, die ab Juli 1942 in Jasenovac ankamen, wurden in der Regel direkt nach Gradina gebracht und ermordet, ohne zuvor das eigentliche Lager zu durchlaufen. Sie wurden in Gruppen zum Fluss Save geführt und mit Fähren und Booten auf die andere Seite gebracht. Von dort wurden sie zu Fuß durch das Waldgebiet zu Gruben eskortiert, die zuvor als Massengräber ausgehoben worden waren. Die Ustaša-Wachen führten die Morde auf extrem grausame Weise durch und benutzten dabei Holzhämmer, Messer und Äxte. Gradina entwickelte sich zur größten Mordstätte von Rom:nja und anderen Opfergruppen innerhalb des Lagerkomplexes Jasenovac. Die in Uštica verbliebenen Rom:nja wurden ebenfalls innerhalb weniger Monate ermordet und in Massengräbern am Rande des Dorfes begraben. Mit Ausnahme kleiner Gruppen von Zwangsarbeitern, die zu einem späteren Zeitpunkt ermordet wurden, gab es Ende 1942 in Jasenovac keine Rom:nja mehr.12Biondich, „Persecution of Roma-Sinti in Croatia“, 35–36; Goldstein, Jasenovac, 530–531; Korb, „Ustaša Mass Violence Against Gypsies in Croatia“, 86–88; Lengel-Krizman, Genocid nad Romima, 40–53; Riffer, Grad mrtvih, 154–155.
Im April 1945 bereitete die Ustaša die Auflösung des Lagers Jasenovac vor. Dabei führte sie auch Massenhinrichtungen durch. Rund 600 Gefangene unternahmen daher am 22. April 1945 einen verzweifelten Fluchtversuch, den weniger als 80 von ihnen überlebten. Während dieser Ereignisse gelang es dem romani Häftling Tihomir „Tiko“ Nikolić (1918–1988), sich im Lager zu verstecken und in der Nacht trotz schwerer Verletzungen zu fliehen. Damit ist Nikolić der einzig bekannte romani Häftling, der das Ende des Lagerkomplexes Jasenovac überlebte.13Goldstein, Jasenovac, 535–536; Motl und Mihovilović, Zaboravljeni, 492–493.
In den letzten Apriltagen 1945 tötete die Ustaša alle verbliebenen Häftlinge und zerstörte das Lager Jasenovac, zusammen mit den Beweisen für ihre Verbrechen. Am 2. Mai 1945 wurden die Überreste des Lagerkomplexes von der jugoslawischen Partisanenarmee befreit.
Opferzahlen
Die Zahl der in Jasenovac ermordeten Rom:nja sowie anderer Opfergruppen war und ist Gegenstand anhaltender wissenschaftlicher wie auch nicht-wissenschaftlicher Debatten. Im Kontext politischer Konflikte, insbesondere zwischen serbischen und kroatischen Politikern in den Jahren des Zerfalls des sozialistischen Jugoslawiens und der Gründung neuer Staaten in den 1980er und 1990er Jahren, wurde die Ermittlung der „tatsächlichen“ Opferzahlen des Lagers Jasenovac kontrovers diskutiert.
Während kroatische Revisionist:innen versuchten, die Opfer der Ustaša-Morde in Jasenovac herunterzuspielen oder gar zu leugnen, brachten serbische Nationalist:innen übertriebene Zahlen von bis zu über einer Million Opfern des Konzentrationslagers Jasenovac ins Spiel. Auch heute noch dauern diese polemischen Debatten bis zu einem gewissen Grad an.14Sundhaussen, „Jasenovac“, 53–59. Die polemischen Debatten berühren teilweise auch Fragen zur Opferzahl der Rom:nja. In extremen Fällen des kroatischen Revisionismus wird sogar die bloße Tatsache des Massenmords an Rom:nja durch die Ustaša im Lager Jasenovac in Frage gestellt. Siehe beispielsweise Koić und Banić, „Nema nikakvih dokaza“, 38–47. Weitere Beispiele finden sich bei Papo Hutinec, „Memorialisation of Roma Genocide“, 112–115. In der wissenschaftlichen historiografischen Forschung reichen die Schätzungen von 15.000 bis 40.000 romani Opfern, wobei die niedrigeren Zahlen hauptsächlich auf Namenslisten und demografischen Vergleichen von Volkszählungen vor und nach dem Krieg basieren; die höheren Zahlen beruhen in der Regel auf subjektiven Schätzungen von Zeug:innen oder rein theoretischen Überlegungen.15Der Demograf Vladimir Žerjavić schätzte die Gesamtzahl der romani Opfer im Unabhängigen Staat Kroatien auf 16 000 (15 000 aus dem eigentlichen kroatischen Staatsgebiet, 1 000 aus Bosnien und Herzegowina), der Statistiker Bogoljub Kočović auf 23 000 (17 000 aus Kroatien, 5 000 aus Bosnien und Herzegowina). Nach Angaben des Historikers Antun Miletić wurden insgesamt 23 658 Rom:nja (19 532 aus Kroatien und 4 126 aus Bosnien und Herzegowina) im Lagersystem von Jasenovac ermordet. Deutlich höhere Zahlen, die jedoch auf unzureichenden Quellen basieren, werden von Dušan Nikodijević und Milan Bulajić angeführt, die beide von etwa 40 000 Opfern ausgehen. Während Nikodijević Zeugenaussagen verallgemeinert, bezieht sich Bulajić auf die Anklageschrift gegen Ante Pavelić. Andere Historiker, wie Ivo Goldstein, verweisen auf die 16 173 Namen, die von Forschern der Gedenkstätte Jasenovac zusammengestellt wurden, als (bislang) zuverlässigste Zahl. Siehe Žerjavić, Population Losses, 150–151 und 156; Kočović, Žrtve, 48–57; Miletić, Ubijeni u koncentracijskom logoru, 445–450, 793–798; Nikodijević, „Brojevi žrtava“, 100 und 109; Bulajić, Jasenovac, 124–125; Goldstein, Jasenovac, 536. Zur Entwicklung der historiografischen Diskussion über die Opferzahlen siehe Geiger, „Pitanje broja žrtava logora Jasenovac u hrvatskoj i srpskoj historiografiji“; Vojak, „Forgotten Victims of World War II“, 204–207.
Die wichtigste Methode zur Ermittlung der Mindestanzahl der Opfer besteht in der Erstellung von Namenslisten der deportierten und ermordeten Rom:nja. Eine von den jugoslawischen Behörden im Jahr 1964 durchgeführte Volkszählung der Opfer des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien hatte unter den insgesamt 59 188 Opfern des Lagers Jasenovac lediglich 1 471 Rom:nja aufgeführt. Diese Liste wurde jedoch allgemein als unvollständig und mangelhaft angesehen, weshalb die Daten erst 1992 und 1998 veröffentlicht wurden. Mit Hilfe weiterer Forschungen stieg die Anzahl der identifizierten Opfer im Laufe der Jahre an. Ab 2007 erstellten Mitarbeiter der Gedenkstätte Jasenovac die „List of individual victims of the Jasenovac concentration camp“, die als bislang umfassendste Schätzung angesehen werden kann. In Bezug auf romani Opfer zeigte die Liste, dass viele von ihnen zuvor unter einer anderen Nationalität aufgeführt oder als ethnisch nicht identifizierte Personen erfasst worden waren. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert.
2025 wurden unter den insgesamt 83 145 identifizierten Opfern 16 173 Rom:nja aufgeführt, darunter 5 608 Kinder unter vierzehn Jahren und 4 877 Frauen.16Jasenovac Memorial Site, „List of individual victims“; Mihovilović, „Dosadašnji rezultati“; Smreka und Mihovilović, Poimenični popis žrtava. Problematische Aspekte der aktuellen Liste sind unter anderem 2 484 unvollständige oder gar fehlende Namen von romani Opfern: In 926 Fällen ist nur der Nachname (oder der Name des Vaters) bekannt, während 1 558 Personen ohne Angabe ihrer Namen aufgeführt sind. Davon sind 641 Rom:nja im Lager Stara Gradiška (V) verzeichnet, während die überwiegende Mehrheit im eigentlichen Jasenovac (Lager III) einschließlich seiner Außenlager und Hinrichtungsstätten ermordet wurde. Rom:nja, von denen die meisten 1942 starben, machen etwa 19 Prozent der Gesamtzahl der Todesopfer aus und sind damit nach den Serb:innen die zweitgrößte Opfergruppe. Insgesamt war der Lagerkomplex Jasenovac nach dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau der zweitgrößte Ort der Ermordung von Rom:nja im Europa des Zweiten Weltkriegs. Während das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zu einem internationalen Symbol für die Shoah und den Völkermord an den Rom:nja wurde, erreichte Jasenovac nie ein vergleichbares Maß an Bekanntheit, was zum Teil mit seiner Nachkriegsgeschichte zusammenhängt.
Nachwirkungen und Gedenken
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellten die jugoslawischen Behörden einige der ehemaligen Lagerkommandanten von Jasenovac vor Gericht, die für Massenverbrechen verantwortlich waren, darunter auch gegen romani Häftlinge. So wurden Miroslav Filipović Majstorović, Ljubo Miloš und andere verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Überlebende Rom:nja sagten in einigen dieser Prozesse als Zeugen aus, wie beispielsweise im Verfahren gegen den ehemaligen Innenminister des USK, Andrija Artuković (1899–1988), im Jahr 1986. Der letzte Prozess dieser Art fand 1998 in Zagreb statt, als Dinko Šakić (1921–2008), einer der ehemaligen Lagerkommandanten von Jasenovac, nach seiner Auslieferung aus Argentinien zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde.17„Dinko Šakić“.
Trotz seiner herausragenden Bedeutung als Ort des Geschehens wurde das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac im Nachkriegsjugoslawien mehr als zwei Jahrzehnte lang vernachlässigt. Initiativen von Veteranenverbänden, Überlebenden und Anwohner:innen zur Errichtung eines Denkmals fanden bei den jugoslawischen Zentralbehörden keine Unterstützung. Die Zahl der inoffiziellen Gedenkfeiern nahm hingegen im Laufe der Jahre zu und führte zu einem Einstellungswandel.18Karge, Steinerne Erinnerung, 187–201. Die Gedenkstätte Jasenovac wurde 1968 eröffnet, und ihre späteren Dauerausstellungen erwähnten auch in randständiger Form die romani Opfer des Lagers Jasenovac. In Uštica errichtete Pero Car (1920–1985), der Präsident des Verbandes der kroatischen Befreiungskämpfer (SUBNOR), Anfang Juli 1971 eine Gedenktafel zum Gedenken an die romani Opfer des Lagers Jasenovac, auf der zu lesen war: „Die Welt ist voller Mächte, aber nichts ist stärker als ein Mensch. Romani Friedhof 1942–1945.“ [Pun je sila svijet al‘ ništa od čovjeka jače nije. Romsko groblje 1942–1945.]
Zu dieser Zeit wurden auf einer Fläche von 4 700 Quadratmetern insgesamt 21 Massengräber registriert. Diese Gedenktafel war eines der ersten und seltenen Denkmäler, die im sozialistischen Kroatien (Jugoslawien) zum Gedenken an die romani Opfer des Zweiten Weltkriegs errichtet wurden. In diese Zeit fallen auch die ersten Besuche der Gedenkstätte durch romani Delegationen. Uštica wurde in den 1980er Jahren als Ort der Erinnerung an die romani Opfer für eine weitere Gestaltung vorgesehen und wurde 1983 zu einem integralen Bestandteil der Gedenkstätte Jasenovac.19Papo Hutinec, „Memorialisation of Roma Genocide“, 96 und 100; Vojak, „Between Oblivion and Recognition“, 128–131.
Diese Entwicklung wurde durch den Zerfall Jugoslawiens und die darauffolgenden Kriege in den 1990er Jahren unterbrochen, die schwere Schäden an der Gedenkstätte Jasenovac verursachten und zur Zerstreuung der Museumsobjekte führten. Das Museum eröffnete 2006 eine neue Dauerausstellung, in der die Verfolgung und Ermordung der Rom:nja etwas ausführlicher als zuvor beleuchtet wurden, jedoch im Gegensatz zu anderen Opfergruppen nach wie vor ohne individuelle Lebensgeschichten, abgesehen von jener des Überlebenden Nadir Dedić (1928/30–2023).20Radonić, Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen, 56–61 und 135–138.
Uštica war eine Zeit lang vernachlässigt und nicht gepflegt worden, bis es 2012 auf Initiative von romani Nichtregierungsorganisationen sowie politischen Vertreter:innen der Rom:nja restauriert wurde. In Uštica finden jährlich Gedenkfeiern statt, darunter der Europäische Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma (der in Kroatien als Internationaler Gedenktag für die Romani Opfer des Völkermords im Zweiten Weltkrieg/Samudaripen [Međunarodni dan sjećanja na romske žrtve genocida u Drugom svjetskom ratu/Samudaripen] bezeichnet wird).
Am 2. August 2020 wurde das Romski memorijalni centar Uštica [Romani Gedenkzentrum Uštica] auf Initiative der romani Vereinigung „Kali Sara“ sowie von politischen Vertreter:innen der Rom:nja und mit Unterstützung staatlicher und lokaler Behörden als Gedenk- und Bildungszentrum für Forschung und Aufklärung über die romani Opfer des Lagers Jasenovac eröffnet.21Papo Hutinec, „Memorialisation of Roma Genocide“, 107–112; „Romski memorijalni centar Uštica“; Vojak, „Between Oblivion and Recognition“, 131–134. Im Jahr 2023 wurde der Friedhof von Uštica um neue Gedenkinstallationen ergänzt: Dunkle Marmorplatten mit den Namen der in Jasenovac ermordeten Rom:nja säumen eine „Allee der romani Opfer“ [Aleja romskih žrtava] und umgeben das neue zentrale Denkmal „Mauer des Schmerzes“ [Zid boli], das die Zahl der 16 173 Opfer sowie die Worte „Ihr seid nicht vergessen“ in drei Sprachen (Romanes, Kroatisch und Englisch) trägt. Darüber hinaus wurde ein sogenannter Park der Gerechten mit der Statue von Hajrija Imeri-Mihaljić (Lebensdaten nicht bekannt) angelegt. Im Jahr 2025 wurde das Wandgemälde „Elegie des romani Volkes“ [Elegija romskog naroda] der Künstlerin Marija Šoln (geb. 1986) angebracht.
Die Gedenkstätte Donja Gradina (Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina), auf deren Gelände sich zahlreiche Massengräber befinden, ist den Mordopfern des Lagers Jasenovac gewidmet. Sie organisiert verschiedene Gedenkveranstaltungen, darunter ein Gebet für die in Jasenovac ermordeten Rom:nja, das am ersten Sonntag nach dem orthodoxen Osterfest stattfindet, sowie wissenschaftliche und andere Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Gedenken an die romani Opfer.22„Molitva nevinim žrtvama u Jasenovcu“; „Vijenac i minuta šutnje“. Zur Geschichte der Gedenkstätte Donja Gradina siehe Karge, Steinerne Erinnerung, 212–224.




